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Ich schlage mir die Hände vor den Mund, aber da ist es schon heraus. Der Himmel wird schwarz und ich höre ein Froschkonzert. Dummkopf!, schelte ich mich. Wie konnte ich nur so was Dummes tun! Starr warte ich darauf, dass die Angreifer durch den Wald toben. Dann fällt mir ein, dass kaum noch welche übrig sind.

Peeta, der verwundet wurde, ist nun mein Verbündeter. Die Zweifel, die ich ihm gegenüber hatte, sind schlagartig ausgelöscht. Wenn jetzt noch einer von uns den anderen töten sollte, würde er bei der Rückkehr in Distrikt 12 behandelt wie ein Aussätziger. Wäre ich jetzt Zuschauer, würde ich die Tribute verabscheuen, die sich nicht sofort mit dem Tribut aus ihrem Heimatdistrikt verbünden würden. Abgesehen davon ist es nur vernünftig, sich gegenseitig zu beschützen. Und in meinem Fall - schließlich sind wir das tragische Liebespaar aus Distrikt 12 - ist es eine absolute Notwendigkeit, wenn ich die Sympathien der Sponsoren nicht verlieren will.

Das tragische Liebespaar … Peeta muss die Masche die ganze Zeit durchgehalten haben. Weshalb sonst hätten die Spielmacher diese noch nie da gewesene Regel einführen sollen, dass plötzlich zwei Tribute die Chance haben zu gewinnen? Offenbar ist unsere »Liebesgeschichte« beim Publikum so gut angekommen, dass es den Erfolg der Spiele gefährden würde, wenn sie zum Scheitern verurteilt wäre. Was bestimmt nicht mein Verdienst ist. Ich habe Peeta nicht getötet, aber das ist auch schon alles. Doch was immer er in der Arena getan hat, es muss die Zuschauer davon überzeugt haben, dass er mich damit retten wollte. Als er den Kopf schüttelte, damit ich nicht zum Füllhorn rannte; sich Cato entgegenstellte, damit ich fliehen konnte. Selbst dass er gemeinsame Sache mit den Karrieros gemacht hat, diente meinem Schutz. Wie es aussieht, war Peeta zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für mich.

Bei diesem Gedanken muss ich lächeln. Ich lasse die Hände sinken und halte das Gesicht ins Mondlicht, damit die Kameras es ganz bestimmt einfangen.

Wer ist dann noch übrig, vor dem ich mich fürchten muss? Fuchsgesicht? Der Junge aus ihrem Distrikt ist tot. Sie ist allein unterwegs, nachts. Und ihre Strategie bestand bisher darin, auszuweichen, nicht anzugreifen. Selbst wenn sie meine Stimme gehört hat, glaube ich eigentlich nicht, dass sie mehr unternehmen wird, als zu hoffen, dass ein anderer mich umbringt.

Dann ist da noch Thresh. Na gut, der ist eine echte Bedrohung. Aber seit Beginn der Spiele habe ich ihn kein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Mir fällt ein, wie alarmiert Fuchsgesicht am Ort der Explosion war, als sie ein Geräusch hörte. Aber sie hat sich nicht zum Wald umgedreht, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Zu dem Teil der Arena, der in unbekannte Tiefen abfällt. Ich bin fast sicher, dass es Thresh war, vor dem sie weggerannt ist, und dass dies sein Reich ist. Von dort könnte er mich nie hören, und selbst wenn - ich sitze viel zu weit oben, als dass jemand von seiner Statur mich erreichen könnte.

Bleiben noch Cato und das Mädchen aus Distrikt 2, die jetzt bestimmt die neue Regel feiern. Abgesehen von Peeta und mir sind sie die Einzigen, die davon profitieren. Soll ich nun vor ihnen weglaufen, nur auf den Verdacht hin, sie könnten gehört haben, wie ich Peetas Namen rief? Nein, denke ich mir. Sollen sie ruhig kommen. Sollen sie kommen, mit ihren Nachtsichtbrillen und ihren schweren Körpern, unter denen die Äste brechen. Schön in Reichweite meiner Pfeile. Aber ich weiß, dass sie das nicht tun werden. Schon bei Tag haben sie sich nicht in die Nähe meines Feuers gewagt, also werden sie bei Nacht bestimmt nicht riskieren, in die mögliche Falle zu tappen. Wenn sie kommen, dann bestimmen sie die Bedingungen - nicht, weil ich ihnen meinen Aufenthaltsort verrate.

Bleib, wo du bist, Katniss, und schlaf ein bisschen, befehle ich mir, obwohl ich mich jetzt zu gern auf die Suche nach Peeta machen würde. Morgen wirst du ihn finden.

Ich schlafe, aber am nächsten Morgen bin ich besonders vorsichtig. Auf einem Baum wollten die Karrieros mich vielleicht nicht angreifen, doch aus dem Hinterhalt könnten sie mich garantiert überfallen. Bevor ich hinunterklettere, bereite ich mich gut auf den Tag vor, frühstücke ausgiebig, packe den Rucksack, mache meine Waffen fertig. Aber auf dem Boden scheint alles friedlich und unberührt.

