KAPITEL 6
Noch ehe es hell wurde, war Fidelma aufgestanden, hatte sich gewaschen und angezogen. Leise verließ sie ihre Kammer, blieb stehen und blickte den Gang entlang. Sie hoffte, dass Bruder Wulfila es mit der heraufziehenden Morgendämmerung nicht länger für nötig gehalten hatte, auf dem Korridor vor der Kammer von Freifrau Gunora Wache zu halten. Tatsächlich war niemand zu sehen. Sie streifte die Sandalen ab, damit das Geräusch der Ledersohlen sie nicht verriet. Sie schreckte zurück, als die bloßen Füße die kalten Steinplatten berührten. Schwach drangen die ersten Geräusche der zum neuen Tag erwachenden Abtei an ihr Ohr. Vorsichtig schlich sie den Gang entlang, hielt die Sandalen in der Hand.
Sie gelangte an die Kammer, in der sie am Abend zuvor mit Freifrau Gunora gesprochen hatte, und blieb verwundert stehen. Die Tür war angelehnt, drinnen war es völlig still. Sie stieß die Tür auf und blickte in den Raum. Er war leer, alles deutete darauf hin, dass die Gäste übereilt abgereist waren. Ein Stuhl war umgekippt, Decken und Kissen lagen verstreut auf dem Boden. Nichts an persönlichen Gegenständen, Beuteln oder Taschen stand mehr da, keine der Sachen, die sie gesehen hatte, als Gunora sie hereingebeten hatte.
Sorgsam schaute sich Fidelma um. Freifrau Gunora und der junge Prinz mussten den Raum in großer Hast verlassen haben. Doch jetzt war nicht die Zeit, sich um einen weiteren rätselhaften Vorgang zu kümmern, sie hatte Wichtigeres vor. Fidelma ließ die Tür, wie sie sie vorgefunden hatte, und ging behutsam bis ans Ende des Ganges. Von Bruder Wulfila keine Spur. Auch die dort abzweigenden Korridore waren menschenleer. Niemand begegnete ihr auf dem Weg zu Bruder Ruadáns Zelle.
Von keinem bemerkt, trat Fidelma ein. Der Raum war jetzt ins sanfte Licht des frühen Morgens getaucht. Eingefallen und reglos lag Bruder Ruadán auf dem Bett, sein Atem ging schwach und asthmatisch.
»Bruder Ruadán«, flüsterte sie, so laut sie sich traute.
Der Atem stockte – ein Zeichen, dass Bruder Ruadán wach war und sie wahrgenommen hatte. Das Gesicht auf dem Kissen wandte sich ihr zu. Sie ging näher heran.
»Ich bin es, Fidelma.«
»Du bist zurückgekommen?« Nur mühsam wurden die Worte herausgepresst. »Ich … ich dachte, ich hätte geträumt, dass du gestern hier warst.«
Sie setzte sich auf die Bettkante und nahm seine kalte, wie mit Pergament überzogene Hand in ihre Hände. »Ich bin auch heute hier. Mein Besuch gestern hatte dich erregt.«
»Ist außer dir noch jemand da? Ich sehe alles nur verschwommen.« Wie gehetzt flitzten die fahlen Augen hin und her.
»Wir sind völlig allein«, versicherte sie ihm. »Was macht dir solche Angst?«
»Was treibt dich hierher – hierher nach Bobium?«
»Ich war auf dem Wege nach Massilia, doch mein Schiff geriet in einen Sturm und wurde leck geschlagen. So bin ich in Genua gestrandet. Per Zufall traf ich Magister Ado und erfuhr, dass du in dieser Abtei lebst, da bin ich einfach hergekommen, um dich zu besuchen. Es tut mir sehr leid, dass du so krank daniederliegst.«
Dem alten Mann entrang sich ein keuchendes Stöhnen. »Schlimm genug, dass du mich ausfindig gemacht hast. Meine Zeit hat sich bald erfüllt. Böses geht hier um, und ich fürchte, uns droht große Gefahr. Höre auf mich, kehre nach Genua zurück, so schnell wie möglich, setze deine Heimreise fort und vergiss diese Stätte.«
»Ich soll dich hilflos all dem Übel überlassen? Komm, erzähl mir, was sich hier abspielt, vielleicht finde ich einen Weg, dir zu helfen.«
»Mir ist nicht mehr zu helfen«, flüsterte der Kranke. »Ich gehe bald ein in die ewige Ruhe. Nur um eines möchte ich dich bitten …«
»Was immer ich für meinen alten Lehrer tun kann, das will ich tun«, erwiderte Fidelma mit fester Stimme.
