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Fidelma überlegte kurz und erwiderte: »Dort prallten gewiss auch Meinungen aufeinander, doch trug man sie mit etwas geringerer Heftigkeit vor. Ich dachte, hier wollte man eine via media aurea, einen Mittelweg, finden, gewissermaßen den goldenen Pfad, auf dem sich beide Seiten begegnen könnten.«

»Eben das war meine Absicht«, stimmte ihr Radoald ernst zu. »Doch bislang scheint ein solcher Pfad in weiter Ferne.«

»Ich habe den Eindruck, wir sind auf der via militaris stecken geblieben. Heißt es nicht immer, die Wahrheit findet man auf dem Mittelweg?«

»Es gibt keinen Mittelweg«, fuhr der Bischof sie an. »Es gibt nur die Wahrheit oder die Unwahrheit. Die Wahrheit kennt keinen Kompromiss.« Er stand unvermittelt auf, und sein Gefährte erhob sich gleichfalls. »Ich bin der Aufforderung von Seigneur Radoald gefolgt. Ich hatte gehofft, in ihm einem ebenso großen Landesherrn, wie sein Vater einer war, zu begegnen, stattdessen muss ich feststellen, er hat sich von dieser Abtei und der hier waltenden häretischen Sicht der Dinge betören lassen.«

Wulfoald packte mit drohender Gebärde den Griff seines Schwertes, doch Radoald fasste seinen Krieger am Arm und hielt ihn zurück. Am Sprechen aber konnte er ihn nicht hindern.

»Nimm dich in Acht, Bischof, beleidige nicht den Seigneur von Trebbia«, stieß Wulfoald warnend hervor. »Noch haben die Krieger Perctarits nicht den mächtigen Padus überquert, um dich zu schützen.«

Auch Bruder Godomar hatte sich vorgebeugt und zog den Bischof eindringlich am Ärmel seiner Soutane. Britmunds Augen blitzten wütend, doch besann er sich und erklärte nachgiebig: »Ich habe niemand beleidigen wollen, Seigneur Radoald. Verzeih meine ungeschickte Art, mein Missvergnügen zum Ausdruck zu bringen. Ich sehe keine Möglichkeit, unsere Meinungsverschiedenheiten hier friedfertig beizulegen. Wir stehen ebenso fest zu unserem Glauben, wie die Gemeinschaft dieser Abtei zu ihrer Ketzerei. Beide müssen wir hinnehmen, dass unser Mittelweg nur der sein kann: Werden wir angegriffen, schlagen wir zurück. Oculum pro oculo, dentem pro dente, manum pro manu, pedem pro pede.«

»Ich dachte, unser Glaube, wie immer du ihn auslegst, gründet sich auf die Worte und die Lehren von Christus«, bemerkte Fidelma leise, doch unüberhörbar.

Wütend drehte sich Bischof Britmund zu ihr um. »Willst du mich etwa über unseren Glauben belehren, Weib aus Hibernia?«

»Ich wollte dich nur daran erinnern, dass Christus in der Bergpredigt tatsächlich gesagt hat, es heißt Auge um Auge, Zahn um Zahn, aber Er hat die Gläubigen ermahnt, diese Lehre zu missachten. Weiterhin hat Er gelehrt, ›so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den anderen auch dar‹.«

Dem fügte Abt Servillius freudig hinzu: »So steht es im Evangelium des Matthäus. Bischof Britmund wird doch nicht so weit gehen und die Lehren Christi leugnen, selbst wenn er das Glaubensbekenntnis von Nicäa ablehnt.«

Der Bischof war sichtlich verärgert. »Ich benötige deine Zusicherung, dass ich unbehelligt nach Placentia zurückkehren kann«, verlangte er von Seigneur Radoald.

Radoald zog die Augenbrauen hoch. »Wieso das? Hat man dich auf dem Wege hierher bedroht?«

»Wie für jedermann ersichtlich, stehe ich unversehrt vor euch; auf meinem Weg hierher war ich keiner Gefahr ausgesetzt.«

»Dann wirst du auch unbehelligt heimkehren. Niemand unter uns oder sonst jemand, der unserem Glauben anhängt, hat die Absicht, dir körperliche Gewalt anzutun, Britmund.«

Der Bischof zögerte, schien noch etwas sagen zu wollen, fegte dann aber raschen Schrittes aus dem Raum, gefolgt von seinem stummen Begleiter. Bruder Wulfila, dem es als Verwalter zukam, sie aus dem Bereich der Abtei zu geleiten, eilte ihnen hinterher.

Sobald sie gegangen waren, ließ sich Abt Servillius mit einem lauten Stoßseufzer in seinen Armsessel zurücksinken. »Als der Schöpfer Barmherzigkeit austeilte, muss Er versäumt haben, Britmund damit zu bedenken.«

Radoald war völlig niedergeschlagen. »Es ist mir nicht gelungen. Ich habe versucht, den Friedensstifter zu spielen, stets hatte ich vor Augen, was dem armen Bruder Ruadán zugestoßen ist. Ich will, dass solche Überfälle aufhören.«

Fidelma war äußerst unwohl zumute, sie sah Bruder Ruadán auf seiner Bettstatt liegen, einen armen Alten, den man angefallen und schwer verletzt hatte, weil ein angeblicher Gottesfürchtiger wie Bischof Britmund es in seiner Herrschsucht so wollte.

