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Magister Ado verzog das Gesicht. »Glaubst du im Ernst, diese Banditen wagen es noch einmal, uns aufzulauern?«

»Für so unmöglich halte ich das nicht.« Über das, was sie in der Nacht beobachtet hatte, verlor sie allerdings kein Wort.

Der Gelehrte schüttelte den Kopf. »Wir befinden uns im Herrschaftsbereich von Seigneur Radoald und damit außerhalb jeder Gefahr, auch ist Bobium nicht mehr weit.«

»Deine Zuversicht in Ehren, Magister Ado«, erwiderte sie. »Aber du kennst ja auch die gute alte Redensart semper paratus!«

Magister Ado musste lachen. »Immer bereit sein? Ein vernünftiger Grundsatz, gewiss. Doch um Mittag oder bald danach wirst du die hohen Mauern der Abtei Bobium erblicken, und deine Befürchtungen werden sich als unbegründet erwiesen haben.«

Mit einem leichten Kopfneigen bekundete sie ihr Einverständnis. »Es fällt mir schwer hinzunehmen, dass es Leute gibt, die bereit sind, andere zu verstümmeln oder zu töten, bloß weil sie einer Form des christlichen Glaubens anhängen, die von der ihrigen abweicht.«

So herausfordernd, wie es klang, hatte es Fidelma nicht sagen wollen, aber Magister Ado lachte nur gutmütig. »Du glaubst bestimmt, da steckt mehr dahinter. Ein dunkles Geheimnis, das ich dir verschweige? Warte nur, bis du dich mit Bruder Ruadán unterhalten hast, dann wirst du begreifen, dass die Zwistigkeit über den Glauben außerordentlich tief in unserem Volk sitzt. Viel Blut ist darüber vergossen worden. Soviel ich von unserem jungen Freund hinter uns erfahren habe« – er blickte sich kurz nach Schwester Gisa und Bruder Faro um –, »hat Bruder Ruadán weit mehr als ich erleiden müssen … erleiden müssen, weil er dem Nicänischen Glaubensbekenntnis anhängt.«

Sie wollte den alten Geistlichen nicht mit weiteren Fragen bedrängen. Immer wieder glitten ihre wachsamen Blicke über die dicht stehenden Bäume, die sich den Berg hinauf zogen. Links bildete die starke Strömung der Trebbia eine Barriere, über die man sie nur schwerlich angreifen konnte. Ab und an schaute sie auch auf die Bauern, die hinter ihnen hertrotteten.

Plötzlich nahm sie eine Bewegung auf dem Berg zu ihrer Rechten wahr. Auf einem vorspringenden Felsen stand ein Mann, war aber von den Bäumen der Umgebung fast verdeckt.

»Jemand beobachtet uns«, flüsterte sie eindringlich, aber darauf bedacht, es Magister Ado möglichst unauffällig mitzuteilen »Rechts neben den hohen Bäumen auf dem Felsvorsprung. Eine Waffe scheint er nicht zu haben.«

Aufgeschreckt schaute Magister Ado nach oben, gab sich jedoch sogleich wieder ganz gelassen, hob sogar die Hand und winkte der Gestalt hoch über ihm zu.

»Das ist der alte Aistulf«, erklärte er ihr. »Aistulf, der Einsiedler.«

Die Gestalt über ihnen kehrte ihnen plötzlich den Rücken und verschwand eilig zwischen den Bäumen. Sie sah eben noch, dass sie gekrümmt ging und langes weißes Haar hatte.

»Sehr freundlich ist er nicht gerade », meinte sie trocken.

Magister Ado lachte vor sich hin. »Das ist nun mal das Naturell eines Einsiedlers. Der alte Aistulf lebt allein in einer Höhle irgendwo am Berg dort oben. Es ist erst ein paar Jahre her, dass er bei uns im Tal aufgetaucht ist. Das war am Ende der Kämpfe, die Grimoald zum König machten. Ich habe ihn noch nie aus der Nähe gesehen, wahrscheinlich auch sonst niemand, außer Abt Servillius, mit dem er gut Freund ist, und ich glaube, Schwester Gisa, die steigt mitunter da hinauf und besucht ihn. Aistulf wandert in den Bergen umher. Eigentlich weiß ich nur, dass er niemandem etwas Böses will.«

»Er ist bestimmt schon betagt, da reicht es nicht, dass jemand nur ab und an nach dem Rechten sieht. In Hibernia haben wir strenge Gesetze über die Fürsorge für die Alten.«

»Schwester Gisa besucht ihn ziemlich oft. Es heißt auch, Aistulf gehöre zu ihrer Familie. Sie selbst ist ja hier im Tal zur Welt gekommen«.

Fidelma drehte sich nach Schwester Gisa um, doch die unterhielt sich angeregt mit Bruder Faro und hatte den Alten oben auf dem Berg wohl gar nicht gesehen.

