Fidelma musste ein Lächeln unterdrücken. »Literatur ist nur ein Teil menschlichen Wissens«, mahnte sie.
»Und doch bieten einem all die Bücher hier Zugang zu jeder Form des Wissens.« Er wies auf die Regale im Raum.
»Das heißt, du unterhältst dich lieber mit belesenen Menschen als mit Gärtnern?«
»Ist das falsch?«
»Man kann von beiden viel lernen, es kommt darauf an, was man wissen möchte.«
»Ich habe gehört, du hättest gestern Abend mit Bruder Ruadán gesprochen.«
»Er ist der eigentliche Anlass meines Kommens. Ich wollte ihn sehen. Er war in meiner Jugend mein Lehrer.« Fidelma wunderte sich über den plötzlichen Themenwechsel.
»Man hat hoffentlich nichts dagegen, dass du ihn aufsuchst«, sagte Bruder Eolann nachdenklich.
»Weshalb sollten sie es verhindern wollen?«, fragte Fidelma überrascht.
»Bruder Hnikar lässt niemanden zu ihm. Selbst mir würden sie es versagen, obwohl ich ihm bestimmt näherstehe als irgendein anderer hier in der Abtei.«
Fidelma sah ihn neugierig an. »Willst du behaupten, man hätte dir ausdrücklich verboten, bei ihm vorbeizuschauen?«
»Man hat mir erklärt, es ginge ihm zu schlecht. Ein Jammer, dass man ihm in seinem Alter so brutal zusetzt, bloß, weil er den wahren Glauben predigt.«
»Hat es Zeugen von dem Überfall gegeben?«
»Niemand hat etwas gesehen. Eines Morgens früh hat man Bruder Ruadán vor den Toren der Abtei gefunden. Soviel ich weiß, hatte er in Travo gepredigt, das liegt weiter unten im Tal. Ich kann nur das wiedergeben, was hier die Runde gemacht hat, und das ist, man hätte ihn zusammengeschlagen vor dem Tor gefunden, und an seine blutige Kutte wäre ein Pergamentstreifen geheftet gewesen mit der Aufschrift haereticus.«
»Ja, das mit dem ›Ketzer‹ habe ich auch gehört«, bestätigte Fidelma.
»Die dem arianischen Glauben anhängen, beschimpfen uns als Ketzer, so wie wir auch sie beschimpfen. Armer Bruder Ruadán, er wird es kaum bis zu den Toren der Abtei geschafft haben, wo er dann zusammengebrochen ist. Möge Gott ihm die nötige Kraft verleihen. Er ist ein alter Mann, hat bis hierher überlebt.«
»Es hat tatsächlich niemand den Überfall beobachtet, und man kann folglich auch niemanden zur Verantwortung ziehen?«
»Bischof Britmund erteilt jedem Absolution, der einen Ketzer, wie er uns nennt, überfällt. Wie will man da einen Täter zur Verantwortung ziehen können?«, sagte Bruder Eolann verbittert. »Das Gesetz der Langobarden ist nicht mit unserem zu vergleichen, Lady. Außerhalb dieser Mauern gilt nur der Wille ihrer Seigneurs und der arianischen Bischöfe, nichts anderes.«
»Was den Konflikt in dem Tal hier betrifft – was hältst du von Radoald? Kann man ihm trauen?«
»Seigneur Radoald von Trebbia? Ich traue keinem dieser Langobarden. Radoald ist ein umgänglicher Mensch. Er unterstützt König Grimoald, der, wie du weißt, ein Anhänger des Arius ist, sich aber liberal verhält und jedermann gestattet, seinen eigenen Weg zu gehen. Radoald hat der Abtei Freundschaft gelobt wenn aber der Druck auf ihn zu stark wird, könnte seine Begeisterung für uns ins Wanken geraten.«
Fidelma schwieg einen Augenblick. Von dem Bibliothekar konnte man eine Menge erfahren. »Du vermutest hinter dem Überfall auf Ruadán kein anderes Motiv, tatsächlich nur diesen Streit über unterschiedliche Auffassungen des Glaubens?«
»Nichts anderes als das, was sonst sollte es sein?« Bruder Eolann war sichtlich verblüfft über ihre Frage. »Bruder Ruadán hatte niemand anders zum Feind, einzig und allein diese elenden, von Bischof Britmund in die Irre geführten Kerle.«
»Ich wollte mich nur noch einmal vergewissern, nichts weiter«, suchte Fidelma ihn zu beruhigen. »Es fällt mir einfach schwer zu glauben, dass unterschiedliche Ansichten darüber, ob etwas erschaffen oder gezeugt wurde, Menschen dazu bringen kann, übereinander herzufallen.«
»Das ist leider die Natur des Menschen, Lady«, entgegnete der Bibliothekar bedrückt. Unversehens stand er auf und tastete mit den Augen eine Bücherreihe ab. Er fand, was er suchte, und legte es vor ihr auf den Tisch. »Das war es doch, was du sehen wolltest, nicht wahr? Der Text des Matthäusevangeliums. Lass dir Zeit beim Lesen. Ich muss mich ohnehin um meine Kopisten kümmern.«
Sie griff nach der Papyrusrolle und entfaltete sie. Die Handschrift war gut leserlich, und dem Lateinischen konnte sie mühelos folgen. Allerdings brauchte sie eine Weile, bis sie die Stelle fand, die sie suchte. Die Passagen, die Freifrau Gunora in der Nacht zuvor zitiert hatte, hatten sie so schockiert, dass sie entschlossen war, sie im Original zu überprüfen. Erschrocken musste sie feststellen, dass Gunora sie nahezu einwandfrei wiedergegeben hatte.
