Выбрать главу

»Ich hege keinen Haß gegen Sie«, sagte Warja. »Es macht mich nur traurig, daß ein so talentierter Mensch wie Sie sich mit solchem Schmutz beschäftigt. Ich erinnere mich, wie Misinow die Geschichte Ihres Lebens vorlas ... «

»Wirklich?« sagte Anwar zerstreut, er horchte auf den Schußwechsel.

»Ja. So viele Intrigen, so viele Tote! Der Tscherkesse, der vor seiner Hinrichtung Arien sang, war doch Ihr Freund? Haben Sie den auch geopfert?«

»Ich denke nicht gern an diese Geschichte«, sagte er ernst. »Wissen Sie, was ich bin? Ein Geburtshelfer, ich helfe einem Säugling ans Licht der Welt, und meine Hände sind bis zum Ellbogen voller Blut und Schleim.«

Eine Salve krachte ganz in der Nähe.

»Ich werde jetzt die Tür öffnen«, sagte Anwar und spannte den Hahn, »und meinen Leuten helfen. Sie bleiben hier und stecken um Gottes willen nicht den Kopf heraus. Es ist bald zu Ende.«

Er griff nach dem Riegel und erstarrte plötzlich - in der Bank wurde nicht mehr geschossen. Es ertönten Stimmen, aber ob russische oder türkische war nicht auszumachen. Warja hielt den Atem an.

»Ich dreh dir die Visage nach hinten! Hier im Winkel sich rumdrücken, du Arsch-Arsch-Arsch!« bellte ein Unteroffiziersbaß, und die heimatliche Stimme ließ Warja erbeben.

Durchgehalten! Abgewehrt!

Das Schießen entfernte sich immer weiter, und sie hörten deutlich ein langgedehntes »Hurraa!«.

Anwar stand mit geschlossenen Augen da. Sein Gesicht war ruhig und traurig. Als die Schießerei

ganz aufhörte, zog er den Riegel zurück und öffnete ein wenig die Tür.

»Das war's, Mademoiselle Barbara. Ihre Einkerkerung ist beendet. Gehen Sie.«

»Und Sie?« flüsterte Warja.

»Die Dame wird ohne besonderen Vorteil geopfert. Schade. Ansonsten bleibt alles in Kraft. Gehen Sie. Ich wünsche Ihnen Glück.«

»Nein!« Sie wich seiner Hand aus. »Ich lasse Sie nicht hier. Ergeben Sie sich, ich werde vor Gericht zu Ihren Gunsten aussagen.«

»Damit die mir die Kehle zunähen und mich dann doch hängen?« sagte Anwar auflachend. »Nein, besten Dank. Ich kann vor allem zwei Dinge auf der Welt nicht ertragen - Demütigung und Kapitulation. Leben Sie wohl, ich muß allein sein.«

Er faßte Warja am Ärmel und schob sie mit einem sachten Stoß hinaus. Die Stahltür schloß sich gleich wieder.

Warja sah vor sich den bleichen Fandorin. Neben dem zerschlagenen Fenster stand General Misinow und schnauzte die Gendarmen an, die die Glasscherben zusammenfegten. Draußen tagte es.

»Wo ist Sobolew?« fragte Warja erschrocken. »Gefallen? Verwundet?«

»Lebendig und gesund«, antwortete Fandorin und musterte sie aufmerksam. »Er ist in seinem Element - verfolgt die Feinde. Der arme Perepjolkin ist wieder verwundet, ein Jatagan hat ihm das halbe Ohr abgeschnitten. Wahrscheinlich bekommt er wieder einen Orden. Und um den Fähnrich Gridnew brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, er ist auch am Leben.«

»Ich weiß«, sagte sie. Fandorin verengte ein wenig die Augen.

Misinow trat zu ihnen.

»Noch ein Loch im Mantel«, klagte er. »Das ist mir ein Tag. Er hat Sie rausgelassen? Ausgezeichnet! Jetzt können wir Dynamit nehmen.«

Er näherte sich vorsichtig der Tür zum Tresorraum und fuhr mit der Hand über den Stahl.

»Zwei Stangen müßten reichen. Oder ist das zuviel? Es wäre gut, den Halunken lebendig zu kriegen.«

Durch die Tür des Tresorraums klang sorgloses und höchst melodisches Pfeifen.

»Er pfeift!« rief Misinow entrüstet. »Wie finden Sie das? Na, du hast mir gleich ausgepfiffen. Nowgorodzew! Schicken Sie jemanden zu den Pionieren, Dynamit holen!«

»D-dynamit wird nicht gebraucht«, sagte Fandorin leise, er horchte auf das Pfeifen.

