Fidelma schluckte. Es stimmte. Sie hatte sich lange in der Bibliothek aufgehalten, und außer Bruder Eolann wusste niemand, dass sie dort gewesen war. Vielleicht war es tatsächlich ihr eigenes Verschulden, dass man sie nicht hatte früher informieren können.
»Wann ist es passiert? Seit wann weiß man von seinem Tod?«
»Man teilte Bruder Hnikar mit, dass etwas nicht stimmte, und er ging sofort zu ihm.«
»Wer hat ihn benachrichtigt?«
»Wahrscheinlich der Verwalter, es gehört ja zu seinen täglichen Aufgaben, zu überprüfen, ob alles seine Ordnung hat. Der Apotheker hat mich gleich aufgesucht, wir waren jedoch mitten in der Debatte mit Britmund. Er hielt es für besser, nicht zu stören, und wartete, bis ich allein war. Dann hieß es, du wärest zum Kräutergarten gegangen. Deshalb schickten wir Bruder Faro dorthin. Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass dich die Sache erregt. So eine lange Reise, um deinen alten Mentor zu sehen, und nun ist er tot.« Er hielt inne, räusperte sich und entließ Bruder Faro.
Als er gegangen war, forderte Abt Servillius Fidelma auf, sich zu setzen. »Wir sollten nicht vergessen, dass Schwester Fidelma in ihrem Land Anwältin ist«, merkte Magister Ado an. »In dieser Eigenschaft kennt sie es nicht anders, als dass ihr Todesfälle unverzüglich mitgeteilt werden. Wir sollten also Verständnis für ihre Erregung aufbringen, als Letzte von dem traurigen Geschehen zu erfahren.«
Der Abt nahm einen Krug vom Tisch und füllte drei Becher.
»Schon im ersten Brief an den heiligen Timotheus heißt es: Noli adhuc aquam bibere, sed vino modico utere propter stomachum et frequentes tuas infirmitates.«
Fidelma war der Spruch nicht unbekannt: Lass das Wassertrinken und tu deinem Magen und deiner Gesundheit etwas Gutes mit ein wenig Wein. Ein Schluck Wein könnte jetzt nicht schaden, sagte sie sich, denn sie konnte den Schock über den Mord an Bruder Ruadán nur schwer verwinden. Außerdem wusste sie nicht, wem sie ihre Gedanken anvertrauen durfte.
»Bruder Ruadán mochte den Rotwein aus unserer Gegend hier sehr«, meinte der Abt und reichte ihr den Becher. »Um Mitternacht werden wir ihn in unserer Nekropole bestatten. Sie liegt auf der Hügelseite hinter der Abtei. Ich glaube, die Zeremonie unterscheidet sich kaum von der, die bei solchen Anlässen in Hibernia üblich ist.«
Schmerzlich berührt, nippte Fidelma an ihrem Wein und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. »Gibt es etwas von ihm, eine Reliquie vielleicht, die ich zu seiner Abtei auf Inis Celtra mit zurücknehmen könnte? Von dort kam er, dort hat er studiert, und dort habe ich ihn kennengelernt.«
»Selbstverständlich findet sich da etwas«, sagte der Abt sofort. »Ist es bei euch nicht auch Sitte, dass jemand, der den Verstorbenen gut kannte, am Grab ein paar Worte spricht?«
»Ja.«
»Ich selbst werde ein paar Worte über sein Wirken hier in der Abtei sagen, aber über sein Leben, ehe er sein Land verließ und zu uns kam, wissen wir nichts. Wahrscheinlich hat Gott deine Schritte hierher gelenkt, damit du ehrende Worte über den achtbaren Diener des Herrn sprichst. Wärst du dazu bereit?«
Sie stimmte ohne jegliches Zögern zu.
»Der Tod ereilt uns immer unerwartet«, fuhr der Abt fort, »selbst wenn man darauf vorbereitet ist. Der einzige Fehler, den Bruder Ruadán hatte, war sein Eifer, denjenigen, die durch ketzerische Lehren in die Irre geleitet worden waren, den wahren Glauben zu verkünden. Sie fürchteten seine Stimmgewalt und die Wahrheit seiner Rede, doch seinen gebrechlichen Körper missachteten sie und fielen über ihn her.«
In Fidelmas Kopf arbeitete es; wie konnte sie dem vermeintlichen Mörder ihres Mentors auf die Spur kommen? »Seid ihr überzeugt, dass sich in eurer Abtei kein Arius-Anhänger aufhält?«
Die Frage überraschte sowohl den Abt als auch Magister Ado.