Heute werde ich übervorsichtig sein müssen. Die Karrieros können sich denken, dass ich versuchen werde, Peeta zu finden. Vielleicht warten sie auch, bis ich es geschafft habe, bevor sie angreifen. Falls er tatsächlich so schwer verwundet ist, wie Cato denkt, werde ich uns beide allein verteidigen müssen, ohne Unterstützung. Aber wenn Peeta wirklich außer Gefecht gesetzt ist, wie kann er dann so lange am Leben geblieben sein? Und wie soll ich ihn bloß finden?

Ich versuche, mir alles ins Gedächtnis zu rufen, was Peeta je gesagt hat und was mir einen Anhaltspunkt für ein mögliches Versteck geben kann, aber es klingelt nicht. Also versuche ich mich an den letzten Augenblick zu erinnern, als ich ihn im Sonnenlicht glitzern sah und er mir zubrüllte, ich solle wegrennen. Als Nächstes erschien Cato mit gezücktem Schwert. Und nachdem ich weg war, hat er Peeta verwundet. Aber wie konnte Peeta ihm entkommen? Vielleicht hat ihm das Jägerwespengift weniger ausgemacht als Cato. Vielleicht konnte er deshalb fliehen. Aber auch er war gestochen worden. Wie weit konnte er da kommen, verletzt und mit Gift im Blut? Und wie hat er all die Tage seitdem überlebt? Wenn die Wunde und die Stiche ihn nicht getötet haben, müsste er inzwischen schon verdurstet sein.

Und da habe ich plötzlich eine erste Ahnung, wo er sich aufhalten könnte. Ohne Wasser kann er nicht überlebt haben. Das weiß ich noch von meinen ersten Tagen hier. Er muss sich irgendwo in der Nähe einer Wasserquelle versteckt halten. Da wäre der See, doch das halte ich für unwahrscheinlich, weil zu nahe am Lager der Karrieros. Es gibt ein paar von Quellen gespeiste Tümpel. Aber da wäre man eine allzu leichte Beute. Und dann ist da noch der Bach. Der von Rues und meinem Lager bis hinunter zum See fließt und noch weiter. Am Bach könnte er den Ort wechseln und trotzdem immer in der Nähe des Wassers bleiben. Wenn er durchs Wasser läuft, verwischt er alle Spuren. Und Fische gibt es reichlich.

Jedenfalls kann ich am Bach mal anfangen.

Um meine Feinde zu verwirren, mache ich ein Feuer mit viel grünem Holz. Selbst wenn sie sich denken, dass es nur ein Trick ist, werden sie hoffentlich annehmen, dass ich mich in der Nähe versteckt halte. In Wirklichkeit mache ich mich auf die Suche nach Peeta.

Gleich nach Sonnenaufgang ist der Morgendunst verdampft und mir schwant, dass dieser Tag heißer als sonst werden wird. Das Wasser an meinen nackten Füßen ist angenehm kühl. Während ich flussabwärts gehe, überlege ich, ob ich Peetas Namen rufen soll, lasse es dann aber. Ich werde ihn mit meinen Augen und dem einen guten Ohr finden müssen - oder er muss mich finden. Aber er kann sich ja denken, dass ich nach ihm suche, oder? Er wird mir wohl nicht zutrauen, dass ich die neue Regel ignoriere und für mich bleiben will. Oder? Sein Verhalten ist schwer vorauszusagen und unter anderen Umständen würde ihn das möglicherweise interessant machen. Im Moment bedeutet es lediglich ein weiteres Hindernis.

Schon bald komme ich zu der Stelle, an der ich auf meinem Weg zum Lager der Karrieros den Bach verlassen habe. Nirgendwo ein Zeichen von Peeta, aber das wundert mich nicht. Seit dem Zwischenfall mit den Jägerwespen bin ich diesen Abschnitt dreimal gegangen. Wenn er hier in der Nähe wäre, wäre mir bestimmt irgendetwas aufgefallen. Der Bach macht eine Biegung nach links in einen Teil des Waldes, den ich noch nicht kenne. Lehmige, von verschlungenen Wasserpflanzen bedeckte Ufer führen zu großen Felsen; immer riesiger werden sie, bis ich das Gefühl habe, in der Falle zu sitzen. In diesem felsigen Gelände wäre es nicht so einfach, aus dem Bach zu fliehen. Oder Cato und Thresh abzuwehren. Und gerade als ich beschließen will, dass ich völlig auf der falschen Fährte bin, dass ein verletzter Junge kaum in der Lage wäre, an dieser Stelle zum Wasser und wieder hinauf zu gelangen, entdecke ich eine Blutspur, die sich um einen Felsblock herumzieht. Das Blut ist längst getrocknet, doch die verschmierten Linien, die von rechts nach links verlaufen, legen nahe, dass jemand, der möglicherweise nicht ganz bei sich war, versucht hat, sie wegzuwischen.