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»Zwischen der Begabung eines Bibliothekars und eines Gelehrten gibt es durchaus Unterschiede«, wehrte er ab. »Meine Aufgabe besteht darin, mich um die Bücher zu kümmern, nicht, sie zu schreiben. Ich hatte einfach Glück. Als ich hier ankam, kränkelte der scriptor, und man brauchte einen Gehilfen. Dann starb er, und so wurde mir die Aufgabe übertragen.«

»Man hat mir von einer großartigen Sammlung von Handschriften berichtet, die du verwaltest.«

Sie berührte mit ihrer Bemerkung ein Thema, für das sich Bruder Eolann sofort erwärmte. »Wir haben eine der größten Sammlungen in der gesamten Christenheit von Abhandlungen zum Glauben. Schon bald nach meiner Ankunft habe ich eine Gruppe von Kopisten an die Arbeit gesetzt, damit sie über die Jahre hinweg Abschriften anfertigen, mit denen wir auch andere Bibliotheken versorgen können.«

Bruder Eolann führte Fidelma durch die Haupttore, vorbei am refectorium, nach links durch einen kurzen dunklen Gang und weiter über einen kleinen Hof mit einem Brunnen in der Mitte, in dem zwei steinerne Putten Wasser spien. Am anderen Ende des Hofes führte eine Tür in das Innere eines Turms mit einer Wendeltreppe. Auf deren mittlerer Höhe ging eine schwere Eichentür in einen großen viereckigen Raum ab, dessen Wände mit Büchern und Manuskripten bestückt waren. Die eine Wand war von mehreren hohen, schmalen Fenstern unterbrochen, während sich am hinteren Ende des Raums eine weitere große Eichentür befand. Trotz der Fenster war es dunkel; soweit Fidelma etwas erkennen konnte, war der Raum menschenleer. Bruder Eolann murmelte eine Entschuldigung, denn es gelang ihm nicht gleich, eine Öllampe anzuzünden, mit der er dann zu einem Pult ging. Fidelma ließ derweil ihren Blick über die Bücherreihen gleiten und versuchte zu überschlagen, wie viele es waren. Es war durchaus eine beeindruckende Sammlung, wiederum nicht so beeindruckend, wie sie es erwartet hatte.

»Die Kopisten haben ihren Arbeitsplatz im nächsten Raum«, erläuterte der scriptor, als hätte er ihre Gedanken erraten. »Auch der größte Teil der Bibliothek befindet sich dort. Wir verfügen über viele berühmte und seltene Bücher, angefangen von den Gedichten, die Colm Bán geschrieben hat, bis zu den großen Geschichtsbetrachtungen von Römern, Griechen oder der alexandrinischen Schule … Es ist mir eine große Ehre, hier in Frieden und Sicherheit wirken zu dürfen.«

»Das kann ich gut nachempfinden«, erwiderte Fidelma ernst. »Und doch sagst du, es gibt Zeiten, da würdest du die Arbeit hier aufgeben wollen, um dein Heimatland wiederzusehen?«

Sie hatte ihn verlegen gemacht. »Ich muss Gottes Pfad folgen, wie Er ihn für mich vorgesehen hat«, murmelte er. »Du darfst nicht denken, ich sei mit meiner Berufung unglücklich.«

»Nichts liegt mir ferner als das, Bruder Eolann. Doch scheint es mir natürlich, wenn man sich nach den vertrauten Hügeln, Feldern und Stätten seiner Kindheit sehnt.«

»Das ist nur allzu wahr. Nicht umsonst gibt es die alte Spruchweisheit – nil aon tintáin mar do thinteán féin.«

»Ein eigener Herd ist Goldes wert«, wiederholte Fidelma mit einem wehmütigen Lächeln. »Dem kann ich nur zustimmen. Es verlangt schon innere Kraft und Stärke, sich an einem fremden Ort niederzulassen, der von Konflikten und Spannung umgeben ist.«

»Du meinst den Konflikt zwischen den Arianern und den Anhängern des Glaubensbekenntnisses von Nicäa? Soviel ich weiß, hast du das Streitgespräch zwischen unserem Abt und Bischof Britmund mit angehört.«

»Eigentlich ging es mir mehr um die Regeln, denen man sich hier in der Abtei beugen muss. Sie sind so gänzlich anders als die Vorschriften, die wir von unseren Abteien kennen.«

»Einer, der ein peregrinus pro amore Christi ist, empfindet sie nicht als Härte.«

