«Pas du tout.« Sogar zweisprachig war er!
Ich legte den Hörer auf und bat Annette und June, die geschäftig hin und her liefen, in Grevilles Unterlagen nach Jacob van Ekeren zu suchen.»Und sehen Sie doch mal nach, ob Antwerpen irgendwie im Computer drin ist«, trug ich June zusätzlich auf.
«Schon wieder Diamanten!«
«Und ob. Die Adresse von van Ekeren in Antwerpen lautet Pelikaanstraat 70.«
Annette zog die Stirne kraus.»Das ist die belgische Entsprechung von Hatton Garden«, sagte sie.
Meine Bitte störte ihre normale Arbeit, und sie waren nicht sehr begeistert, aber Annette konnte schon bald mitteilen, daß sie keinen Jacob van Ekeren in ihrer Ablage habe, daß die Unterlagen der Firma auch nur sechs Jahre zugänglich aufbewahrt würden und daß sich weitere, sollte es einen Kontakt vor dieser Zeit gegeben haben, im Archiv im Keller befänden. Dann rauschte June herein und meldete, daß sie weder einen van Ekeren noch eine Pelikaan-straat noch Antwerpen in ihrem Computer finden könne.
Eigentlich war das nicht so überraschend. Wenn Greville daran gelegen hätte, daß alle Mitarbeiter der Firma von seiner Diamantentransaktion wußten, dann hätte er sie wohl auch in aller Offenheit abgewickelt. Sehr merkwür-dig, dachte ich, daß er eben dies nicht getan hatte. Wenn es nicht Greville gewesen wäre, dann hätte man ihn irgendeiner hinterhältigen Machenschaft verdächtigen können, aber soweit ich wußte, hatte er stets ehrenhaft Handel getrieben, wie es ja auch seinem Gebet entsprach.
Das Telefon klingelte, und Annette hob ab.»Saxony Franklin, womit kann ich dienen?«Sie lauschte.»Derek Franklin? Ja, einen Augenblick bitte. «Sie reichte mir den Hörer, und ich vernahm die sanfte französisch-englische Stimme aus Belgien. Ich wußte so gut wie er, daß er die Zeit zwischen den Telefonaten damit verbracht hatte, sich von der internationalen Auskunft unsere Nummer zu besorgen, um meine Angaben zu überprüfen und sich zu vergewissern, daß ich auch der war, der zu sein ich behauptet hatte. Einfach eine Vorsichtsmaßnahme. Ich hätte genau das gleiche getan.
«Mr. Jacob van Ekeren ist in den Ruhestand gegangen«, sagte er.»Ich bin sein Neffe Hans. Unsere Nachforschungen haben ergeben, daß wir in den zurückliegenden sechs oder sieben Jahren in keiner Geschäftsbeziehung zu Ihrem Hause gestanden haben, aber ich kann nichts über die Zeit davor aussagen, als mein Onkel noch Chef unseres Unternehmens hier war.«
«Ich verstehe«, sagte ich.»Könnten Sie, äh, könnten Sie vielleicht Ihren Onkel mal fragen?«
«Das kann ich, wenn Sie es wünschen«, erwiderte er höflich.
«Ich habe auch schon bei ihm angerufen, aber wie ich hörte, sind er und meine Tante bis Montag verreist. Das Hausmädchen scheint nicht zu wissen, wohin. «Er machte eine Pause.»Dürfte ich Sie fragen, worum es eigentlich geht?«
Ich erklärte ihm, daß mein Bruder sehr plötzlich gestorben sei und mir eine ganze Menge unerledigter Dinge hinterlassen habe, um die mich zu kümmern ich nun bestrebt sei.»Dabei stieß ich auch auf den Namen und die Adresse Ihrer Firma. Ich gehe allen offenen Fragen nach, soweit mir dies möglich ist.«
«Ah«, sagte er mitfühlend.»Ich werde meinen Onkel ganz bestimmt am Montag fragen und Ihnen dann Bescheid geben.«
«Ich bin Ihnen sehr verbunden.«
«Nicht der Rede wert.«
Dieser Onkel, dachte ich verdrossen, war wohl eine Fehlanzeige.
Ich ging, öffnete den Tresorraum und sagte Annette, daß Prospero Jenks den gesamten Spinell haben wolle.»Und er meint, wir hätten da noch ein Stück Bergkristall so groß wie der Eiger.«
«Der was?«
«Steiler Berg. Wie der Mont Blanc.«
«Oh. «Sie ging am Regal entlang und zog einen schweren Kasten heraus, der fast ganz am Ende stand.»Das ist er«, sagte sie, wuchtete ihn aufs leere Regal und öffnete ihn.»Hübsch.«
Der Eiger, der die ganze Schachtel füllte, lag auf der Seite, hatte einen knubbeligen Fuß, so daß man ihn nicht aufstellen konnte, aber ich vermochte mir angesichts seiner durchsichtigen Flächen und angewinkelten Ebenen doch vorzustellen, daß er, mit diamantenen Sternen verziert und der Jenkschen Lichtbehandlung ausgesetzt, sehr gut das Kernstück eines Phantasiegebildes abgeben konnte, das diesen Namen verdiente.
