Bruder Bladulf, der Torhüter, kam auf sie zu und begrüßte sie mit einem achtungsvollen Neigen des Kopfes. »Ich wollte dir gerade den Weg zeigen, Schwester.« Er drehte sich um und ging ihr in den Saal voran. Sie wurde an den Tisch des Abts geführt, an dem jedoch einzig und allein der Ehrwürdige Ionas saß. Rasch wanderte ihr Blick durchs refectorium. Schwester Gisa war mit ihren Mitschwestern in ihrer Ecke, auch Bruder Faro hockte auf seinem Platz. Von Bischof Britmund und seinem Begleiter fehlte jede Spur. Sie begrüßte den Ehrwürdigen Ionas und setzte sich. Der alte Gelehrte erhob sich, und da der Abt nicht anwesend war, stimmte er das gratias, das Tischgebet, an. Dann ließ er sich nieder, und ein Glockenschlag verkündete den Beginn der Mahlzeit.
»Ist es nicht gegen die Gepflogenheiten, dass so viele der höheren Geistlichen beim ersten Mahl des Tages fehlen?«, fragte sie.
Der Ehrwürdige Ionas lächelte. »Es ist in der Tat ungewöhnlich«, bestätigte er. »Ein Reiter überbrachte die Nachricht, dass Seigneur Radoald in Kürze zu erwarten ist, und Abt Servillius trifft die Vorbereitungen für die Begegnung. Ich glaube nicht, dass es bei der Unterredung zu einem befriedigenden Ergebnis kommt.«
Fidelma verspürte wenig Lust, mehr über den Streit zwischen den Glaubensgemeinschaften zu hören, und ließ sich lieber ihr Frühstück schmecken. Sie wollte gerade die Halle verlassen, als Trompetenstöße erklangen. Neugierig blieb sie oben auf den Stufen stehen, die zum Innenhof hinunterführten. Bruder Wulfila eilte ans Portal der Abtei, und wenige Augenblicke später erschienen Abt Servillius und der Ehrwürdige Ionas neben ihr auf der Treppe.
Durch das weit geöffnete Tor trabten vier Reiter und hielten in der Mitte des Hofs. Ihr Anführer war unschwer als Radoald, Seigneur von Trebbia zu erkennen, und hinter ihm auf fahlgrauem Ross der Krieger Wulfoald. Alle saßen ab. Die Pferde wurden von den zwei anderen Reitern weggeführt, und Lord Radoald und Wulfoald schritten auf die Treppe zu. Der Abt eilte ihnen entgegen und hieß sie willkommen. Fidelma verharrte auf ihrer Stelle und beobachtete das Geschehen. Bischof Britmund und sein Begleiter hatten sich ebenfalls zur Begrüßung eingefunden. Der Abt führte seine Gäste ins Hauptgebäude. Als der junge Landesherr Fidelma erblickte, hob er grüßend die Hand, ging aber vorüber, ohne sie anzusprechen; auch Wulfoald nickte ihr nur von weitem zu.
Unschlüssig blieb sie stehen. Doch schon kam Bruder Faro, der sich mit einem anderen Bruder unterhalten hatte, auf sie zu. Er trug den Arm immer noch in der Schlinge.
»Was macht deine Wunde?«, fragte Fidelma lächelnd.
»Gott sei gelobt, Schwester, sie ist schon sehr viel besser. Schmerzt manchmal noch ein bisschen, heilt aber gut, wie Bruder Hnikar vorausgesagt hat.«
»Das freut mich zu hören.«
Magister Ado näherte sich ihnen, woraufhin Bruder Faro sich nervös entschuldigte: »Ich bitte um Verständnis, aber ich habe noch was zu tun … bin mit jemandem verabredet.«
Verwundert schaute ihm Fidelma nach, doch Magister Ado gesellte sich zu ihr und gluckste vergnügt.
»Der Bursche ist verliebt bis über beide Ohren«, tuschelte er.