Nolite arbitrari quia venerim mittere pacem in terram; non veni pacem mittere sed gladium …
Stets hatte man sie gelehrt, dass die Botschaft Christi Frieden war, nicht Krieg. Nun musste sie erkennen, dass Christus selbst eingestand, auf die Erde gekommen zu sein, nicht um Frieden zu predigen, sondern Krieg. Das Schwert zu bringen. Am meisten erschreckte sie die Aussage, dass seine Anhänger ihre Väter und Mütter, ihre Töchter und Söhne nicht mehr als Ihn lieben sollten – denn täten sie das, würden sie Seiner nicht würdig sein. Das stand völlig im Gegensatz zu den Gesetzen und der Lebensanschauung ihres Volkes, wo oberster Grundsatz allen Seins die Liebe zu und die Ehrfurcht vor den Eltern und Kindern war. Das zu leugnen, lief auf die Zerstörung einer jeden Gesellschaft hinaus, erst recht der ihres Volkes, die auf der Familie beruhte. Nicht umsonst wurde fingal – Mord an einem Verwandten – als das größte Verbrechen betrachtet, das ein Mensch begehen konnte. Ein solches Vergehen erschütterte die Grundfesten des gesellschaftlichen Miteinanders. Die Gesetzgebung, die Fidelma vertrat, sah schwerste Strafen gegen Täter vor, die einen Verwandten getötet hatten.
Sie lehnte sich zurück und ließ sich von ihren Gedanken treiben. Dann fiel ihr das Verschwinden der Freifrau Gunora und des jungen Prinzen ein. Über den Stellen aus dem Evangelium, die Gunora empört zitiert hatte, war alles andere in Vergessenheit geraten.
Bruder Eolann kam zurück und riss sie aus ihrem Grübeln.
»Hast du gefunden, was du suchtest?«
»Ja.« Selbstvergessen löste sie die Hand von dem Schriftstück, das sich sogleich wieder zusammenrollte. »Das ist eine großartige Bibliothek, die ihr hier habt«, wich sie aus.
Bruder Eolann genoss die anerkennende Bemerkung und betrachtete voller Genugtuung die gefüllten Regale. »Ich habe ja gesagt, unser Bücherschatz macht mich stolz. Wir hatten eine glückliche Hand bei unseren Sammlungen.« Er wies auf ein bestimmtes Regal. »Einer der früheren Bibliothekare stammte aus der Gegend hier und hat sich auf das Sammeln alter Werke von Schriftstellern aus der Umgebung spezialisiert – Paetus, der stoische Philosoph aus Patavium, Dichter und Essayisten wie Varus, Catull, Catius, Pomponius … In früheren Zeiten lebten auch hier hochgebildete Männer. Und es waren beleibe nicht nur Römer.«
»Du meinst, auch Langobarden waren darunter?«, fragte Fidelma, obwohl es sie kaum interessierte.
»Die Langobarden haben sich hier erst vor einem Jahrhundert angesiedelt. Die ursprünglichen Bewohner waren Gallier. Dann eroberten römische Legionen das Gebiet, und das wiederum geschah hundert Jahre vor Christi Geburt. Doch von den Galliern findet sich hin und wieder ein Beleg ihrer Sprache.«
»Du meinst, sie schrieben in ihrer eigenen Sprache?«
»Es muss von der Lehre der Priester, der Druiden, verboten gewesen sein, sich über ihr geheimes Wissen schriftliche Aufzeichnungen in der eigenen Sprache zu machen. Deshalb schrieben sie meist in Latein, und wir haben viel über sie erfahren, aber es gibt noch einige Originalinschriften und Namen von Orten, die ihre Muttersprache verraten.«