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Der Ehrwürdige Ionas hatte sich in Rage geredet, doch als er spürte, dass aller Augen auf ihn gerichtet waren, stockte er und sagte achselzuckend: »Verzeiht. Manchmal geht meine Begeisterung für Geschichte mit mir durch, besonders wenn es sich um die Gegend hier handelt.«

»Darf ich eine Frage stellen?«

Alle Anwesenden wandten ihre Blicke Fidelma zu.

»Bitte sehr, frage nur!«, forderte Abt Servillius sie auf.

»Nachdem, was ich bisher gehört habe, ist eurer König Grimoald ein Anhänger des Arianischen Glaubensbekenntnisses. Der frühere König, dieser Perctarit, hängt dem Nicänischen Bekenntnis an. Stimmt das so, sehe ich das richtig?«

»Ja, so verhält es sich«, bestätigte der Abt.

»Das verwirrt mich. Warum würden die Arianer, wie Bischof Britmund zum Beispiel, Perctarit, der doch ein Nicäaner ist, unterstützen, sollte er den Thron wiedererringen, von dem er vertrieben wurde? Das ist doch nicht logisch.«

Abt Servillius überließ es Radoald, zu antworten. »Religion spielt bei diesen Kämpfen um die Königswürde keine Rolle. Du hast schon recht mit deiner Ansicht, nur ist zu bedenken, dass Grimoald ein sehr freisinniger König ist, der den Leuten gestattet, ihren eigenen Glaubensrichtungen zu folgen, ganz gleich, zu welcher christlichen Gemeinschaft sie sich hingezogen fühlen; selbst wenn sie bei ihren alten Göttern und Göttinnen bleiben wollten, würde er es dulden. Perctarit hingegen wird alles versprechen und tun, was dazu dient, seine Macht wiederzuerlangen … Er würde sogar Britmund erlauben, in seinem Herrschaftsbereich alle diejenigen zu vernichten, die sich zum Nicänischen Glauben bekennen. Gerüchte sind bereits im Umlauf, dass Perctarit Verhandlungen in diesem Sinne führt, um sich Unterstützung für seine Pläne zu sichern.«

Wulfoald vergewisserte sich mit einem Blick zu Radoald und führte den Gedanken weiter. »Wie dem auch sei, falls Perctarit den Padus überschreiten wollte, müsste er ostwärts ziehen und würde Grimoalds Regent, Lupus von Friuli, gegenüberstehen, der dort ein beträchtliches Heer unterhält. Perctarit könnte dieses Heer nicht unbehelligt umgehen, wollte er Grimoald von Süden angreifen. Er müsste Lupus bestechen oder vernichtend schlagen, bevor er seine Anhängerschaft auf Grimoald und die Abteien und Kirchen loslassen könnte, die dem Bekenntnis von Nicäa folgen.«

Fidelma schwieg. Die politischen Konstellationen schienen ihr reichlich verwickelt; sich in diese fremdländischen Angelegenheiten einzumischen, war nicht ihre Sache.

Unvermittelt erhob sich Radoald, und die anderen folgten ihm.

»Uns bleibt nichts anderes übrig, als wachsam zu sein und zu hoffen, dass unsere Befürchtungen unbegründet sind.« Er sah Fidelma wie um Verständnis bittend an. »Ich bedauere, dass du Zeuge dieser heftigen Gegnerschaft wurdest. Ich hatte auf deiner Anwesenheit bestanden, weil du bei dem Glaubensstreit in der Abtei Streonhalh zugegen warst, und ich erhoffte mir von dir nützlichen Rat. »

Fidelma konnte nur mit den Schultern zucken. »Mir tut es leid, dass die Gegner derart unversöhnlich waren, dass sich jeder Rat erübrigte.«

»Warst du bei Bruder Ruadán?«, schwenkte der junge Landesherr um. »Wie geht es ihm? Ich wollte auch zu ihm, hoffte, mit ihm reden zu können, doch Bruder Hnikar sagt, er sei zu schwach.«

»Ich war gestern Abend bei ihm«, antwortete Fidelma wahrheitsgemäß, ohne ihren Besuch am Morgen zu erwähnen. »Er ist in der Tat sehr geschwächt.«

»Aber noch klar im Kopf?«

»Für meine Begriffe, ja. Freilich haben wir in unserer Sprache geredet, das strengt ihn vielleicht weniger an, als sich in einer anderen Sprache auszudrücken. Jedenfalls will ich nachher wieder zu ihm.«

»Bruder Hnikar, unser Apotheker, rechnet mit dem Schlimmsten«, äußerte der Verwalter, der eben zurückgekommen war, um sich um die Belange der verbliebenen Gäste zu kümmern.

