Fidelma fand, es war Zeit zu gehen, schließlich war sie noch weiteren Rätseln auf der Spur. Das Verschwinden der Freifrau Gunora und des jungen Prinzen ließ ihr keine Ruhe. Auch wollte sie Bruder Ruadán noch einmal aufsuchen, vielleicht konnte sie von dem alten gebrechlichen Mann doch noch das eine oder andere erfahren. Sie erhob sich also, dankte dem Bibliothekar für das anregende Gespräch und verließ ihn. Den Weg zurück durch den Turm über den kleinen Hof, dann den dunklen Gang entlang zur Haupthalle fand sie ohne Schwierigkeiten. Ein-oder zweimal bedachten sie fromme Brüder mit scharfen Blicken und erinnerten sie daran, dass sie sich nicht in einem gemischten Haus befand und dass es Frauen untersagt war, sich ohne Begleitung in den Gemäuern zu bewegen. Sie setzte sich darüber hinweg und ignorierte auch das Getuschel hinter ihr.
Sie gelangte zum Gästehaus und stand schon bald vor der Tür ihrer Kammer. Gerade wollte sie hineingehen, als sie auf dem Gang Bewegung vernahm. Es war Bruder Wulfila, der aus dem Raum kam, den man ursprünglich Freifrau Gunora und ihrem königlichen Schützling zugewiesen hatte. Sie hielt es für das Gescheiteste, Ahnungslosigkeit vorzutäuschen und ihn mit einer unschuldigen Bemerkung zu konfrontieren.
»Ich habe Freifrau Gunora heute noch gar nicht gesehen. Ich hoffe doch, sie ist wohlauf?«
Ein leicht beunruhigter Ausdruck huschte über das Gesicht des Verwalters. »Kein Grund zur Sorge, Schwester.«
»Dann ist sie wohl in ihrer Kammer? Großartig, ich möchte ihr einen Besuch abstatten.«
Zögernd schob sich Bruder Wulfila vor die Tür, als wollte er ihr den Zugang versperren, entschied sich aber gleich darauf anders. »Sie ist nicht hier«, teilte er ihr mit.
Fidelma erwiderte nichts. Sie hatte den Eindruck, er überlegte, ob er dem noch etwas hinzufügen sollte. »Ich glaube, sie und der junge Prinz haben die Abtei verlassen«, rückte er schließlich mit der Sprache heraus.
Fidelma zog die Augenbrauen hoch. »Die Abtei verlassen? Hieß es nicht, außerhalb der Mauern drohe ihnen Gefahr?«
»Ich bin sicher, der Vater Abt weiß, was er tut«, murmelte der Verwalter.
»Das heißt, sie sind mit Zustimmung von Abt Servillius gegangen?«
»Mich darüber zu äußern, steht mir nicht zu.« Bruder Wulfila war deutlich erregt. Er drehte sich um und hastete davon.
Fidelma starrte ihm nach. Wenn einer wusste, warum und wie Freifrau Gunora und der Junge die Abtei verlassen hatten, dann hätte just er es sein müssen, der sich ja die ganze Nacht über im Gang aufgehalten hatte.
Sie ging in ihr Zimmer und machte sich frisch. Eine Glocke begann zu läuten, doch es konnte unmöglich sein, dass sie die Brüder zum Essen rief. Fidelma schaute hinaus und erfuhr von einem der vorbeieilenden Mönche, dass es zur Mittagsandacht läutete. Rasch war Ruhe eingezogen, und sie dachte, dies wäre die ideale Zeit, Bruder Ruadán aufzusuchen. Vielleicht war er ja in der Lage, ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Sie machte sich auf den Weg, doch kaum bog sie um die Ecke zu seiner Kammer, stand plötzlich der Apotheker vor ihr.
»Ah, Schwester Fidelma«, begrüßte sie der korpulente Mann unwirsch und hinderte sie am Weitergehen.
»Bruder Hnikar, ich wollte gerade bei Bruder Ruadán vorbeischauen. Es geht ihm doch heute so weit gut, und man darf ihn besuchen?« Sie konnte nur hoffen, der Apotheker hatte keinen Verdacht geschöpft, dass sie schon früher am Morgen bei ihrem alten Mentor gewesen war.
Der Gesichtsausdruck des Apothekers verdüsterte sich. Er schwieg kurz, räusperte sich dann und schob die Unterlippe vor wie ein Kind, das gleich losweinen würde.
»Das wird nicht möglich sein.«
»Nicht möglich sein?« Fidelma konnte sich nur schwer beherrschen. »Wieso nicht?«
Jede Antwort hätte sie erwartet, aber nicht diese: »Bruder Ruadán ist leider tot. Er ist des Nachts entschlafen.«
KAPITEL 8
Im nächsten Moment drängte sich Fidelma behände an dem stämmigen Apotheker vorbei und riss die Tür zu Bruder Ruadáns Kammer auf. Die erregten Protestrufe von Bruder Hnikar hinter ihr beeindruckten sie kaum, trotzdem hielt sie zögernd auf der Schwelle inne. Bruder Ruadán lag auf seiner Bettstatt. Entschlossen trat sie zu ihm und blieb sinnend vor dem Toten stehen.
