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«Was haben Sie denn als Prüfungsthema gewählt?«fragte der Professor, dem jetzt wirklich an einer Antwort gelegen war.»Irgendwas mit Pferden?«

Ich schüttelte den Kopf.»Nein. äh. sondern >Wur-zeln und Resultate des Krieges<.«

«Mein lieber Freund«, sagte Lord Knightwood herzlich,»setzen Sie sich beim Essen neben den Professor. «Er schritt gütig davon, nahm seine Frau und die Ostermeyers mit, und der Professor, also zurückgelassen, fragte mich, wie die Rennen meiner Ansicht nach ausgehen würden.

Clarissa hielt sich während des ganzen Essens aus Zufall oder Absicht von mir fern, und ich versuchte auch meinerseits nicht, mich ihr zu nähern. Die Party löste sich während des ersten Rennens und danach langsam auf, wiewohl alle herzlich eingeladen waren, zum Tee wiederzukommen, und ich verbrachte den größten Teil des Nachmittages, wie ich so viele andere Nachmittage auch verbracht hatte, nämlich mit dem Beobachten von Pferden, die sich streckten und vorwärtsstürmten und liefen, wie es ihnen ihre jeweilige Natur diktierte. Der Wille zu siegen war ihnen allen eingeboren und angezüchtet, aber einige waren eben doch noch mehr darauf aus als andere — jene mit dem unüberwindlichen Impuls, eine wilde Herde anführen zu wollen, kämpften am härtesten und gewannen am häufigsten. Die Sportjournalisten neigten dazu, von Courage zu sprechen, aber das reichte viel tiefer, reichte hinab bis in die Gene, in den Instinkt, in die urzeitlichen Nebel, die auf der gleichen evolutionären Ebene zu finden waren wie die so leicht erregbare Streitlust des Homo sapiens — die Pfahlwurzel des Krieges.

Mir war der Gedanke nicht unvertraut, daß ich den Krieg auf dem Turf suchte, weil ich — obwohl mein Instinkt zu kämpfen und zu erobern durchaus stark ausgeprägt war — Schußwaffen verabscheute. Die Weisen würden das zweifellos Sublimierung nennen. Sowohl >Dattelpalme< als auch ich wollten auf der gleichen primitiven Ebene nur siegen.

«Worüber denken Sie nach?«fragte jemand neben mir.

Ihre Stimme, dachte ich, würde ich immer und überall erkennen. Ich drehte mich um und sah ihren halb ruhigen, halb ängstlichen Gesichtsausdruck, die soziale Sicherheit der Lady Knightwood, die in dem glatten Haar, den aristokratischen Gliedmaßen und dem Schnitt ihres Kleides deutlich zum Ausdruck kam, während die leidenschaftliche Frau nur eine Andeutung in ihren Augen war.

«Über Pferde«, sagte ich.

«Ich nehme an, daß Sie sich fragen, warum ich heute hierher gekommen bin, nachdem ich gestern abend erfahren habe, daß Sie nicht nur beim Rennen sein, sondern sogar zu unserem Lunch erscheinen…«Sie klang unsicher und verstummte.

«Ich bin nicht Greville«, sagte ich.»Denken Sie nicht an mich, als ob ich Greville wäre.«

Ihre Augenlider zuckten.»Sie sind wirklich verdammt scharfsichtig. «Sie lauschte eine Weile in sich hinein.»Also schön, ja, ich wollte in Ihrer Nähe sein. Das ist so eine Art Trost.«

Wir standen an der Umzäunung des Führringes und beobachteten die im nächsten Rennen an den Start gehenden Pferde, wie sie von ihren Stallburschen im Kreis bewegt wurden. Es war das Rennen vor der University Trophy, zwei vor jenem, in dem >Dozen Roses< lief, also für uns beide eine Zeit, in der uns nichts drängte. Wir waren umgeben von den Geräuschen einer großen Menschenansammlung und vom Getrappel der Pferdehufe, und wir konnten ganz unbesorgt miteinander sprechen, als befänden wir uns in der Oase eines abgeschiedenen Raumes.

«Sind Sie mir noch böse, weil ich Sie geschlagen habe?«fragte sie ein ganz klein wenig bitter, weil ich auf ihre vorige Bemerkung nicht eingegangen war.

