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All das beschäftigte sie und ließ sie keinen Schlaf finden. Unruhig drehte sie sich von einer Seite auf die andere. Nur die Aussicht, den guten alten Bruder Ruadán wiederzusehen, ließ sie an ihrem Vorhaben festhalten. Wie vereinsamt musste der sich erst vorkommen, alt und fern von der Heimat, wie er war? Sie fühlte sich ihrem Mentor und Lehrer verpflichtet. Vielleicht konnte sie mit Erinnerungen an sein Herkunftsland und an Freunde daheim etwas Freude in seinen Lebensabend bringen.

Von ferne drangen flüsternde Stimmen an ihr Ohr, drängten sich in ihren Gedankenwirrwarr. Verärgert setzte sie sich auf. Die Störung kam von draußen, von jenseits des offenen Fensters und Balkons, unten vom Hof. Ein dicker Vorhang schirmte den Raum vom Balkon ab, er sollte die umherschwirrenden Insekten abhalten, vor allen Dingen kleine Fliegen, die einen in den schwülen Nächten belästigten und Krankheiten übertrugen.

Fidelma schwang sich aus dem Bett, trat zum Fenster und lauschte. Genaues konnte sie nicht verstehen, und im Grunde genommen ging sie das ja auch gar nichts an, trotzdem fragte sie sich, weshalb zu nächtlicher Stunde Menschen dort unten standen und flüsternd miteinander redeten.

Vorsichtig schob sie den Vorhang zur Seite und trat auf den Balkon. Es war dunkle Nacht, denn Wolken waren aufgezogen und verdeckten den Mond. Sie schaute hinunter. Ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, ehe sie eine Gruppe von fünf Gestalten auf dem Hof ausmachen konnte. Drei von ihnen waren groß, die eine hatte weißes Haar, die beiden anderen waren kleiner. Eine der kleineren, vermutlich eine Frau, wirkte zierlicher als die andere Person, die etwas älter schien und offensichtlich ein Mann war, ebenfalls weißhaarig, wie im gespenstischen Zwielicht zu erkennen war. Sie tuschelten miteinander in der Sprache der Langobarden, wie Fidelma herauszuhören glaubte. Ihre Stimmen klangen erregt, der kleine weißhaarige Mann schien die anderen zu tadeln, was der eine von den beiden Größeren nicht einfach hinnahm.

Wie auch immer, es ging Fidelma nichts an. Sie wollte sich schon wieder zurückziehen und erneut zur Ruhe legen, als an einer Stelle die Wolken aufrissen und der helle Mond zum Vorschein kam. Nur ein kurzer Moment, und Fidelma erkannte Suidur, den Arzt. Der kleine ältere Mann und die Frau blieben ins Dunkel gehüllt. Auch konnte sie nicht die Gesichter der anderen sehen, doch kamen ihr die langen schwarzen Gewänder irgendwie bekannt vor. Unversehens drehte die Frau den Kopf, so dass ihr Gesicht für einen Augenblick ins Mondlicht getaucht war. Ihre Stimme klang jetzt klar, auch wechselte sie plötzlich ins Latein.

»Das Gold muss schon hier sein. Also geschieht es bald.«

Der kleine ältere Mann rügte sie heftig.

Fidelma stieß einen erschrockenen Laut aus und verbarg sich hinter deem Vorhang. Ob es ihre unvorsichtige Reaktion war oder es an dem unerwarteten kurzen Moment des hellen Mondscheins lag, ist schwer zu sagen, aber die Unterhaltung verstummte. Fidelma wagte kaum zu atmen und verhielt sich hinter dem Vorhang mucksmäuschenstill, bis sie hörte, dass das Gespräch unten seinen Fortgang nahm.

Eine andere Stimme fiel gebieterisch ein. Man sprach wieder langobardisch. Fidelma wartete, bis das Geflüster verstummte. Die Stimme, die sie erkannt hatte, war die von Schwester Gisa gewesen. Wer der kleine ältere Mann war, wusste sie nicht, aber sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass zu der kleinen Gruppe auf dem Hof außer Suidur die beiden Männer gehörten, die Magister Ado in Genua überfallen hatten. Bildete sie sich das nur ein? Waren es dann tatsächlich dieselben Krieger, die auch sie überfallen und Bruder Faro verletzt hatten, als sie in das Tal ritten?