Der alte Mönch lag friedlich da. Man hatte den Leichnam bereits gewaschen und für die Aufbahrung vorbereitet, die üblicherweise der Bestattung voranging. Die Hände ruhten sorgsam gefaltet auf der Brust. Bei näherem Hinschauen bemerkte sie an den Fingernägeln Risse, sie wirkten spröde und ungepflegt, zeigten Reste von getrocknetem Blut an den Nagelkuppen. So hatte die Hand, die sie am Morgen gehalten hatte, nicht ausgesehen. Hand-und Nagelpflege spielte bei den Menschen in ihrem Land eine besondere Rolle. In adligen und gebildeten Kreisen legte man großen Wert auf gepflegte Hände und sorgfältig geschnittene Nägel. Jemandem das Wort crécht-ingnech, was so viel wie dreckige Fingernägel hieß, an den Kopf zu schleudern, war die größte Beleidigung, die man sich denken konnte. In der Zeitspanne zwischen ihrem Besuch am frühen Morgen und seiner Todesstunde musste der alte Mann sich mit seinen Händen gegen etwas, gegen jemand vehement gewehrt haben, wobei er sich Fingernägel abgebrochen und den Gegner offenbar blutig gekratzt hatte.
Mit unbewegter Miene betrachtete sie ihren früheren Lehrer. Krank mochte er gewesen sein, aber so viel stand fest: Hier hatte jemand nachgeholfen. Man hatte ihn ermordet.
Noch einmal prüfte sie das Gesicht, die leicht bläulich schimmernde Haut, die Lippen über den gelblichen Zähnen, die Augen, die man ihm nach dem Eintreten des Todes nicht richtig verschlossen hatte. An den Nasenlöchern waren Sprenkel getrockneten Blutes zu erkennen. Schlagartig ging ihr auf, dass der Mörder wahrscheinlich ein Kissen auf Bruder Ruadáns Gesicht gepresst und ihn niedergedrückt hatte. Bruder Ruadán hatte seinerseits bei dem verzweifelten Versuch, sich zu befreien, sich an die Arme des Gegners geklammert und sie zerkratzt. Das zumindest würde den erbärmlichen Zustand der Hände des Toten erklären.
Fidelma sah auf. Der Apotheker, der immer noch wegen ihres Verhaltens grollte, war ihr ins Zimmer gefolgt. Sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.
»Wann ist es geschehen?«
»Ich habe dir doch gesagt, mir wurde berichtet, er wäre in der Nacht gestorben. Wirklich, Schwester, du nimmst dir entschieden zu viel heraus, hier ohne Zustimmung einfach einzudringen …«
»Er ist bereits gewaschen und für die Bestattung vorbereitet. Warum hat man mich nicht rechtzeitig von seinem Tod in Kenntnis gesetzt?«
Bruder Hnikar zuckte bei ihrem scharfen Ton zusammen.
»Ich habe Ruadán seit meiner frühen Kindheit gekannt. Ich habe ein Recht, zu erfahren, wann was mit ihm passiert ist.«
»Du hast aber kein Recht, dich ohne Erlaubnis des Abts hier aufzuhalten.«
»Dann wende ich mich eben mit meinen Fragen an den Abt«, erwiderte sie kühl.
»Was für Fragen?« Das klang erschrocken.
Fidelma schwieg, warf einen letzten Blick auf den Leichnam, drehte sich um und verließ den Raum.
Sie betrat die Amtsstube des Abts, ehe er auf ihr Klopfen hatte reagieren können. Er war im Gespräch mit Magister Ado und Bruder Faro.
»Hast du von Bruder Ruadáns Tod erfahren?«, fragte sie ohne Umschweife.
Ihr scharfer Ton schien Abt Servillius zu überraschen.
»Ja, meine Tochter, und ich möchte dir mein Beileid zum Hinscheiden deines alten Freundes und Lehrers aussprechen. Die Abtei hat mit ihm einen guten Menschen verloren.«
»Man hat den Leichnam bereits gewaschen und für die Bestattung vorbereitet. Weshalb hat man mich nicht früher von seinem Tod in Kenntnis gesetzt?«
Der Abt krauste die Stirn. »Wie denn früher, meine Tochter. Sowie ich es von Bruder Hnikar erfuhr, habe ich Bruder Faro losgeschickt, um dich zu suchen.«
»Ich vermutete dich im herbarium«, erklärte Bruder Faro. »Aber dort warst du nicht, und Bruder Lonán konnte mir nicht sagen, wohin du gegangen warst.«