Sorgenvoll wiegte Radoald das Haupt. »Lass mich wissen, wie es um ihn steht, ich würde gern mit ihm sprechen. Ein Verbrechen wurde begangen, und der Schuldige muss gefunden und bestraft werden. Sollte ich vielleicht meinen Leibarzt Suidur herkommen lassen, damit er eurem Bruder Hnikar zur Seite stehen kann …?«

»Das ist nicht nötig«, erwiderte Abt Servillius abweisend. »Bruder Hnikar hat unser volles Vertrauen. Wir müssen einfach abwarten, ob sich eine Besserung einstellt. Bruder Hnikar konnte auch Schwester Fidelma nur einen kurzen Besuch gestatten, weil Bruder Ruadán völlig entkräftet ist.«

»Nichts liegt mir ferner, als die Kenntnisse eures Apothekers anzuzweifeln«, beteuerte Radoald. »Ich dachte nur, dass mitunter zwei Köpfe klüger sind als einer. Selbstverständlich halte ich mich an Bruder Hnikars Weisung.«

»Nicht, dass ich Suidur seine Befähigung absprechen wollte«, meinte der Abt. »Aber nach allem, was ich höre, kann selbst der beste Apotheker Bruder Ruadán nicht mehr helfen. Wir können nur warten und beten.«

Am liebsten hätte Fidelma etwas dazu gesagt, unterließ es jedoch. Sie fühlte sich seltsam fremd in dieser Umgebung, wie jemand, der durch ein Moor wankt und fürchten muss, bei jedem Schritt, den er macht, im Morast zu versinken.

»Wir bleiben heute im Umfeld von Bobium«, sagte Radoald. »Sollte ich etwas Genaueres über das Vorrücken von Perctarit hören, schicke ich einen meiner Männer, um euch zu warnen.«

Man verabschiedete sich im Innenhof, und Fidelma schaute zu, wie Radoald und Wulfoald sich mit ihren beiden Begleitern verständigten, aufsaßen und durch das große Portal davonritten. Abt Servillius war mit Magister Ado und dem Ehrwürdigen Ionas bereits in seine Amtsstube zurückgekehrt. Zu ihrem Erstaunen bemerkte Fidelma, dass auch jetzt wieder Bruder Faro neben ihr stand.

»Wie ich höre, hat man sich da drin fast geprügelt«, spöttelte er und grinste. »Dir muss das alles höchst sonderbar vorkommen.«

»Ich habe mich daran gewöhnt, dass Kirchenobere sich oft wegen der Bedeutung einzelner Worte in den Haaren liegen«, erwiderte Fidelma. »Allerdings gebe ich zu, dass mir Hass mit solcher Heftigkeit, wie heute früh, bislang nicht begegnet ist. Allmählich verstehe ich, warum Magister Ado die Angriffe auf seine Person auf die unterschiedlichen Auffassungen in theologischen Dingen zurückführt.«

Bruder Faro äußerte sich dazu nicht und erklärte nur: »Hier befindest du dich jedenfalls unter Freunden. Aber du musst mich schon entschuldigen, ich habe dringend mit dem Verwalter zu reden.«

Fidelma hielt ihn noch einen Moment fest. Nach der stickigen Atmosphäre in der Abtstube war es ihr ein Bedürfnis, frische Luft zu schnappen. »Magister Ado wollte mir gerade den Kräutergarten zeigen, als man uns aufforderte, Zeuge zu sein, wie schlecht sich Bischof Britmund benahm. Er scheint es jetzt vergessen zu haben. Vielleicht kannst du mir sagen, wie ich dorthin komme.«

»Wenn du durch den Torbogen dahinten gehst« – und dabei wies er quer über den Hof der Abtei –, »und dem Pfad weiter folgst, kommst du in den Kräutergarten. Einer deiner Landsleute, Bruder Lonán, pflegt die Beete. Er kann dir die Kräuter bestimmt besser erklären als ich.«

Mit seinem harmlosen Hinweis hatte Bruder Faro sie daran erinnert, dass die Abtei eine irische Gründung war. Natürlich lebten außer Bruder Ruadán auch andere Mönche aus den Fünf Königreichen hier. Bruder Faro eilte davon, um sich mit Bruder Wulfila zu treffen, und Fidelma bot die Aussicht, einem weiteren Landsmann zu begegnen, willkommene Entspannung. Der Gedanke nahm sie so gefangen, dass sie darüber völlig vergaß, dass Freifrau Gunora und ihr Pflegebefohlener, Prinz Romuald, verschwunden waren.