»Weit mehr bereitet uns Sorge, Radoald, dass solche Prälaten wie Britmund eine Machtstellung erlangen, wenn die Gerüchte um Perctarits Rückkehr sich bewahrheiten«, ergriff Abt Servillius das Wort.

»Bisher sind nur Gerüchte zu uns gedrungen, dass er zurückkommt. Wir wissen nichts Genaues, haben keine verlässliche Nachricht«, warf Wulfoald ein. Freimütig legte der Krieger seine Ansicht vor seinem Landesherren und den oberen Geistlichen der Abtei dar. »Es gibt keinen Grund, in Angst und Schrecken zu verfallen, ehe wir Gewissheit haben.«

»Wir hier in Bobium verfallen nicht in Angst und Schrecken, müssen uns aber wohl auf das Schlimmste gefasst machen«, entgegnete ihm der Abt gereizt.

»Wir beschuldigen dich nicht, dass du Angst verbreitest, Abt Servillius«, beschwichtigte ihn Radoald. »Doch können wir erst etwas unternehmen, wenn wir glaubwürdige Kunde haben.«

»Und wie sollen wir die erlangen?«, fragte der Abt verdrießlich. »Erst wenn wir sehen, wie Perctarits Heerscharen das Trebbia-Tal heraufmarschieren?«

Radoalds Antwort kam im Brustton der Überzeugung: »Ich werde meine Leute an die entscheidenden Stellen schicken; sie sollen sich dort umhorchen, wahrheitsgemäße Nachrichten sammeln und mich rechtzeitig vor drohenden Gefahren warnen. Wenn Perctarit wirklich hier einfällt, wird er Rache nehmen wollen. Wir dürfen nicht vergessen, dass mein Vater, als er Seigneur von Trebbia war, Grimoald geholfen hat, Godepert zu töten und seinen Bruder Perctarit außer Landes zu treiben. Und was mich betrifft, habe ich nicht auf meines Vaters Seite gestanden?«

Der Abt senkte den Blick. »Du tust recht daran, mich zurechtzuweisen. Ich habe nur ans Wohlergehen unserer Abtei und das der Brüder gedacht.«

»Und das steht dir durchaus zu, Vater Abt. Ein Vater muss ans Wohlergehen seiner Kinder denken«, besänftigte ihn Radoald.

Beide schwiegen, bis Magister Ado das Gespräch wieder aufnahm. »Seigneur Radoalds Befürchtung ist nicht unbegründet. Doch hier im Tal sind wir verhältnismäßig geschützt, weil wir nicht an einem Hauptweg liegen, den Perctarit einschlagen müsste, kehrte er wirklich zurück, um den König zu stürzen. Das Tal hat für ihn keine strategische Bedeutung.«

»Da muss ich Magister Ado widersprechen, wenn er glaubt, das Trebbia-Tal sei ein Nebenweg, den Perctarit ignorieren würde«, wandte Wulfoald ein. »Historiker, der er ist, scheint er vergessen zu haben, wie wichtig dieses Tal in früheren Zeiten war.«

»Ich habe mir nie angemaßt, ein Historiker zu sein«, wehrte der Geistliche sofort ab. »Ich habe nur die Lebenswege der großen Begründer unseres Glaubens beschrieben, mehr nicht.«

»Dann bitte ich um Verzeihung«, erwiderte Wulfoald versöhnlich. »Aber ich habe den Griechen Polybius gelesen und die lateinischen Werke des Livius, der in dem Gebiet hier aufgewachsen ist. Beide haben die Schlacht an der Trebbia ausführlich geschildert.«

Jetzt griff der Ehrwürdige Ionas in die Unterhaltung ein. »Die meisten von uns wissen, worauf du anspielst, mein junger kriegerischer Freund.« An Fidelma gewandt fuhr er fort: »In diesem schmalen, friedlichen Tal lebte einst ein Stamm der Gallier. Das war in den weit zurückliegenden Tagen der römischen Republik. Die Römer mussten dieses Gebiet erobern, wollten sie ihren Herrschaftsbereich ausdehnen. Die Kämpfe zogen sich lange hin und waren verlustreich. Viele Konsuln und ihre Legionen kamen ums Leben bei ihren Versuchen, die Boii zu unterwerfen, die hier siedelten. Einem der Konsuln, einem Flaminius, gelang es, an der Küste nordwärts zu ziehen, Genua zu erreichen und einen Stützpunkt zu errichten. Von dort aus zogen die Legionäre bei ihren Eroberungsvorstößen durch dieses Tal. Später erfochten die Karthager unter Hannibal ihren ersten bedeutenden Sieg über die Römer an der Mündung ebendieses Flusses; daher spricht man noch immer von der Schlacht an der Trebbia.«