Er blickte auf. Die Nacht war mondlos, und die Sterne standen außergewöhnlich hell und scharf im Himmel. Charley fand sofort das Sternbild Orion, und seine Augen konzentrierten sich auf den östlichen Gürtelstern. Er wußte seinen Namen nicht, obwohl er in seinem geliehenen Buch danach gesucht hatte, aber es schien ihm der schönste Stern zu sein, den er je gesehen hatte. Ein ehrfürchtiger Schauer überlief seinen Rücken. Er dachte an große Planeten, die diesen Stern umkreisten, an seltsame Städte und an Geschöpfe, die keine Menschen waren, aber in Düsenmaschinen und Raketen herumsausten. Er versuchte sich vorzustellen, wie die Städte auf dieser anderen Welt aussehen mochten, aber dann wurde ihm die Ironie seines Gedankens bewußt, und rümpfte zornig die Nase. Wozu von den Sternen träumen, wenn er nicht mal die Städte seiner eigenen Welt kannte? Was wußte er von Los Angeles und Chikago und New York? Er war nie aus seinem Dorf hinausgekommen.
In einem plötzlichen Ausbruch wütender Energie raste er den steilen Geröllhang hinunter, die andere Seite wieder hinauf und über das kleine Plateau zur Felswand. Er betrat die Höhle. Sie war nicht mehr als drei Meter hoch und vielleicht sieben Meter tief. Als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er Mirtin liegen, wo er ihn zurückgelassen hatte, auf dem Rücken, die Arme und Beine ausgestreckt. Der Mann von den Sternen rührte sich nicht, aber seine Augen waren offen.
»Mirtin? Alles in Ordnung, Mirtin? Du bist nicht gestorben?«
»Hallo, Charley.«
Erleichtert ließ Charley sich neben den Verletzten fallen. »Ich habe dir Essen mitgebracht. Und Wasser. Wie fühlst du dich? Ich bin gekommen, sowie ich entwischen konnte.«
»Es geht mir viel besser. Ich fühle den Knochen heilen. Vielleicht bin ich eher gesund, als ich dachte.«
»Hier«, sagte Charley eifrig, »ich habe Tortillas für dich. Sie sind kalt, aber sie sind gut.«
»Zuerst Wasser.«
»Natürlich«, sagte Charley. »Entschuldige.« Er schraubte den Verschluß von der Plastikflasche und setzte sie an Mirtins Lippen. Das Wasser tröpfelte langsam in den Mund des Sternenmannes. Als Charley meinte, es sei genug, nahm er die Flasche weg, aber Mirtin verlangte nach mehr. Charley sah erstaunt zu, wie er die Flasche leerte. Wieviel er trank! Und wie schnell!
»Nun die Tortillas?«
»Ja, bitte.«
Charley fütterte Mirtin. Nur der Unterkiefer des Mannes bewegte sich, und Mirtin verschlang fünf Tortillas, bevor er zu erkennen gab, daß es ihm reichte.
Er sagte: »Woraus sind die gemacht?«
»Maismehl. Kennst du Mais? Eine Pflanze, die wir anbauen.«
»Ja. Ich weiß.«
»Wir mahlen die Körner und backen die Tortillas auf einem heißen Stein. Genau wie sie es schon früher gemacht haben. Wir machen vieles so, wie sie es früher gemacht haben.«
»Das scheint dir nicht zu gefallen«, bemerkte Mirtin.
»Warum sollte es mir gefallen? In welchem Jahr leben wir, 1982 oder 1492? Warum können wir nicht wie die anderen leben? Warum muß bei uns alles so bleiben wie früher?«
»Wer verlangt denn so etwas von euch, Charley?«
»Die Gringos. Die Weißen.«
Mirtins Gesicht wurde nachdenklich. »Willst du sagen, daß sie euch zwingen, altmodische Methoden anzuwenden? Daß sie Gesetze erlassen, die das vorschreiben?«
»Nein, nein, nicht so.« Charley suchte nach den richtigen Worten. »Sie lassen uns tun, was wir wollen, solange wir Ruhe geben. Wir können im Pueblo unseren eigenen Bürgermeister wählen, wir haben unseren eigenen Gendarmen, alles. Wenn wir genug Geld hätten, könnten wir das Pueblo abreißen und ein neues aus Plastik bauen. Aber dann würden keine Touristen mehr kommen und Geld bringen, und wir hätten nur noch die Felder. Wir sind eben ein Museum. Wir sind die komischen Leute aus der Vergangenheit. Verstehst du das?«
»Ich glaube schon«, murmelt Mirtin. »Eine absichtliche Beibehaltung archaischer Lebensformen.«
»Was?«
»Ihr habt keine andere Wahl, als dies altmodische Leben zu führen.«
»Das ist es. Wir müssen eine gute Schau für die Touristen machen. Sie bringen das Geld. Wir selber haben keins. Ein paar von uns sind aus dem Pueblo fortgegangen, sie arbeiten in Albuquerque, und einer hat dort sogar einen Laden, aber die meisten von uns sind arm. Wir brauchen das Geld, das die Touristen bringen. Wir tanzen für sie, wir malen unsere Gesichter an, wir machen alles wie die Alten früher. Aber es ist nicht echt, weil wir vergessen haben, was es alles bedeutet. Wir haben die Geheimbünde, aber unsere alten Männer haben die Formeln längst vergessen und sich einfach neue ausgedacht. Alles Blödsinn!« Charley schlug wütend auf die Erde. »Willst du noch eine Tortilla?«
»Ja, bitte.«
Befriedigt sah Charley dem gelähmten Sternenmann beim Essen zu.
