Das Orchester schmetterte den feierlichen Marsch der Preobrashenskojer.
Ein Gardeoberst trat stramm vor, salutierte und rief mit schallender, vor Erregung zitternder Baßstimme: »Kaiserliche Majestät! Gestatten Sie, Ihnen namens der Offiziere Ihrer persönlichen Eskorte einen goldenen Säbel mit der Aufschrift >Für Tapferkeit< zu überreichen! Zur Erinnerung an den gemeinsamen Kriegsdienst! Gekauft von den persönlichen Mitteln der Offiziere!«
Einer der Flügeladjutanten flüsterte Warja zu: »Gut gemacht! Tolle Kerle!«
Der Imperator nahm das Geschenk entgegen und wischte mit dem Handschuh eine Träne weg.
»Danke, meine Herren, danke. Bin gerührt. Jeder bekommt von mir einen Säbel. Ein halbes Jahr haben wir sozusagen aus demselben Kochgeschirr ...«
Er sprach nicht zu Ende, winkte nur.
Rundum schneuzte sich alles, einer schluchzte sogar auf. Warja sah plötzlich in der Menge der Beamten Fandorin. Wie kam der hierher? Er war doch nur ein kleiner Titularrat. Aber da entdeckte sie neben Fandorin den Chef der Gendarmerie, und nun war alles klar. Fandorin war letztlich der wahre Held, dem die Gefangennahme der türkischen Armee zu danken war. Ohne ihn hätte diese
Parade nicht stattfinden können. Er würde wohl auch eine Auszeichnung erhalten.
Fandorin fing Warjas Blick auf und schnitt eine hypochondrische Grimasse. Die allgemeine Begeisterung schien er nicht zu teilen.
Nach der Parade erwehrte sie sich fröhlich des schwarzäugigen Flügeladjutanten, der dauernd versuchte, gemeinsame Petersburger Bekannte zu finden, da trat Fandorin herzu, machte eine leichte Verbeugung und sagte: »Entschuldigen Sie, Herr O-Oberst. Warwara Andrejewna, der Imperator möchte Sie und mich sehen.«
ELFTES KAPITEL,
in welchem Warja in die höchsten Sphären der Politik vordringt
»Times« (London)
vom 16. (4.) Dezember 1877
Derby und Carnarvon drohen mit Rücktritt
»Aufder gestrigen Kabinettssitzung schlug Graf Beaconsfield vor, vom Parlament einen außerordentlichen Kredit von 6 Millionen Pfund Sterling zu fordern, mit denen ein Expeditionskorps ausgerüstet werden soll, das binnen kurzer Zeit auf den Balkan geschickt werden kann, um die Interessen des Imperiums gegen die unmäßigen Ansprüche Zar Alexanders zu verteidigen. Der Beschluß wurde angenommen gegen den Widerstand des Ministers für Auswärtige Angelegenheiten Lord Derby und des Staatssekretärs für die Kolonien Lord Carnarvon, die sich gegen eine direkte Konfrontation mit Rußland wandten. Beide Minister waren in der Minderheit und reichten Ihrer Majestät ein Rücktrittsgesuch ein. Die Reaktion der Königin steht noch aus.«
Für die Parade in allerhöchster Anwesenheit hatte Warja sich herausstaffiert, also würde sie vor dem Zaren nicht wegen ihres Aufzugs erröten müssen (auch wenn die Feldzugsbedingungen Abstriche erzwangen) - das ging ihr als erstes durch den Kopf. Blaßlila Hut mit Moireschleife und Schleier, violettes Reisekleid mit besticktem Mieder und gemäßigter Schleppe, schwarze Schuhe mit Perlmuttknöpfen. Bescheiden, nicht extravagant, aber anständig - dank den Bukarester Läden.
»Wird man uns auszeichnen?« fragte sie unterwegs.
Fandorin hatte sich auch in Gala geworfen: Hose mit Bügelfalte, die Stiefel spiegelblank gewienert, im Knopfloch des gebügelten Gehrocks ein kleiner Orden. Unbestreitbar, der Titularrat sah gar nicht übel aus, nur war er gar zu jung.
»Wohl kaum.«
»Warum nicht?« fragte Warja verwundert.
