«Martha!«Ich war sprachlos und benutzte gedankenlos ihren Vornamen, obwohl ich sie bisher doch, wenn überhaupt, immer mit Mrs. Ostermeyer angeredet hatte.
«Da«, sagte sie, mit meiner Reaktion zufrieden,»ich hab doch gesagt, daß es eine wundervolle Idee ist. Was meinen Sie?«
«Dem Testamentsvollstrecker meines Bruders fehlen die Worte.«
«Aber Sie werden ihn uns verkaufen?«
«Gewiß werde ich das.«»Dann lassen Sie uns mal zum Autotelefon greifen und Milo anrufen, um es ihm zu sagen. «Sie war in bester Laune und nicht in der Stimmung zu warten, aber als sie Milo schließlich erreicht hatte, fing dieser offensichtlich nicht gleich Feuer. Mit einem Stirnrunzeln reichte sie mir den Hörer und sagte:»Er möchte mit Ihnen sprechen.«
«Hallo Milo«, sagte ich,»wo fehlt’s?«
«Das ist doch ein Hengst. Die springen nicht gut.«
«Es ist ein Wallach«, versicherte ich ihm.
«Du hast mir doch gesagt, daß dein Bruder das nie machen lassen wollte.«
«Nicholas Loder hat’s ohne seine Zustimmung getan.«
«Du machst Witze!«
«Nein«, sagte ich.»Im übrigen hat das Pferd heute sein Rennen auf Grund einer Schiedsrichterentscheidung gewonnen. Aber es ist ordentlich gelaufen und fit.«
«Ist es schon jemals gesprungen?«
«Das glaube ich nicht. Aber ich werd’s ihm schon beibringen.«
«Also gut. Gib mir noch mal Martha.«
«Leg nicht auf, wenn ihr fertig seid, ich hab nämlich noch etwas.«
Ich reichte Martha den Hörer, die mit nun wiederkehrender Begeisterung zuhörte und sprach, und schließlich war ich wieder dran.
«Wozu«, fragte ich,»trägt wohl einer von Nicholas Lo-ders Besitzern bei den Rennen so einen Bratenbegießer mit sich herum?«
«Einen was?«
«Einen Bratenbegießer. So ein Ding, das man in der Küche braucht. Du hast auch einen und benutzt ihn als Zerstäuber.«»Einfach und wirkungsvoll.«
Er benutzte ihn, ging mir durch den Kopf, bei den seltenen Gelegenheiten, wo es sich als die einfachste Methode erwies, einem Pferd ein Medikament zu verabreichen. Man verdünnte die Medizin oder löste sie in Wasser auf und füllte sie in den Gummiball des Bratengießers. Dann steckte man die Plastikröhre wieder drauf, schob diese dem Tier in eine seiner Nüstern und drückte den Gummiball mehrfach kräftig zusammen. Die Flüssigkeit wurde so direkt und sehr effektiv auf die Schleimhäute gesprüht, von wo sie sofort in die Blutbahn gelangte. Auch Puder ließ sich mit gleichem Ergebnis zerstäuben. Es war der schnellste Weg, ein Arzneimittel zur Wirkung zu bringen.
«Bei den Rennen?«sagte Milo.»Ein Besitzer?«
«Genau. Sein Pferd siegte beim Fliegerrennen über tausend Meter.«
«Der muß verrückt sein. Bei jedem Rennen machen sie bei zwei Pferden eine Dopingkontrolle, wie du weißt. Fast immer beim Sieger und dann noch bei einem beliebigen anderen Pferd. Kein Besitzer wird sein Pferd bei einem Rennen mit Drogen vollpumpen.«
«Ich weiß auch nicht, ob er das getan hat. Er hatte halt nur so einen Bratenbegießer bei sich, das ist alles.«
«Hast du das den Stewards gesagt?«
«Nein, das habe ich nicht. Nicholas Loder war mit dem Besitzer zusammen und wäre explodiert, wo er doch schon wütend genug auf mich war, weil ich die kleine Veränderung an >Dozen Roses< entdeckt hatte.«
Milo lachte.»Das ist es also, was die ganze letzte Woche für eine solche Aufregung gesorgt hat?«
«Du sagst es.«
«Wirst du Stunk machen?«»Wahrscheinlich nicht.«
«Du bist zu weich«, sagte er.»Ach ja, fast hätte ich es vergessen. Da kam eine telefonische Nachricht für dich. Wart eine Sekunde, ich hab’s notiert. «Er verschwand eine Weile, kam dann wieder.