Er sagte: »Wir müßten Kühlschränke und Heizungen und Straßenpflaster und richtige Häuser und alles haben. Statt dessen wohnen wir in Lehmhöhlen. Wir haben Fernsehen und Autos, das ist alles. Der Rest ist wie vor fünfhundert Jahren. Es kotzt mich an. Weißt du was, Mirtin? Ich will fort. Nach Los Angeles und lernen, wie man Raketen baut. Oder Raumfahrer werden. Ich weiß eine Menge Sachen. Und ich könnte noch viel lernen.«
»Aber du bist zu jung, um dein Heim zu verlassen?«
»Ja. Elf. Verflixt, wer will schon elf sein? Wenn ich weglaufe, fangen sie mich schnell. In der Besserungsanstalt kann ich nichts über Raketen lernen. Ich sitze hier fest.« Er hob eine Handvoll lockerer Erde vom Höhlenboden auf und schleuderte sie gegen die Wand. »Weißt du«, fuhr er fort, »ich will nicht über mein kleines Lehmdorf sprechen. Erzähl mir von deiner Welt, ja? Ich will alles wissen.«
Mirtin lachte. »Das ist viel verlangt, Charley. Womit soll ich anfangen?«
Charley dachte nach, dann fragte er: »Habt ihr große Städte dort?«
»Ja, sehr große.«
»Größer als New York oder Los Angeles?«
»Einige von ihnen, ja.«
»Habt ihr Düsenmaschinen?«
»Etwas Ähnliches«, sagte Mirtin. »Wir verwenden Fusionsgeneratoren. Du hast einen in der Luft explodieren sehen, weißt du noch?«
»Ach ja. Wie blöd ich bin! Die Fliegenden Untertassen. Was treibt sie an? Etwas wie Sonnenenergie?«
»Ja«, sagte Mirtin. »Ein kleiner Fusionsgenerator erzeugt heißes Plasma, das wir durch ein starkes Magnetfeld zusammenhalten. Dieses Magnetfeld wurde bei unserem Schiff zu schwach, darum explodierte es. Aber so reisen wir, in flachen, runden Schiffen, die ihr Fliegende Untertassen nennt.«
»Wie schnell können die fliegen?« fragte Charley. »Fünftausend Meilen in der Stunde?«
»So ungefähr«, antwortete Mirtin vage.
Charley nahm es als Bestätigung. »Dann könnt ihr von hier in einer Stunde nach New York fliegen, eh? Und auf eurem Planeten kommt ihr genauso schnell von einem Ort zum anderen. Wie viele Leute habt ihr auf eurem Planeten?«
Mirtin lachte. »Von alledem sollte ich dir nichts erzählen. Es ist geheim.«
»Komm schon! Ich werde es nicht verraten!«
»Nun…«
Charley nahm eine Tortilla zwischen Daumen und Zeigefinger und ließ sie über dem Mund des Sternenmannes baumeln. »Willst du noch eine, oder nicht?«
Mirtin seufzte. Seine Augen zwinkerten dem Jungen in der Dunkelheit zu. »Wir haben etwa acht Milliarden Einwohner«, sagte er. »Unsere Welt ist um einiges größer als die eure, obwohl die Schwerkraft fast gleich ist. Außerdem brauchen wir nicht soviel Platz wie ihr. Wir sind ziemlich klein.« Er zögerte. »Gibst du mir jetzt die Tortilla?«
Charley gab sie ihm, und während Mirtin kaute, grübelte Charley über seine letzten Bemerkungen.