»Wenn du heimkehrst, entzünde eine Kerze in der kleinen Kapelle auf Inis Celtra und bete für meinen Seelenfrieden.«
»Noch bist du nicht tot«, wandte sie entschieden ein und kämpfte gegen die Tränen, die ihr kamen.
»Ich werde es aber sein, noch ehe du in Genua bist.«
Vom Korridor her war das Klatschen von Ledersandalen auf Stein zu vernehmen; einer der Brüder ging vorüber. Fidelma spürte, wie der Druck seiner Finger in ihrer Hand plötzlich kräftiger wurde.
»Du musst mir glauben, Fidelma«, flüsterte er heiser. »Um der Liebe willen, die ich für deinen verstorbenen Vater, König Failbe Flann, stets gehegt habe, glaube mir. Ich fürchte, du gerätst bald in große Gefahr. Sie wollten mich töten, und den Jungen haben sie bereits umgebracht, um ihn mundtot zu machen. Sie werden auch keinen Augenblick zögern, dich zu ermorden. Sie wissen, ich habe das Gold gesehen. Sie wissen, dass ich sie im Verdacht habe … deshalb werde ich bald tot sein.«
»Welchen Jungen?«, fragte Fidelma erschrocken. »Meinst du Prinz Romuald?«
Der Alte schüttelte den Kopf derart heftig, wie es Fidelma ihm nie zugetraut hätte. »Nein, nein, nein. Den Ziegenhirt meine ich.«
»Den Ziegenhirt?«, fragte sie vollends verwirrt »Wer sind ›sie‹, und warum hatten sie es auf einen Ziegenhirten abgesehen? Erzähl mir, was du weißt.«
Der Sieche atmete pfeifend. »Ich bin erschöpft, ich kann nicht mehr. Um mich dreht sich alles. Je weniger du weißt, desto besser für dich. Verlass die Abtei, so schnell du nur kannst.«
»Heißt das, du rechnest damit, dass man dich umbringt?«, drang sie in ihn.
»Umbringt«, murmelte Bruder Ruadán wie geistesabwesend. »Der Junge … der kleine Wamba. Er hätte nicht sterben dürfen, bloß weil er die Münzen hatte. Tot. Altes Gold … Ich hab’s gesehen. Man mag nicht glauben, wie viel Böses ein Mausoleum bergen kann.«
»Ich versteh nicht, was du meinst.«
Wieder wurde es lebhaft auf dem Korridor, sie hörte Bruder Hnikar mit jemandem laut reden. Der Apotheker durfte sie nicht in Bruder Ruadáns Zelle überraschen. Sie neigte sich über ihren alten Lehrer.
»Ich komme später wieder, wenn abzusehen ist, dass wir nicht gestört werden. Wir müssen weiter miteinander reden, Bruder Ruadán«, hauchte sie ihm ins Ohr. Sie legte ihm die Hand an die Seite, ging lautlos zur Tür und lauschte, ohne sie zu öffnen.
Bruder Hnikars Stimme war leiser geworden, aber immer noch zu hören, und das gar nicht weit entfernt. Mit aller Vorsicht öffnete sie die Tür einen Spalt und spähte hinaus. Von ihrem Blickwinkel aus sah sie niemand, also öffnete sie die Tür ganz und schaute sich um. Etwas weiter im Gang stand eine Tür offen, und von dort kam die Stimme des Apothekers. Sie glitt in den Korridor, zog sacht die Tür hinter sich zu und huschte dorthin, wo ein anderer Gang im rechten Winkel abzweigte. Erst als sie um die Ecke gebogen und sicher war, von Bruder Hnikar nicht gesehen zu werden, falls er auf den Hauptgang hinaustrat, atmete sie auf und blieb stehen.
Sie überlegte. Was sie hatte ergründen wollen, hatte sie keineswegs erfahren, im Gegenteil, neue Fragen drängten sich auf, denen sie hilflos gegenüberstand. Eine Glocke erklang, und Mitglieder der Bruderschaft wandelten durch die Gänge. Zwei gingen an ihr vorbei, schauten auf ihre Füße und schienen belustigt. Da erst bemerkte sie, dass sie ihre Sandalen immer noch in der Hand hielt und barfuß war. Beschämt schlüpfte sie in das Schuhwerk und begriff, dass die Glocke zur ersten Mahlzeit des Tages rief. Sie folgte den Brüdern, die zweifelsohne zum refectorium strebten.