»Gleich«, verspreche ich. »Erst muss ich mir dein Bein ansehen.« So behutsam es geht, streife ich ihm Stiefel und Socken ab und ziehe dann ganz langsam die Hose herunter. Ich sehe den Schnitt, den Catos Schwert im Stoff an seinem Oberschenkel verursacht hat, aber trotzdem bin ich nicht auf das gefasst, was mich darunter erwartet. Die klaffende, entzündete Wunde, aus der Blut und Eiter sickern. Die Schwellung des Beins. Und am schlimmsten: der Gestank von faulendem Fleisch.
Am liebsten würde ich weglaufen. Im Wald verschwinden, wie damals, als sie den Mann mit den schweren Verbrennungen zu uns brachten. Jagen gehen, während meine Mutter und Prim das tun, wozu mir sowohl das Geschick als auch der Mut fehlt. Aber hier ist niemand außer mir. Ich versuche genauso ruhig zu bleiben wie meine Mutter immer bei den besonders schlimmen Fällen.
»Ziemlich übel, was?«, sagt Peeta. Er beobachtet mich genau.
»Geht so.« Ich zucke die Achseln, als wenn es nichts Besonderes wäre. »Du müsstest mal die Leute aus den Minen sehen, die sie zu meiner Mutter bringen.« Ich verschweige lieber, dass ich immer flüchte, sobald sie etwas Schlimmeres als Schnupfen zu behandeln hat. Ehrlich gesagt bin ich nicht mal gern in der Nähe, wenn jemand hustet. »Erst mal müssen wir sie gut säubern.«
Peetas Unterhose habe ich gelassen, wo sie ist, weil sie nicht zerrissen ist und ich sie nicht über den geschwollenen Oberschenkel ziehen will, und, na gut, vielleicht auch, weil mir die Vorstellung unangenehm ist, ihn nackt zu sehen. Noch etwas, das mich von meiner Mutter und Prim unterscheidet. Nacktheit lässt sie völlig kalt, ist ihnen überhaupt nicht peinlich. Paradoxerweise könnte an diesem Punkt der Spiele meine kleine Schwester Peeta viel besser helfen als ich. Ich breite meine Plastikplane unter ihm aus, um den Rest seines Körpers zu waschen.
Je mehr Wasser ich über ihn gieße, desto schlimmer sieht die Wunde aus. Abgesehen davon hat sein Unterkörper nicht viel abbekommen, nur einen Wespenstich und ein paar kleinere Verbrennungen, die ich rasch behandeln kann. Aber die klaffende Wunde an seinem Bein … Was um Himmels willen soll ich damit machen?
»Vielleicht sollten wir sie ein wenig an der Luft lassen und dann …« Ich verstumme.
»Und dann flickst du sie zusammen?«, sagt Peeta. Er sieht fast so aus, als hätte er Mitleid mit mir; als wüsste er, wie ratlos ich bin.
»Genau«, sage ich. »In der Zwischenzeit isst du das hier.« Ich lege ihm ein paar getrocknete Birnenhälften in seine Hand und gehe zurück zum Bach, um die anderen Kleider zu waschen. Als sie zum Trocknen ausgebreitet daliegen, untersuche ich den Inhalt des Erste-Hilfe-Sets. Kaum mehr als eine Grundausstattung. Mullbinden, Fiebertabletten, Medikamente gegen Bauchschmerzen. Nichts von dem Kaliber, das ich brauchte, um Peeta zu behandeln.
»Wir müssen ein bisschen improvisieren«, gestehe ich ein. Ich weiß, dass das Wespenkraut gegen Infektionen hilft, also fange ich damit an. Nachdem ich eine Handvoll zerkaute grüne Pampe ein paar Minuten lang in die Wunde gepresst habe, läuft Eiter an seinem Bein herunter. Ich nehme das als gutes Zeichen und beiße fest in meine Wange, denn mein Frühstück droht wieder hochzukommen.
»Katniss?«, sagt Peeta. Ich schaue ihn an und mir ist klar, dass ich ganz grün im Gesicht sein muss. »Wie steht’s mit dem Kuss?«, fragt er unhörbar.
Ich pruste los, das Ganze ist so ekelhaft, dass ich es kaum aushalte.
»Stimmt was nicht?«, fragt er ein bisschen zu unschuldig.
»Ich … ich kann das nicht so gut. Ich bin nicht meine Mutter. Ich habe keine Ahnung, was ich hier mache, und Eiter finde ich widerlich«, sage ich. »Ah!« Während ich die erste Ladung Blätter entferne und die zweite auflege, gestatte ich mir aufzustöhnen: »Aaaaah!«
»Wie bringst du es dann fertig zu jagen?«, fragt er.
»Etwas zu töten ist viel einfacher als das hier, das kannst du mir glauben«, sage ich. »Obwohl, wenn mich nicht alles täuscht, töte ich dich gerade.«
»Kannst du dich ein bisschen beeilen?«, fragt er.