»Leider bin ich das nicht«, gab Fidelma zu. »Ich bin nur eine Botin, eine Ratgeberin in Gesetzesfragen und niemand, der ausgezogen ist, Heiden und Barbaren zum Glauben zu bekehren. Doch habe ich von Magister Ado erfahren, dass die Regel von Colm Bán sogar strenger als die von Benedikt war. Wie ist so etwas möglich? Wo doch die Abteien bei uns daheim, zumeist gemischte Häuser, diese Art auferlegter Bußvorschriften ablehnen.«

»Du darfst nicht vergessen, Lady, dass Colm Bán viele Jahre unter den ungebärdigen Franken und Burgunden verbracht hat, bevor er zu den Langobarden kam.«

»Stimmt, Schwester Gisa hat Ähnliches gesagt. Du nimmst es also als gegeben hin, dass sich daraus seine Auffassungen erklären?«

»Das Leben in der Gesellschaft erweist sich als grausam und barbarisch. Gewalttätige Verbrechen werden hart bestraft. Möglicherweise hat Colm Bán versucht, Klöster nach dem Vorbild von daheim zu gründen, musste aber erkennen, dass viele, die sich zu ihm bekannten, eine straffe Hand brauchten. Ich kenne einige der Gesetze aus den Stätten, an denen er geweilt hat – die sogenannten wergelds. Dass Verfehlungen mit körperlicher Züchtigung geahndet wurden, war nichts Ungewöhnliches. Colm Báns Regel bestand zur Hälfte aus Strafmaßnahmen für die Gemeinde.«

Ungläubig schüttelte Fidelma den Kopf. »Wie sahen die Strafen aus?«

»Sie reichten vom Fasten über Einzelhaft in der Zelle und zusätzlichem Gebet bis hin zu körperlicher Züchtigung mit der Geißel. Ich habe was von zweihundert Hieben für einige Vergehen gelesen, die jeweils zu fünfundzwanzig Streichen auf einmal zu verabreichen waren. Beichten hatten öffentlich vor dem Abt und der ganzen Bruderschaft zu erfolgen.«

»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand, der aus unserem Land kommt, Urheber derartiger Bußvorschriften ist.«

»Und doch ist es wahr. Die Regel erklärte auch das Zölibat zum allerhöchsten Ziel – ein Ziel, das man zu verinnerlichen hat, will man den Körper zu einem Tempel der Tugendhaftigkeit machen. Er hatte einen Verhaltenskodex festgelegt, ein Leben in Askese und strenger Entsagung. Ein jeder sollte dem Geist der Entsagung folgen, nur strikter Gehorsam würde in den Augen Gottes Gnade finden. So und nicht anders sah das erstrebenswerte Ziel im Leben eines frommen Bruders aus.«

»Es ist erstaunlich. Ich hätte immer gedacht, unsere Leute sind so durchdrungen von dem Wesen unserer Gesetzgebung, dass sie nie auf die Idee kommen würden, sich auf eine so fragwürdige Lebensauffassung einzulassen. Wie konnte Colm Bán nur glauben, sich die Zuneigung und Treue seiner Anhänger auf diese Weise zu erzwingen?«

»Es ist ihm auch nicht gelungen. Viele haben der Abtei zu der Zeit, als seine Regeln dominierten, den Rücken gekehrt. Nach seinem Tod hielten sich seine Regeln nur noch zehn Jahre, dann entschied sich die Brudergemeinde für eine mildere Form der Führung, wie sie Benedikt vorschreibt. Für mein Dafürhalten ist es mehr der Mythos um Colm Bán als das tatsächliche Geschehen, auf den sich Ergebenheit und Treue im Haus gründen.«

Das Bild, wie es ihr Bruder Eolann von der Situation beschrieben hatte, schmerzte Fidelma. Sie gab sich innerlich einen Ruck. »Und dieser Arianismus? Wie wirkt sich der auf das Leben in der Abtei aus?«

»Wir versuchen, ihn zu ignorieren.«

»Vielleicht ihr, andere doch aber nicht.«

Bruder Eolann seufzte betroffen. »Es tut gut, jemanden von zu Hause hier zu haben. Es gibt zwar in unserer Gemeinschaft noch einige aus den fünf Königreichen, aber vernünftig unterhalten kann man sich mit kaum einem.«

»Wie meinst du das?«

»Ich vermisse kluge Gespräche. Nicht, dass ich anderen etwas nachsagen will, aber … Du hast ja Bruder Lonán selbst erlebt. Du kannst mit ihm nur über Pflanzen und Kräuter reden. Das mag lobenswert sein, und ich bewundere seine Kenntnisse auf diesem Gebiet, aber das ist auch das Einzige, was ihn bewegt. Von den Gedichten unseres großen Poeten Dallán Forgaill hat er keine Ahnung, auch die von Colm Bán sagen ihm nichts, und bei Werken von Sophokles oder des Geschichtsschreibers Polybius ist es ganz aus.«