KAPITEL 7
Bruder Lonán erwies sich als eine Enttäuschung. Er war ein leicht erregbarer Mensch, dessen Interesse einzig und allein seinen Kräutern galt, die im rückwärtigen Teil der Abtei in einem von Mauern umgebenen Garten wuchsen. Mit wohldosierten Fragen bekam Fidelma aus ihm heraus, dass er ursprünglich in Cluain Eidnech studiert hatte, bekannt unter dem Namen Efeuwiese, einem Gebiet, dessen Stammesfürsten offiziell dem König von Muman die Treue hielten; doch bedingt durch seine Lage an der Ostgrenze unmittelbar neben dem Königreich von Laighin war es mit dem Treuebekenntnis nicht weit her, und man hängte gern sein Fähnchen nach dem Winde.
»Wie viele der Brüder hier stammen aus Hibernia?«, fragte Fidelma, während sie sich angelegentlich ein paar Sträucher ansah, die sie nicht kannte.
»Zur Zeit sind wir zwölf«, erwiderte er fast nebenbei. »Ich glaube, ich bin von allen am längsten hier. Die eigentlichen Begründer sind ja schon seit langem verschieden.«
»Kommen viele von unseren Leuten hier vorbei, wenn sie nach Rom oder irgendwohin anders nach Süden unterwegs sind? Man hat mir gesagt, viele unserer Mönche, die sich auf die peregrinatio pro Christo begeben, hätten sich in diesem Land niedergelassen.«
Ihre Frage wurde nur mit einem Achselzucken beantwortet; wie das zu deuten war, blieb ihr überlassen. Auch bei allen weiteren Erkundungen zum Leben in der Abtei oder zu einzelnen Persönlichkeiten verhielt sich Lonán ähnlich gleichgültig; ganz anders, wenn sie auf Kräuter und Pflanzen zu sprechen kam, da wurde er munter und erging sich in umständlichen Erklärungen. Länger als eine halbe Stunde vermochte Fidelma ihm nicht zuzuhören. Danach fand sie es an der Zeit, sich zurückzuziehen.
Sie überlegte noch, wie sie das am gescheitesten anstellen sollte, als ein anderes Mitglied der Klostergemeinschaft an ihnen vorbeischlenderte und Bruder Lonán in dessen Sprache grüßte. Es war ein junger Mönch von blassem Äußeren mit hellblauen Augen und flammend rotem Haar, ähnlich dem ihren.
»Der Klang deiner Sprache kommt mir vertraut vor, Bruder«, redete sie ihn an. »Du stammst aus Muman.«
Der Mönch blieb stehen; augenscheinlich wusste er, wen er vor sich hatte.
»Ich bin Bruder Eolann, Lady«, stellte er sich vor. »Ich bin der scriptor hier. Und du bist Schwester Fidelma, ich habe dich im refectorium gesehen. Es heißt, du wärest die Tochter des Königs von Cashel.«
»Mein Vater war Failbe Flann; er starb, als ich noch ein kleines Kind war. Mein Bruder Colgú wird Nachfolger auf dem Fürstenthron, den jetzt mein Vetter innehat.«
»Was bringst du an Neuigkeiten aus meinem heimatlichen Muman?«
»Da muss ich dich enttäuschen, Bruder Eolann, ich bin schon seit vielen Monaten fort von dort.«
»Ich hingegen habe Muman vor vielen Jahren verlassen. Erzähl, was immer du zu erzählen weißt, auch wenn die Dinge längst überholt sind; für mich ist alles neu. Komm, begleite mich auf meinem täglichen Spaziergang und berichte mir, was ich von zu Hause wissen sollte.«
Dankbar nahm Fidelma den Vorschlag an. Sie erhoffte sich von dem Bibliothekar der Abtei einen interessanteren Gesprächspartner als Bruder Lonán. Der hatte sich schon wieder mit einer Schippe in der Hand getrollt und ging seinen gärtnerischen Aufgaben nach. »Woher genau stammst du, Bruder Eolann?«, fragte sie den jungen Mönch.
»Von Inis Faithleann – kennst du die Insel?«, antwortete er, während sie gemeinsam loszogen.