KAPITEL 4

Die Sonne war bereits aufgegangen, als sich Fidelma mit ihren Reisegefährten in der Halle der Festung zur ersten Mahlzeit des Tages traf. Sie war nach der Aufregung der Nacht in einen unruhigen Schlaf gesunken und fühlte sich beim Erwachen müde und gereizt. Suidur konnte sie nirgends erblicken. Radoald hatte den Ehrenplatz am Tisch eingenommen und unterhielt sich zwanglos mit Magister Ado. Schwester Gisa saß neben Bruder Faro. Er trug den Arm noch in einer Schlinge, doch sein allgemeines Befinden schien nicht gelitten zu haben. Fidelma überlegte, ob sie Magister Ado von ihrem nächtlichen Erlebnis etwas sagen sollte, schließlich war er das Ziel der Anschläge gewesen. Aber vielleicht wartete sie besser auf eine günstigere Gelegenheit. Falls Suidur und Schwester Gisa an einem Komplott gegen ihn beteiligt waren, musste er auf jeden Fall ins Bild gesetzt werden. Doch schon kamen ihr Zweifel. Worin bestand eigentlich das Komplott gegen ihn? Wer nahm daran teil und warum? Sie musste mehr über die sonderbaren Vorgänge wissen, bevor sie sich einmischte … Möglicherweise konnte sie von Bruder Ruadán Erhellendes erfahren.

»Auf dem Rest unserer Reise werden wir Gesellschaft haben«, flüsterte ihr Schwester Gisa gegen Ende der Mahlzeit zu.

»Nanu?«

»Zwei Bauern sind mit ihren Waren auf dem Weg zur Abtei und wollen sie dort verkaufen.«

»Die Bergbauern aus der Umgebung schaffen oft ihre Sachen zur Abtei«, ergänzte Radoald, der ihr Gespräch zufällig mitgehört hatte. »Ihr seid zu einem günstigen Zeitpunkt hier. Die Händler sind aufbruchbereit. Aber nach dem, was euch gestern widerfahren ist, schicke ich zwei meiner eigenen Leute als Begleitschutz mit.«

Fidelma war plötzlich hellwach. Wäre ja für die Mörder mehr als bequem, wenn sie gleich mitreisten. Ständig hatte sie den Personenkreis, den sie in der vergangenen Nacht beobachtet hatte, vor Augen. Wiederum, wenn sie in das junge, freudige Gesicht von Schwester Gisa blickte, mochte sie sich nicht vorstellen, dass dieses Mädchen in ein Mordkomplott verstrickt sein könnte.

»Fühlst du dich kräftig genug, wieder auf Reisen zu gehen, Bruder Faro?«, fragte sie. Ihr war der Gedanke gekommen, seinen Zustand als Entschuldigung für eine Verzögerung zu nutzen, um derweil mehr über die Vorgänge in Erfahrung zu bringen. Doch der junge Mann nickte eifrig.

»Die Wunde heilt gut. Ich spüre sie kaum noch. Je früher wir nach Bobium gelangen, um so besser.«

»Ich habe bereits Anweisung gegeben, eure Pferde zu satteln«, sagte Radoald, »leider warten auf mich andere Aufgaben, sonst würde ich euch gern begleiten.«

Magister Ado war es zufrieden. »Von nun an sind wir auf sicherem Boden, Fidelma. Bobium ist nicht mehr weit. Wir dürften es schon vor der Mittagszeit erreichen.«

Fidelma folgte den anderen auf den Innenhof und musterte die kleine Gruppe, mit der sie für den Rest der Reise reiten würde. Neu hinzugekommen waren zwei Männer mit ihren Packeseln und die beiden Krieger. Zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass keiner von ihnen den Angreifern vom Vortag glich. Die Bauern mit den Packeseln waren gedrungene, rundliche Männer, die genau so aussahen, wie sie sich Leute vom Land vorstellte. Die Krieger waren von mittlerer Größe. Radoald hatte auch für Schwester Gisa ein Pferd aufzäumen lassen, die dennoch darauf bestand, ihr Muli am Zügel mitzuführen. Suidur blieb verschwunden, und so verabschiedeten sie sich allein von dem jungen Seigneur von Trebbia.

Die kleine Karawane machte sich ohne viel Aufhebens auf den Weg. Ein Krieger ritt vornweg, ihm folgten Magister Ado und Fidelma, dann kamen Bruder Faro und Schwester Gisa mit ihrem Muli und hinter ihnen die beiden Händler mit ihren Lasttieren. Der zweite Krieger bildete den Schluss.

Schweigend ritt Fidelma dahin, spähte jedoch wachsam in die Landschaft.

»Dir liegt etwas auf der Seele, Schwester«, sprach Magister Ado sie schließlich an, nachdem sie längere Zeit stumm nebeneinander geritten waren.

»Da wir einmal überfallen wurden, sollten wir auf der Hut sein«, sagte sie fast entschuldigend.