«Da haben wir’s. Irgendwas wegen der Diamanten deines Bruders. «Er klang unsicher.»Kann das stimmen?«
«Ja. Was ist mit ihnen?«
Er mußte das Drängende in meiner Stimme gehört haben, denn er sagte:»Es ist nicht viel. Nur daß jemand versucht hat, dich gestern den ganzen Abend und heute den ganzen Tag anzurufen. Ich hab ihm aber gesagt, daß du in London übernachtet hast und heute nach York gefahren bist.«
«Wer war es?«
«Hat er nicht gesagt. Nur, daß er eine Nachricht für dich hätte. Dann machte er hm und äh und sagte, daß ich dir, wenn ich mit dir telefoniere, weitersagen solle, er würde dich im Haus deines Bruders anrufen, für den Fall, daß du dorthin gingest, und zwar so gegen zehn oder später. Es könnte auch eine sie gewesen sein. Schwer zu sagen. Eine von diesen mittellagigen Stimmen. Ich habe gesagt, ich wüßte nicht, ob du mich anrufen würdest, aber daß ich’s dir ausrichten würde, wenn ich könnte.«
«Gut, vielen Dank.«
«Ich betreibe keinen Botendienst«, sagte er unwirsch.»Warum schaltest du nicht wie jeder andere Mensch auch deinen Anrufbeantworter ein?«
«Das tue ich manchmal.«
«Nicht oft genug.«
Ich schaltete das Telefon mit einem Lächeln ab und fragte mich, wer mich da wohl zu erreichen versucht hatte. Es mußte jedenfalls jemand sein, der wußte, daß Greville Diamanten gekauft hatte. Es könnte auch Annette gewesen sein, dachte ich — ihre Stimme hatte so eine mittlere Lage.
Ich wäre gern unmittelbar nach unserer Rückkehr nach London zu Grevilles Haus gefahren, aber ich mußte wohl Marthas wundervoller Idee Rechnung tragen und der Einladung zum Essen Folge leisten. Also aßen wir drei zusammen, und ich versuchte, so lieb zu ihnen zu sein, wie sie lieb zu mir gewesen waren.
Martha verkündete während des Essens sogar noch eine weitere wundervolle Idee. Sie und Harley würden Simms oder einen anderen Chauffeur des Mietwagenunternehmens anheuern, damit er uns alle am folgenden Tage nach Lambourn fahre, wo wir dann Milo zum Essen ausführen würden, und sie >Dattelpalme< ein letztes Mal sehen könnten, bevor sie am Dienstag in die Staaten zurückflögen. Anschließend könnten sie mich bei meinem Haus absetzen und weiterfahren, um noch ein Schloß in Dorset zu besichtigen, das sie bei ihrem letzten Aufenthalt nicht mehr geschafft hatten. Harley sah schicksalsergeben drein. Wie ich wohl sehen konnte, war es Martha, die stets die Entscheidungen traf, was vielleicht der Grund dafür war, daß der unterdrückte Teil von ihm gelegentlich auf Parkplatzwächter einprügeln mußte, die nicht zu verhindern gewußt hatten, daß er eingeklemmt wurde.
Milo sagte mir, als ich ihn anrief, daß er zu so gut wie allem bereit sei, was den Ostermeyers Freude bereite, ein sonntägliches Mittagessen ganz entschieden eingeschlossen. Er erzählte auch, daß sich der Anrufer wieder gemeldet und er ihm/ihr gesagt habe, daß mich seine/ihre Botschaft erreicht habe.
«Danke«, sagte ich.
«Dann also bis morgen.«
Ich dankte den Ostermeyers in unzulänglicher Weise für alles und fuhr mit dem Taxi zu Grevilles Haus. Ich wollte den Taxifahrer erst bitten, wie Brad so lange zu warten, bis ich die Lage erkundet hätte, aber das Haus lag still und dunkel hinter seinen undurchdringlichen Gitterstäben, und da dachte ich, er würde mich wohl für einen Spinner oder Feigling oder beides halten, weshalb ich ihn bezahlte und, die Schlüssel aus der Tasche ziehend, das Tor in der Hek-ke öffnete. Dann ging ich den Pfad entlang zum Haus hin, bis die Lichter aufflammten und der Hund zu kläffen anfing.
Jeder macht mal einen Fehler.
Kapitel 11
Ich kam nicht bis zu den Stufen, die zur Haustür hinaufführten. Eine dunkle Gestalt, nur schwach in dem gleißend hellen Licht der Strahler wahrgenommen, stürzte sich wie ein angreifender Rugbyspieler von schräg hinten auf mich, traf mich wie eine Kanonenkugel, und als ich den Boden erreichte, sauste etwas sehr Hartes auf meinen Kopf herab.