»Wie sollte ich nicht! Eine kleine bewaldete Insel im Loch Léin. Schließlich ist mein Vetter Congal von den Eóghanacht dein Stammesfürst. Da bist du aber ganz schön weit weg von zu Hause, ähnlich wie ich. Wie bist du ausgerechnet hier gelandet?«
»Das ist eine einfache Geschichte, Lady. Ich war Scholar in der Abtei auf Inis Faithleann, der Insel des heiligen Faithleann, und bekam den Auftrag, der Bibliothek des Klosters St. Gallen etliche Handschriften zu überbringen.«
»Gallen?«
»Er war ein Schüler von Colm Bán, den sie hier Columbanus nennen. Gallen ist auch unter dem Namen Gallus bekannt. Der ging seinerzeit nicht mit Colm Bán mit nach Bobium, sondern beschloss, mit einigen Gefährten an einem Ort weiter im Norden zu bleiben. Am Lacus Brigantius, einem großen See, begründeten sie eine Abtei.«
»Brigantius?«, wiederholte Fidelma. »Der Name klingt mir irgendwie vertraut.«
»Das war gallisches Gebiet, und eine Stadt dort hieß Brigantium, ein weitverbreiteter Name, auch in Britannien zu römischen Zeiten. Heutzutage gehört das Territorium den Alemannen, denen Colm Bán und Gallus eine Zeitlang ebenfalls predigten. Wie Bobium hat auch die Gemeinschaft jenseits der hohen Berge es zu etwas gebracht. Ich bin dort eine Weile geblieben, ehe ich weiter nach Süden zog, die Sprache der Langobarden erlernte und letztlich in Bobium sesshaft wurde. Das war vor gut zwei Jahren. Und anstatt heimzukehren, wurde ich hier zum scriptor ernannt. Von Muman bin ich nun schon über vier Jahre fort.«
»Dann bist du in der Tat länger von dort weg als ich«, gab Fidelma zu. »Trotzdem kann ich dir nicht viel Neues berichten, nur dass inzwischen so manch einer verstorben ist.«
»Hierzulande hat die Gelbe Pest gewütet, vermutlich hat sie auch vor den fünf Königreichen nicht haltgemacht.«
»Genau so ist es. Die Liste derer, die sie dahingerafft hat, ist unerbittlich lang, und bis jetzt ist das Übel nicht ausgestanden. Viele Gemeinden sind betroffen, und auch die geistlichen Würdenträger hat sie nicht verschont. Abt Ségéne, einer der Nachfolger von Colm Bán in der Abtei Beannchar, verstarb vergangenes Jahr. Wahrscheinlich ist dir Colmán ein Begriff, der an Finnbarrs Hoher Schule in Corcaigh als führender Gelehrter wirkte. Kurz bevor ich zu meiner Reise aufbrach, hieß es, dass er mit fünfzig seiner Schüler auf eine der westlichen Inseln geflohen sei, um der Pest zu entkommen.«
Bruder Eolann machte ein trauriges Gesicht. »Bevor ich nach Inis Faithleann ging, habe ich bei Colmán studiert. Dein Vetter Congal war damals gerade Lord von Locha Léin geworden, aber König von Muman war noch Máenach mac Fingin.«
»Vor zwei Jahren wurde Cathal Cú-cen-maithir sein Nachfolger, und gleichzeitig wurde auch mein Bruder Colgú sein tánaiste, sein rechtmäßiger Thronerbe«, erklärte ihm Fidelma.
»Gibt es sonst noch Veränderungen?«
»Unter den Söhnen von Aedo Sláine herrscht zwischen den fünf Königreichen relativer Frieden.«
Die beiden Söhne von Aedo Sláine hatten zehn Jahre zuvor gemeinsam den Thron als Hochkönige bestiegen und konnten auf eine friedliche Periode ihrer Herrschaft zurückblicken.
»Zuweilen drängt es mich, meinen privilegierten Posten hier aufzugeben, um noch einmal das ruhige blaue Wasser des Loch Léin sehen zu dürfen«, gestand der junge Mann.
Sie hatten den Garten umrundet.
»Wäre es zu viel verlangt, Eolann von Inis Faithleann, wenn ich dich bitte, mir das scriptorium zu zeigen?«, fragte Fidelma. »Bücher und Bibliotheken gehen mir über alles. Und außerdem würde ich mir gern den Text des Evangeliums des Matthäus etwas näher anschauen.«
»Nichts täte ich lieber als das, Lady«, lautete die Antwort. Bruder Eolann unterließ es nicht, die förmliche Anrede zu benutzen, die ihr als Tochter eines Königs seines Landes zukam. »Komm. Wir verfügen über eine herrliche Abschrift der Übersetzung des heiligen Eusebius von eben dem Evangelium ins Lateinische.« Sie verließen das herbarium und überquerten den Hof zurück zu den Hauptgebäuden der Abtei.
»Wie ich höre, hat sich hier eine Reihe guter Gelehrter versammelt«, nahm Fidelma das Gespräch wieder auf, »zum Beispiel der Ehrwürdige Ionas und Magister Ado. Du musst ein kluger Kopf sein, wenn man dich zum scriptor erwählt hat.«