«Und was für einen Preis können wir dafür nennen?«
«Das Doppelte des Einkaufspreises«, sagte sie fröhlich.»Zuzüglich Mehrwertsteuer, Verpackung und Versandkosten.«»Er möchte, daß wir ihm das alles per Bote schicken.«
Sie nickte.»Das will er immer. Jason wird’s mit dem Taxi hinbringen. Überlassen Sie das nur mir, ich erledige das.«
«Und wir verstauen auch besser noch die Perlen, die gestern gekommen sind.«
«O ja.«
Sie ging hinaus, um sie zu holen, und ich begab mich zu der Stelle, bis zu der ich mich gestern vorgearbeitet hatte, insgeheim sicher, daß meine Suche vergeblich war, trotzdem aber gewillt, sie zu Ende zu führen. Annette kehrte mit den Perlen zurück, die wenigstens nicht in diesen unhandlichen Umschlägen, sondern in Plastiksäckchen mit Kordeln steckten, und während sie die Neuzugänge zählte und einsortierte, überprüfte ich den vorhandenen Bestand.
Viele Schachteln mit Perlen aller Größen. Keine Diamanten.
«Sagt Ihnen kZr irgend etwas?«fragte ich Annette beiläufig.
«kZr bedeutet kubischer Zirkon«, sagte sie prompt.»Wir verkaufen eine ganze Menge davon.«
«Sind das nicht, äh, so Diamantimitate?«
«Das sind hergestellte Kristalle, die dem Diamant sehr ähnlich sind, aber zehntausendmal billiger. Wenn so einer in einem Ring steckt, können Sie keinen Unterschied feststellen.«
«Kann das keiner?«fragte ich.»Es muß doch aber möglich sein.«
«Mr. Franklin meinte, daß kein Juwelier es auf einen Blick erkennen könne. Die beste Methode sei noch die, sagte er, die Steine aus ihren Fassungen zu nehmen und zu wiegen.«»Sie wiegen?«
«Ja. Kubischer Zirkon ist viel schwerer als Diamant und deshalb ist ein einkarätiger Stein davon auch kleiner als ein einkarätiger Diamant.«
«kZr ist gleich C mal eins Komma sieben«, sagte ich.»Das ist richtig«, sagte sie überrascht.»Woher wissen Sie das?«
Kapitel 9
Von der Mittagsstunde an, wo ich, ohne ein Ergebnis vorweisen zu können, den Deckel auf die letzte Schachtel zurückgelegt hatte, in der sich Regenbogenopale aus Oregon von sanft wechselnder Farbe befanden, saß ich in Grevilles Büro, las den von June ausgedruckten Schnellkurs in Betriebswirtschaft durch und fing an, das Muster eines Cash-flows zu erkennen, das keinen unmittelbaren Anlaß zu Besorgnis gab. Annette, die ganz routinemäßig alle Zahlungseingänge täglich zur Bank gegeben hatte, legte mir ein ganzes Bündel von Schecks zur Unterschrift vor, und ich erledigte dies, allerdings mit dem Gefühl, daß der falsche Name dort auf der entsprechenden Linie stand. Danach brachte sie mir die Tagespost wegen einiger Entscheidungen, die ich mir mühselig abrang.
Etliche Leute aus der Edelsteinbranche riefen an, reagierten damit auf die Anzeige von Grevilles Tod, die an diesem Morgen in den Zeitungen erschienen war. Annette, die allen versicherte, daß die Show weitergehen werde, klang dabei sehr viel zuversichtlicher, als sie aussah.»Sie beklagen alle, daß Ipswich zu weit entfernt sei, versichern aber, daß sie im Geiste dort sein würden«, berichtete sie.
Um vier kam ein Anruf von Elliot Trelawney, der mitteilte, daß er die Nummer der Dame entschlüsselt habe, die sich dagegen verwahrt hatte, daß der Name Grevilles in ihrem Hause noch einmal genannt werde.
«Es ist eigentlich höchst traurig«, sagte er mit einem Kichern.
«Wahrscheinlich sollte ich auch nicht lachen. Diese Dame kann und wird Greville nicht verzeihen, denn er hat ihre hochwohlgeborene Tochter für drei Monate in den Knast geschickt, weil sie Kokain an einen Freund verkauft hat. Die Mutter war bei der Verhandlung anwesend, ich erinnere mich an sie, und sprach hinterher mit den Zeitungsleuten. Sie wollte einfach nicht glauben, daß der Verkauf von Kokain an einen Freund ein Vergehen sei. Drogenhändler, die seien verabscheuungswürdig, natürlich, aber das sei doch wohl nicht dasselbe wie der Verkauf an Freunde.«