»Erzähl mir von Tolosa. Was ist das für ein Ort, wie sieht es dort aus?«, fragte sie. Vielleicht war das ein Thema, über das man sich unterhalten konnte, jedenfalls besser, als gar nicht miteinander zu reden.

Es war nicht das erste Mal, dass sie ihr Begleiter misstrauisch ansah.

»Wie kommst du ausgerechnet darauf?«

»Bei uns sagt man, nur wer Fragen stellt, erwirbt Wissen. Ich bin noch nie in Tolosa gewesen und hätte gern etwas darüber erfahren.«

Magister Ado überlegte einen Moment und berichtete dann: »Die Stadt liegt in Ruinen, wie Radoald angemerkt hat, ist aber nicht so verödet, wie er glaubt. Die große Basilika und die Abtei mit der Bibliothek stehen noch. Hätte es nicht den Wunsch gegeben, unsere Bibliothek um ein Kleinod zu bereichern, hätte mich niemand überreden können, die Reise dorthin zu unternehmen.«

»Das verstehe ich nicht ganz.«

»Unser scriptor Bruder Eolann hatte erfahren, dass die Abtei Tolosa eine Abschrift vom Leben des heiligen Märtyrers Saturnin besitzt, der die Abtei gegründet hat. Er überredete mich, mit einer Abschrift vom Leben des Columbanus dort hinzuziehen und sie gegen die Handschrift zu tauschen. Bobium hat eine der größten Bibliotheken in der Christenheit und ist natürlich stolz darauf; unser Reichtum besteht in unseren Büchern.«

»Wussten deine Gegner unter Umständen, dass du nach Tolosa unterwegs warst, um diesen Tausch der Handschriften zu vollziehen? Wäre eine solche Handschrift für sie ebenso wertvoll, wie sie es für deine Abtei ist?«

»Ich muss schon sagen, du bist eine rastlose junge Dame. Du lässt nicht locker mit deinen Fragen.«

»Fragen sind ein Weg zum Wissen.«

»Mitunter kann Wissen auch gefährlich sein. Besonders wenn man von Leuten umgeben ist, die Böses im Schilde führen.«

»Vom Bösen zu wissen, ist besser, als dem Bösen ausgesetzt zu sein, ohne etwas zu wissen.«

Magister Ado wollte schon ärgerlich werden, lachte dann aber unversehens schallend los.

»Kaum bin ich eine Weile weg aus Bobium, habe ich vergessen, wie meine Glaubensbrüder aus Hibernia ein Streitgespräch führen. Lernt ihr das wirklich so in deinem Heimatland?«

»Du meinst das mit den Fragen und Antworten?«

»Ja, man erhält eine Antwort und formuliert daraus sofort eine weitere Frage.«

»Eine Antwort führt immer zu einer weiteren Frage. Es gibt keine endgültige Antwort; wäre dem so, könnte es keinen Fortschritt geben.«

Magister Ado gab sich mit einem hörbaren Seufzer geschlagen, stellte aber leicht gereizt fest: »Alle in Hibernia Geborenen müssen die reinsten Philosophen sein.«

»Nicht jeder von uns ist das«, erwiderte Fidelma ungerührt, »obwohl sich alle dafür halten.«

Schweigend zogen sie eine Weile dahin. Hinter ihnen sprachen Bruder Faro und Schwester Gisa leise miteinander, während die beiden Bauern wortlos ihre bepackten Maulesel am Zügel führten. Die ganze Zeit ritten sie im Schatten der hohen Bäume, die in Ufernähe standen, am rauschenden Fluss entlang. Ein paarmal sahen sie Männer, die ihre Angeln auswarfen und sie mit erhobener Hand grüßten.

»Die Leute aus der Umgebung haben das Recht, in der Trebbia zu fischen«, erläuterte Magister Ado. »Es gibt hier erstaunlich viele Fische, besonders die Schmerlen sind prächtig.«

Abgesehen von den Fischern begegneten sie niemandem auf dem Weg, der allen Windungen des Stroms folgte.

»Dort hinter den Bäumen siehst du schon den Gipfel des Monte Pénas.« Magister Ado wies mit ausgestreckter Hand in die Richtung. »In unserer Gegend ist das der höchste Berg, und Bobium liegt an seinem Fuß.«

Die Berge, die Fidelma jetzt vor sich hatte, erschienen ihr nun viel höher als die zuvor. Bei der nächsten Biegung des Flusses kam eine weite felsige, offene Fläche in Sicht. Stattliche Bäche, die in den Bergen entsprangen und in die Trebbia flossen, bildeten eine breite Landzunge. Viele kleinere Häuser deuteten auf eine Siedlung hin. Etwas höher hinauf befand sich ein ausgedehnter Gebäudekomplex, den ein Turm krönte und den hohe Mauern umgaben.