Ich deutete ein Lächeln an.»Nein.«

«Ich habe tatsächlich geglaubt, Sie seien ein Einbrecher.«

«Und was hätten Sie der Polizei erzählt, wenn die nun gekommen wäre?«

Sie sagte reumütig:»Ich hoffe, ich hätte mich rechtzeitig gefangen und das Weite gesucht, bevor sie da gewesen wäre. «Sie seufzte.»Greville hat mir gesagt, daß ich, wenn ich je ernsthaften Gebrauch von dem Kiyoga machen müßte, sofort verschwinden und mich nicht darum kümmern sollte, was ich dem Angreifer angetan hätte. Aber an einen Einbrecher in seinem eigenen Haus hat er nie gedacht.«

«Es überrascht mich, daß er Ihnen eine solche Waffe gegeben hat«, sagte ich milde.»Sind diese Dinger nicht verboten? Und er als Friedensrichter!«

«Ich bin auch Friedensrichterin«, sagte sie und setzte mich damit in Erstaunen.»So haben wir uns kennengelernt, nämlich bei einem Friedensrichter-Kongreß. Ich habe mich nicht nach der Legalität von Totschlägern erkundigt. Wollte man mich wegen des Tragens und des Gebrauchs einer verbotenen Waffe anklagen, so wäre das, nun ja, sehr viel besser, als wenn ich das Opfer einer dieser grauenvollen Übergriffe werden müßte, mit denen wir uns allwöchentlich zu befassen haben.«

«Wo hat er diesen Kiyoga aufgetrieben?«

«In Amerika.«

«Haben Sie ihn jetzt auch bei sich?«

Sie nickte und berührte ihre Handtasche.»Ist mir schon zur zweiten Natur geworden.«

Sie mußte dreißig Jahre jünger sein als ihr Mann, dachte ich unzusammenhängenderweise — und ich wußte, wie sie zu ihm stand. Ich konnte nicht sagen, ob ich sie mochte oder nicht, aber ich erkannte, daß uns eine ganz merkwürdige Intimität verband, und daß ich nichts dagegen hatte.

Die Jockeys kamen herbei und umstanden in kleinen Gruppen die Besitzer. Nicholas Loder war da, stand mit dem Mann zusammen, mit dem er hereingekommen war — einem stämmigen, sehr kräftig aussehenden Menschen in dunklem Anzug, an dessen Revers das rosa Papierabzeichen des Clubs flatterte.

«>Dozen Roses<«, sagte ich und sah zu Loder hinüber, der mit dem Besitzer und seinem Jockey sprach,»ist das Pferd Ihretwegen so genannt worden?«

«O Gott«, sagte sie bestürzt.»Wie, um Himmels willen, kommen Sie.«

«Ich habe bei der Bestattung Ihre Rosen mit auf den Sarg gelegt«, sagte ich.

«O…«, murmelte sie, und es fiel ihr ganz offensichtlich schwer zu sprechen, denn ihre Kehle war wie zugeschnürt, und ihr Mund zuckte,»ich… ich kann nicht.«

«Erzählen Sie mir mal, wie die Universität von York dazu gekommen ist, ihren Namen für ein Rennen herzugeben. «Ich bemühte mich um einen leichten Konversationston, um ihr Zeit zu geben, sich wieder zu fassen.

Sie schluckte, rang um Beherrschung, versuchte, wieder gleichmäßiger zu atmen.»Entschuldigen Sie. Es ist nur, weil ich ja nicht mal um ihn trauern kann, allenfalls innerlich. Ich kann es niemandem außer Ihnen zeigen, und es kommt über mich, ich kann’s nicht verhindern. «Sie machte eine Pause und beantwortete dann meine unwichtige Frage.»Die Verwaltung der Rennbahn wollte gern die Stadt mit einbeziehen. Ein paar der Topleute der Uni waren gegen ein Engagement, aber Henry hat sie überredet. Er und ich sind gelegentlich zu Besprechungen hier gewesen. Wir machen das gern, mal einen Tag raus, ihn mit Freunden verbringen.«

«Ihr Mann unterrichtet aber nicht an der Universität, oder?«

«O nein, er ist nur eine Galionsfigur. Er ist Vorsitzender von einer ganzen Reihe von Dingen in York. Ist hier eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens.«

Durch Skandale verwundbar, dachte ich — wie sie, wie Greville. Sie und er mußten unerschütterlich diskret gewesen sein.

«Wie lange kannten Sie Greville schon?«fragte ich behutsam.

«Vier Jahre. «Sie schwieg eine Weile.»Vier wundervolle Jahre. Nicht genug.«

Die Jockeys schwangen sich in die Sättel und ritten davon, hinaus auf die Bahn. Nicholas Loder und der Besitzer gingen, in ein lebhaftes Gespräch vertieft, in Richtung der Tribüne.

«Darf ich mir das Rennen mit Ihnen zusammen anschauen?«fragte Clarissa.»Würde es Ihnen was ausmachen?«

«Ich wollte es mir von hier unten, vom Gras aus ansehen. «Ich sah entschuldigend auf meine Krücken.»Das ist einfacher.«