»Zuviel der Ehre«, antwortete Fandorin nachdenklich. »Noch sind nicht alle G-generäle ausgezeichnet worden, wir kommen erst an sechzehnter Stelle.«
»Aber wenn nicht wir beide ... Das heißt, ich will sagen, ohne Sie wäre Osman Pascha doch durchgebrochen! Können Sie sich vorstellen, was dann gewesen wäre?«
»K-kann ich. Aber nach dem Sieg wird an so was gewöhnlich nicht gedacht. Nein, hier riecht es nach Politik, glauben Sie meiner Erfahrung.«
Der »Feldpalast« hatte nur sechs Zimmer, darum mußte die Vortreppe als Empfangssalon herhalten. Hier standen bereits ein Dutzend Generäle und ranghohe Offiziere, die darauf warteten, vor die allerhöchsten Augen treten zu dürfen. Sie alle sahen dümmlich-freudig aus - es roch nach Orden und Beförderungen. Warja wurde mit begreiflicher Neugier angestarrt. Sie blickte hochmütig über die Köpfe hinweg auf die niedrige Wintersonne. Mochten die alle sich den Kopf zerbrechen, wer die verschleierte junge Dame war und weshalb sie hier zur Audienz erschien.
Das Warten zog sich in die Länge, aber es war überhaupt nicht langweilig.
»Wer ist da so lange drin, General?« fragte sie hoheitsvoll einen großgewachsenen alten Herrn mit zottigem Schnurrbart.
»Sobolew«, sagte der General mit wichtiger Miene. »Schon eine halbe Stunde.« Er nahm Haltung an, berührte einen nagelneuen Orden am schwarz-orangenen Band auf seiner Brust. »Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich habe mich nicht vorgestellt. Iwan Stepanowitsch Ganezki, Befehlshaber des Grenadierkorps.« Und verstummte abwartend.
»Warwara Andrejewna Suworowa.« Sie nickte ihm zu. »Freut mich sehr.«
Aber da mischte sich Fandorin gegen seine sonstige Gepflogenheit unhöflich ins Gespräch.
»Sagen Sie, General, war vor dem Sturmangriff der K-korrespondent der >Daily Post< MacLaughlin bei Ihnen?«
Ganezki warf einen mißmutigen Blick auf den zivilen Milchbart, aber er kalkulierte wohl, daß dieser nicht umsonst zum Zaren gebeten wurde, und antwortete höflich: »Ja, war er. Seinetwegen ist ja alles gekommen.«
»Was denn?« fragte Fandorin mit begriffsstutziger Miene.
»Haben Sie es noch nicht gehört?« Der General erklärte es wohl zum wiederholten Mal. »Ich kenne MacLaughlin von Petersburg. Ein ernsthafter Mensch und Freund Rußlands, obwohl Untertan der Königin Victoria. Er sagte mir, daß jeden Moment Osman Paschas Leute bei mir erscheinen würden, um die Kapitulation zu überbringen, und da habe ich sofort Meldegänger nach vorn geschickt, damit Gott behüte nicht geschossen wird. Und ich alter Esel habe in aller Eile den Paraderock angelegt.« Der General lächelte verlegen, und Warja fand ihn schrecklich sympathisch. »Die Türken haben unsere Vorposten ohne einen Schuß gefangengenommen. Zum Glück haben meine Jungs, die Grenadiere, mich nicht im Stich gelassen, sie haben sich gehalten, bis Sobolew in Osman Paschas Rücken zugeschlagen hat.«
»Wo ist MacLaughlin abgeblieben?« fragte der Titularrat und sah Ganezki mit kalten blauen Augen durchdringend an.
»Ich habe ihn nicht mehr gesehen.« Der General zuckte die Achseln. »Ich hatte anderes im Kopf. Was da losging - Gott soll schützen. Die Baschi-Bosuks waren schon fast beim Stab, ich konnte mich gerade noch in Sicherheit bringen mit meinem Paraderock.«
Die Tür wurde aufgerissen, und auf der Vortreppe erschien Sobolew, sein Gesicht war gerötet, und die Augen hatten einen besonderen Glanz.
»Wozu darf ich gratulieren, Michail Dmitrijewitsch?« fragte ein General von kaukasischem Aussehen, er trug einen Tscherkessenrock mit vergoldeten Patronentaschen.
Alle hielten den Atem an, doch Sobolew hatte es nicht eilig mit der Antwort, er machte eine effektvolle Pause, blickte von einem zum anderen, zwinkerte Warja fröhlich zu.
Aber sie erfuhr nicht, womit der Imperator den Helden von Plewna beschenkt hatte, denn hinter dem Olympier zeigte sich die banale Physiognomie von Lawrenti Misinow. Der oberste Gendarm des Imperiums winkte Fandorin und Warja mit dem Finger zu sich. Das Herz pochte wie verrückt.
Als Warja an Sobolew vorbeiging, flüsterte er: »Warwara Andrejewna, ich warte auf Sie.«