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Das war’s, seine Worte verhallen. Ich mache einen Satz, als Peeta mir die Hand auf die Schulter legt. »Nein«, sagt er. »Du wirst nicht dein Leben für mich aufs Spiel setzen.«

»Wer sagt, dass ich das vorhabe?«, erwidere ich.

»Ach, dann gehst du also nicht hin?«, fragt er.

»Natürlich gehe ich nicht hin. Wofür hältst du mich? Glaubst du, ich renne geradewegs in eine Massenkeilerei mit Cato, Clove und Thresh? Sei nicht dumm«, sage ich und helfe ihm, sich wieder hinzulegen. »Sollen sie es untereinander auskämpfen. Morgen Abend werden wir sehen, wessen Foto am Himmel erscheint, und dann überlegen wir weiter.«

»Du lügst echt schlecht, Katniss. Es ist mir schleierhaft, wie du so lange überleben konntest.« Er äfft mich nach. »Ich wusste, dass die Ziege eine kleine Goldgrube werden würde. Es fühlt sich ein bisschen kühler an. Natürlich gehe ich nicht hin.« Er schüttelt den Kopf. »Lass ja die Finger vom Glücksspiel, falls du je in Versuchung gerätst. Du würdest deinen letzten Heller verlieren«, sagt er.

Ich werde rot vor Zorn. »Also gut, ich werde gehen und du kannst mich nicht aufhalten!«

»Ich kann dir aber folgen. Wenigstens einen Teil des Weges. Ich schaffe es vielleicht nicht bis zum Füllhorn, aber wenn ich deinen Namen schreie, dann findet mich bestimmt jemand. Und dann sterbe ich auf jeden Fall«, sagt er.

»Mit dem Bein kommst du keine hundert Meter weit«, sage ich.

»Dann krieche ich eben«, sagt Peeta. »Wenn du gehst, komme ich mit.«

Dickköpfig genug ist er, vielleicht sogar stark genug. Im Wald hinter mir herschreien. Selbst wenn ihn kein Tribut findet, es gibt noch andere Kandidaten. Er kann sich nicht verteidigen. Wenn ich allein gehen wollte, müsste ich ihn in der Höhle einmauern. Aber wer weiß, wie sehr ihn die Anspannung mitnehmen wird.

»Was soll ich tun? Hier sitzen und zusehen, wie du stirbst?«, sage ich. Er muss doch einsehen, dass das nicht geht. Dass die Zuschauer mich hassen würden. Und ehrlich gesagt, ich müsste mich selbst hassen, wenn ich es nicht mal versuchen würde.

»Ich werde nicht sterben. Ich verspreche es. Wenn du versprichst, dass du nicht hingehst«, sagt er.

Wir sind in einer Sackgasse gelandet. Ich weiß, dass ich es ihm nicht ausreden kann, also versuche ich es erst gar nicht. Ich tue so, als würde ich ihm widerstrebend zustimmen. »Dann musst du aber tun, was ich sage. Dein Wasser trinken, mich wecken, wann ich sage, brav deine Suppe schlürfen, egal, wie abscheulich sie ist!«, fahre ich ihn an.

»Abgemacht. Ist sie schon fertig?«, fragt er.

»Warte hier«, sage ich. Es ist kalt geworden, obwohl die Sonne noch am Himmel steht. Ich hatte recht, die Spielmacher manipulieren die Temperatur. Ich frage mich, wie viele unserer Gegner wohl verzweifelt eine warme Decke benötigen. Die Suppe im Eisentopf ist noch warm. Eigentlich schmeckt sie gar nicht so schlecht.

Peeta isst klaglos und kratzt sogar den Topf aus, um seine Begeisterung zu zeigen. Er schwafelt davon, wie köstlich sie ist, was ermutigend sein könnte, wüsste ich nicht, was Fieber alles bewirken kann. Er redet wie Haymitch, kurz bevor der Alkohol ihn ins Delirium schickt. Ehe er völlig abdreht, gebe ich ihm noch eine Dosis Fiebertabletten.

Während ich zum Bach gehe, um abzuwaschen, kann ich nur an eins denken: Wenn ich nicht zu diesem Fest gehe, wird er sterben. Ein oder zwei Tage kann er noch durchhalten, aber dann wird die Infektion auf sein Herz oder sein Gehirn oder seine Lunge übergreifen und das ist das Ende. Dann bin ich hier ganz allein. Wieder allein. Und warte auf die anderen.

Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich fast den Fallschirm übersehen hätte, der neben mir herunterschwebt. Aber dann stürze ich mich auf ihn, ziehe ihn aus dem Wasser, reiße den silbernen Stoff ab und ziehe das Fläschchen heraus. Haymitch hat es geschafft! Er hat das Medikament bekommen - ich weiß nicht, wie, vielleicht hat er eine Schar romantischer Deppen überredet, ihren Schmuck zu verkaufen - und ich kann Peeta retten! Allerdings ist das Fläschchen unheimlich klein. Die Medizin muss sehr stark sein, wenn sie einen Menschen kurieren soll, der so krank ist wie Peeta. In mir regt sich Zweifel. Ich öffne das Fläschchen und rieche daran. Bei dem ekligen süßen Duft legt sich meine Begeisterung schlagartig. Um sicherzugehen, träufele ich einen Tropfen auf meine Zunge. Keine Frage, es ist Schlafsirup. Eine ganz normale Arznei in Distrikt 12. Für ein Medikament billig und hochgradig suchterzeugend. Fast jeder hat schon mal eine Dosis davon genommen. Wir haben auch eine Flasche zu Hause. Meine Mutter verabreicht es bei hysterischen Patienten, wenn sie schlimme Wunden nähen muss, als Beruhigungsmittel oder einfach nur, damit jemand, der starke Schmerzen hat, die Nacht übersteht. Man braucht nur wenig davon. Ein Fläschchen dieser Größe könnte Peeta einen ganzen Tag lang außer Gefecht setzen, aber wozu? Ich bin so wütend, dass ich Haymitchs Geschenk schon in den Bach schmeißen will, als es mir wie Schuppen von den Augen fällt. Einen ganzen Tag? Das ist mehr, als ich brauche.

Ich zerstampfe eine Handvoll Beeren, damit der Sirup nicht so durchschmeckt, und mische sicherheitshalber noch Pfefferminzblätter darunter. Dann gehe ich zurück zur Höhle. »Ich habe dir was Leckeres mitgebracht. Ein Stück den Bach runter habe ich eine neue Stelle mit Beeren gefunden.«

Ohne Zögern öffnet Peeta den Mund für den ersten Happen. Er schluckt ihn hinunter, dann runzelt er die Stirn. »Die sind aber süß.«

»Ja, das sind Zuckerbeeren. Meine Mutter macht daraus immer Marmelade. Hast du die noch nie gegessen?«, sage ich, während ich ihm den nächsten Löffel in den Mund schiebe.

»Nein«, sagt er fast verwundert. »Aber der Geschmack kommt mir irgendwie bekannt vor. Zuckerbeeren?«

»Auf dem Markt bekommt man sie nur selten, weißt du, sie wachsen nur wild«, sage ich. Noch ein Löffel voll geht seinen Weg. Jetzt nur noch einer.

»Sie schmecken so süß wie Sirup«, sagt er und nimmt den letzten Happen. »Sirup.« Seine Augen weiten sich, als er begreift. Ich drücke ihm meine Hand fest auf Nase und Mund und zwinge ihn zu schlucken, statt auszuspucken. Er versucht, das Zeug zu erbrechen, aber zu spät, er verliert schon das Bewusstsein. Während er wegdämmert, sehe ich seinem Blick an, dass ich etwas Unverzeihliches getan habe.

Ich hocke mich auf die Fersen und betrachte ihn halb traurig, halb zufrieden. Eine einsame Beere besudelt sein Kinn. Ich wische sie weg. »Wer lügt hier schlecht, Peeta?«, sage ich, obwohl er mich nicht hören kann.

Macht nichts. Dafür hört mich ganz Panem.

21

In den Stunden, die bis zum Einbruch der Nacht bleiben, sammele ich Steine und versuche nach Kräften, den Eingang zur Höhle zu tarnen. Mühsam ist das, aber nach viel Schwitzen und Hin-und Herschieben bin ich mit meinem Werk ganz zufrieden. Der Gesteinshaufen vor der Höhle unterscheidet sich nicht von den anderen in der Umgebung. Durch eine kleine Öffnung, die von außen nicht zu entdecken ist, kann ich noch zu Peeta hineinschlüpfen. Das ist wichtig, weil ich heute Nacht ja wieder den Schlafsack mit ihm teilen muss. Und falls ich nicht von dem Fest zurückkehre, ist Peeta gut versteckt, aber nicht eingesperrt. Allerdings bezweifele ich, dass er ohne Medikamente noch lange durchhält. Sollte ich bei dem Fest sterben, wird Distrikt 12 wohl nicht den Sieger stellen.

Aus kleinen, grätenreichen Fischen, die in diesem Abschnitt des Baches leben, bereite ich eine Mahlzeit, fülle sämtliche Wasserbehälter und lege meine Waffen zurecht. Ich habe noch neun Pfeile. Ich überlege, ob ich Peeta das Messer dalassen soll, damit er sich verteidigen kann, solange ich fort bin, aber das hat keinen Sinn. Er hat recht, Tarnung ist seine letzte Verteidigung. Ich dagegen kann das Messer womöglich noch gebrauchen. Denn wer weiß, womit ich rechnen muss?