»Schwester Gisa?«
»Ganz offensichtlich. Es ist zwar nicht verboten, miteinander zu verkehren, doch Abt Servillius gehört, wie du weißt, zu denen, die für die ›Trennung der Geschlechter‹ im Leben der Mönche eintreten. Die beiden, Gisa und Faro, geben sich alle Mühe, ihr Geheimnis zu wahren. Zum Glück ist Abt Servillius auf dem Auge ziemlich blind.«
»Ich verstehe.«
Magister Ado schaute hoch zum strahlend blauen Himmel und wechselte das Thema. »Der Tag heute ist wirklich schön. Ich könnte mir vorstellen, dass du die Gelegenheit nutzen möchtest, um einen Blick in unser herbarium zu werfen. Auf unseren Kräutergarten sind wir richtig stolz. Übrigens wird er von einem der Brüder aus Hibernia, Bruder Lonán, betreut. An einem Tag wie diesem sich draußen aufzuhalten, ist doch besser, als drinnen im Düstern zu hocken.«
»Sich gerade jetzt in den Garten zu begeben, ist vielleicht nicht angebracht«, gab Fidelma zur Antwort. »Aber du hast eine Möglichkeitsform benutzt. Du könntest dir vorstellen, hast du gesagt. Hat das einen Grund?«
»Du hörst wirklich sehr genau hin«, meinte Magister Ado belustigt. »Ich fürchte, man wird mich auffordern, an dieser Beratung teilzunehmen, dabei ist sie die reinste Zeitverschwendung.«
»Du scheinst dir dessen ziemlich sicher zu sein. Ich meine, was die Zeitverschwendung angeht.«
»Da bin ich mir völlig sicher. Mit Britmund Frieden schließen zu wollen, kommt dem Versuch gleich, einen Aal mit bloßen Händen zu fangen.«
Just in dem Augenblick erschien Bruder Wulfila im Hauptportal, schaute sich suchend um und hastete zu den beiden hinüber. »Magister Ado, die Beratung soll gleich beginnen, und der Abt bittet dich, dich sofort in die Amtsstube zu begeben«, sagte er ganz außer Atem. Und zu Fidelma gewandt: »Der Abt bittet auch ausdrücklich dich um deine Anwesenheit, Schwester Fidelma.«
»Du wirst sehen, nichts als Zeitverschwendung, aber Seigneur Radoald zuliebe müssen wir uns dreinfügen«, murmelte Magister Ado, als sie dem vor ihnen hereilenden Bruder Wulfila folgten.
Der führte sie in die Abtstube, in der sie auch den Bischof vorfanden. Verwundert stellte Fidelma fest, dass Abt Servillius seinen Lehnsessel Radoald überlassen und somit dem Gebietsherren den Mittelpunkt im Raum eingeräumt hatte. Hinter ihm stand der junge Krieger Wulfoald. Zur Linken hatte Bischof Britmund Platz genommen und hinter ihm sein Begleiter, Bruder Godomar. Ihnen gegenüber saßen zur rechten Seite des Seigneurs der Abt und der Ehrwürdige Ionas. Magister Ado wurde vom Abt bedeutet, sich neben ihn zu setzen. Bruder Wulfila führte Fidelma zu einem Platz am anderen Ende des Raumes und ließ sich neben ihr nieder. Bischof Britmund sah flüchtig zu ihr hinüber und runzelte missbilligend die Brauen.
Nach einem kurzen Blick in die Runde eröffnete Seigneur Radoald die Zusammenkunft. »Wie euch bekannt, hat sich Bischof Britmund auf meine Aufforderung hierherbegeben. Wir wollen ausloten, ob wir über die unterschiedlichen Auslegungen unsers Glaubens, wenn schon nicht Einigkeit erzielen, so doch wenigstens zu einem Konsens kommen können, mit dem sich die in unserem Tal häufenden Zwistigkeiten beilegen lassen. Ein modus vivendi also, bei dem man in Frieden leben kann. Ich sitze hier als euer weltlicher Gebietsherr, der darauf eingeschworen ist, den Frieden in diesem Tal zu bewahren. Es ist nun an dir, Abt Servillius, und an dir, Bischof Britmund, sich einverstanden zu erklären, dass wir so verfahren.«
Mit versteinerter Miene fragte der Bischof gereizt: »Was sucht das Weib aus Hibernia hier?«
Tatsächlich stellte sich Fidelma diese Frage auch.
»Um die Anwesenheit von Prinzessin Fidelma aus Hibernia habe ich persönlich ersucht«, sagte Seigneur Radoald leichthin. »Abt Servillius hat mir darin zugestimmt.«
Über diese Antwort war selbst Fidelma erstaunt.
»Ersucht?« Britmund steigerte sich in seiner Verärgerung. »Wie erklärt sich das? Ich habe bislang gedacht, Abt Servillius ist strikt dagegen, dass Frauen in der Kirche ein Amt bekleiden, und dass er zudem für die Trennung der Geschlechter eintritt. Welche Hinterlist hat ihn dazu verleitet? Hat dieses Weib dich behext?«
Fidelma hatte den Bischof von Anfang an nicht gemocht, jetzt aber stieg in ihr ein Groll gegen ihn auf. Sie wollte schon etwas erwidern, doch Radoald griff ein.
»Fidelma von Hibernia ist die Tochter eines Königs in ihrem Land. Von einem der Brüder dieser Abtei, der eben erst aus Rom zurückgekehrt ist, haben wir erfahren, dass sie selbst beim Heiligen Vater in hohem Ansehen steht. Er wusste auch zu berichten, dass sie im Rechtswesen ihres Landes ausgebildet ist und auf dem Konzil von Streonshalh im Lande der Angeln eine wesentliche Rolle gespielt hat, als dort über die Auslegung unseres Glaubens gestritten wurde. Allein wegen ihrer dort gewonnenen Erfahrung kann es uns nur zustattenkommen, dass sie unserer Debatte beiwohnt und uns möglicherweise mit ihrem Ratschlag dient. Bist du nicht auch dieser Meinung, Vater Abt?«