»Sie stottern ja wieder«, konstatierte Warja. »Heißt das, alles ist vorbei?«

Stiefelkrachend kam Sobolew herein, sein weißer Mantel mit den roten Aufschlägen stand offen.

»Sie sind zurückgewichen!« verkündete er mit heiserer Stimme. »Die Verluste sind entsetzlich hoch, aber macht nichts, bald kommt ein Zug mit Verstärkung. Aber wer pfeift da so schön? Das ist ja >Lucia di Lammermoor< von Donizetti, meine Lieblingsoper!« Der General fiel mit angenehmem, etwas heiserem Bariton ein:

Del siel clemente un riso,

la vita a noi sara!

Er sang gefühlvoll die letzte Strophe. Drinnen ertönte ein Schuß.

EPILOG

»Moskauer Regierungsnachrichten« vom 19. Februar (3. März) 1878 FRIEDENSVERTRAG UNTERSCHRIEBEN!

»Heute, am lichten Jahrestag der Allerhöchsten Barmherzigkeit(*Gemeint ist die Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland. D.Ü.), die der Bauernschaft vor 17 Jahren erwiesen wurde, ist eine neue lichte Seite in die Chronik der Regierungszeit des Befreierzaren geschrieben worden. Russische und türkische Bevollmächtigte unterzeichneten in San Stefano den Friedensvertrag, der den ruhmreichen Krieg für die Befreiung der christlichen Völker von der türkischen Herrschaft abschloß. Entsprechend den Vertragsbedingungen gewinnen Rumänien und Serbien die volle Unabhängigkeit, ein ausgedehntes Fürstentum Bulgarien wird gebildet, und Rußland erhält als Kompensation seiner Kriegskosten 1 Milliarde 410 Millionen Rubel, wobei der größte Teil dieser Summe in Gebietsabtretungen bestehen wird; dazu gehören Bessarabien und die Dobrudsha, ferner Arhagan, Kars, Batum, Bajasit...«

»Also, der Friedensvertrag ist unterschrieben, und er ist sehr günstig. Und Sie haben geunkt, Herr Pessimist«, sagte Warja - wieder nicht das, was sie eigentlich sagen wollte.

Von Petja hatte sich der Titularrat bereits verabschiedet, und der gestrige Untersuchungshäftling und heutige freie Mann Petja Jablokow stieg in den Waggon, um das Abteil zu besetzen und das Gepäck zu verstauen. Aus Anlaß des siegreichen Kriegsendes war er vollständig rehabilitiert worden und hatte sogar eine Medaille für Diensteifer bekommen.

Sie hätten schon vor zwei Wochen abreisen können, und Petja hatte auch gedrängt, aber Warja hatte es hingezogen, hatte gewartet und selber nicht gewußt, worauf.

Schade, der Abschied von Sobolew war nicht gut gewesen und hatte ihn verärgert. Aber wenn schon. Einen solchen Helden würde schon bald jemand trösten.

Doch nun war der Tag gekommen, da sie sich von Erast Fandorin verabschieden mußte. Seit dem frühen Morgen war Warja nervös. Sie machte dem armen Petja eine hysterische Szene wegen einer verlorenen Brosche, dann brach sie in Tränen aus.

Fandorin blieb noch eine Weile in San Stefano - mit der Unterzeichnung des Friedensvertrags war die diplomatische Kleinarbeit noch keineswegs beendet. Auf den Bahnhof kam er von irgendeinem Empfang - mit Frack, Zylinder und weißem Seidenschal. Er schenkte Warja einen Strauß Parmaveilchen, seufzte, trat von einem Fuß auf den anderen, glänzte aber heute nicht durch Redekunst.

»Der F-frieden ist gar zu günstig«, antwortete er. »Europa wird ihn nicht anerkennen. Anwar hat sein G-gambit sehr gut gespielt, und ich habe verloren. Ich habe einen Orden bekommen, hätte aber vor Gericht gehört.«

»Sie sind ungerecht gegen sich selbst! Schrecklich ungerecht!« sagte Warja heftig, voller Furcht, in Tränen auszubrechen. »Warum quälen Sie sich die ganze Zeit? Wären Sie nicht gewesen - ich weiß nicht, was aus uns allen geworden wäre.«

»Ungefähr dasselbe hat mir Misinow gesagt.« Fandorin lachte auf. »Und er hat mir jede A- auszeichnung versprochen, die in seiner Macht steht.«

Warja freute sich.

»Wirklich? Na Gott sei dank! Was haben Sie sich gewünscht?«

»Daß man mich zum Dienst ans E-ende der Welt schickt, weit weg von alldem hier.« Er machte eine unbestimmte Handbewegung.