»Nein. Halt den Mund und iss deine Birnen«, sage ich.
Nach drei Anwendungen und einem Eimer voller Eiter - so kommt es mir vor - sieht die Wunde besser aus. Die Schwellung ist jetzt so weit zurückgegangen, dass ich erkenne, wie tief Catos Schwert eingedrungen ist. Bis auf den Knochen.
»Und jetzt, Dr. Everdeen?«, fragt er.
»Vielleicht schmiere ich etwas Brandsalbe darauf. Die müsste bei allen Infektionen helfen. Und dann verbinden?« Gesagt, getan. Als die Wunde von einer sauberen weißen Baumwollbinde verdeckt ist, sieht alles nur noch halb so wild aus. Dafür wirkt der Saum seiner Unterhose gegen die sterile Mullbinde schmutzig und infektiös. Ich ziehe Rues Bündel hervor. »Hier, bedeck dich damit, während ich deine Unterhose wasche.«
»Ach, mir ist es egal, ob du mich nackt siehst«, sagt Peeta.
»Du bist wie die anderen in meiner Familie«, sage ich. »Mir ist es nicht egal, kapiert?« Ich drehe mich um und schaue auf den Bach, bis die Unterhose hineinplatscht. Wenn er werfen kann, muss es ihm ein bisschen besser gehen.
»Für jemanden, der so gefährlich ist, bist du aber ganz schön zimperlich«, sagt Peeta, während ich die Unterhose gegen zwei Steine schlage, bis sie sauber ist. »Da hättest du mal Haymitch abduschen sollen.«
Bei der Erinnerung rümpfe ich die Nase. »Was hat er dir denn bisher geschickt?«
»Null Komma nichts«, sagt Peeta. Er verstummt, als der Groschen fällt. »Wieso, hast du was bekommen?«
»Arznei gegen Verbrennungen«, sage ich fast kleinlaut. »Ach ja, und ein bisschen Brot.«
»Ich hab ja schon immer gewusst, dass du sein Liebling bist«, brummt Peeta.
»Ich bitte dich, er hält es noch nicht mal im selben Raum mit mir aus«, sage ich.
»Weil ihr genau gleich seid«, murmelt Peeta. Ich übergehe die Bemerkung, denn jetzt ist nicht der richtige Moment, um über Haymitch herzuziehen, und das ist mein erster Impuls.
Ich lasse Peeta schlafen, solange seine Kleider trocknen, aber am späten Nachmittag wage ich nicht noch länger zu warten. Ich rüttele sacht an seiner Schulter. »Peeta, wir müssen los.«
»Los?« Er scheint verwirrt. »Wohin denn?«
»Weg von hier. Stromabwärts vielleicht. Irgendwohin, wo wir uns verstecken können, bis du dich erholt hast«, sage ich. Ich helfe ihm beim Anziehen, nur die Schuhe lasse ich aus, damit wir durchs Wasser gehen können, und ziehe ihn hoch. Als er das Bein belastet, weicht die Farbe aus seinem Gesicht. »Vorwärts. Du kannst es.«
Aber er kann es nicht. Zumindest nicht lange. Auf meine Schulter gestützt, schafft er vielleicht fünfzig Meter den Bach hinunter, dann droht er ohnmächtig zu werden. Ich setze ihn am Ufer ab, drücke ihm seinen Kopf zwischen die Knie und tätschele unbeholfen seinen Rücken, während ich die Umgebung absuche. Am liebsten würde ich ihn natürlich auf einen Baum verfrachten, aber das ist unmöglich. Doch es könnte schlimmer sein. Ab und zu bilden die Felsen kleine Höhlen. Eine davon peile ich an, sie befindet sich rund zwanzig Meter oberhalb des Bachs. Halb führe ich, halb trage ich Peeta zur Höhle hinauf. Gern würde ich mich nach einem besseren Platz umsehen, aber wir werden mit diesem vorliebnehmen müssen, denn mein Verbündeter ist am Ende. Er ist kreidebleich, keucht und zittert, obwohl es erst ein wenig kühler geworden ist.
Ich bedecke den Höhlenboden mit einer Schicht aus Kiefernnadeln, breite meinen Schlafsack aus und stecke Peeta hinein. Als er es nicht merkt, flöße ich ihm ein paar Tabletten und etwas Wasser ein, aber das Trockenobst verweigert er. Danach liegt er einfach nur da und starrt mich an, während ich versuche, an der Höhlenöffnung aus wildem Wein eine Art Vorhang zu drapieren, um sie zu tarnen. Das Ergebnis ist nicht zufriedenstellend. Ein Tier könnte vielleicht darauf hereinfallen, aber ein Mensch würde im Nu erkennen, dass hier Hände am Werk waren. Frustriert reiße ich ihn herunter.