»Bei uns sucht man Zuflucht vor solchen Ketzern«, erwiderte der Abt. »Wie kannst du nur so etwas denken? Wir sind ein Eiland des wahren Glaubens. Warum sollte Ketzern etwas daran liegen, einen der Ihren bei uns einzunisten?«
»Ach, nur, weil er so etwas gesagt hat.« Sie machte die Bemerkung ohne rot zu werden. »Wir Anwälte sind wissbegierige Leute, schon die leiseste Anspielung, die wir nicht verstehen, macht uns hellhörig und beschäftigt uns.«
Magister Ado betrachtete sie argwöhnisch. »Etwas, was Bruder Ruadán gesagt hat? Ich dachte, du hast ihn nur einmal, gleich nach deiner Ankunft gesehen, als er reichlich durcheinander war.«
Sie merkte, sie musste vorsichtiger bei ihrer Wahrheitssuche sein. Und doch war sie sich inzwischen sicher, dass Bruder Ruadán nicht im Fieberwahn geredet hatte, als er sie vor dem Bösen warnte, das in der Abtei umginge. Man hatte ihn ermordet. Daran war nicht zu rütteln. Sie musste herausfinden, wer ihn auf seinem Krankenlager erstickt hatte – und warum.
Sie erhob sich und stellte den geleerten Weinbecher auf dem Tisch ab. »Es war einfach dies, dass mir die, die über ihn hergefallen sind, keine Ruhe lassen. Jemanden zusammenschlagen, nur, weil er gegen die Glaubensauffassung des Arius predigt. Verzeiht. Ich gehe ins Gästehaus und lege mich ein wenig hin.«
Sie war schon an der Tür, als Abt Servillius sie zurückhielt. »Mein Verwalter, Bruder Wulfila, sagte mir, du wärest betroffen gewesen, dass Freifrau Gunora und Prinz Romuald die Abtei verlassen haben. Freifrau Gunora war um die Sicherheit des Jungen besorgt und hat mich gestern Abend aufgesucht. Sie teilte mir ihre Absicht mit, die Abtei vor Sonnenaufgang zu verlassen, sie wollte zur Festung von Seigneur Radoald, wo sie sich sicherer glaubte.«
»Nach alldem, was ich inzwischen gehört habe, scheint mir das eine wenig kluge Entscheidung«, befand Fidelma. »Bei der Unruhe, die das Land hier offensichtlich ergriffen hat, wäre sie in den Mauern der Abtei besser aufgehoben.«
Der Abt sah sie spöttisch an. »Freifrau Gunora und du, ihr habt etwas gemeinsam«, stellte er fest. »Ihr legt die gleiche Entschlossenheit an den Tag, die keinen Widerspruch duldet. Als ich ihr darlegte, dass ihr Vorhaben nicht gerade weise wäre, genau so, wie du es eben gesagt hast, entgegnete sie mir, ich sei ein alter Narr, sie würde die Abtei verlassen, ob es andere für klug hielten oder nicht.«
Fidelma errötete. »Ich weise nur auf Dinge hin, die der Logik entbehren.«
»Und das trifft im Falle von Freifrau Gunora leider zu«, erwiderte der Abt. »Gönn dir etwas Ruhe, Fidelma. Man wird Bruder Ruadáns Leichnam zur Kapelle bringen, wo die Brüder und Schwestern die Gelegenheit haben, ihm im Gebet die letzte Ehre zu erweisen. Zur Mitternacht erfolgt traditionsgemäß die Bestattung.«
»Ich werde zugegen sein.« Fidelma nickte beiden Männern höflich zu und ging.
Ein endlos langer, einsamer Nachmittag lag vor ihr. Merkwürdigerweise zog es sie nicht in die Kapelle, um an der Bahre ihres alten Lehrers Wache zu halten. Draußen war es heiß, der Himmel war blau und die Sonne immer noch stechend. Die Tageszeit lud zum Verweilen im Freien ein, draußen, wo Leben war. Dem Tod sollte eher die Nacht gehören, fand Fidelma. Nacht und Tod gingen Hand in Hand. Zu blauem Himmel und warmem Sonnenschein passte er nicht. In der Abenddämmerung würde sie bei dem Toten wachen, aber nicht jetzt am helllichten Tag, der für das Leben strahlte.
Bruder Ruadán war tot – doch warum? Alle Welt behauptete, man wäre über ihn hergefallen, weil er unerbittlich gegen den arianischen Glauben zu Felde zog und das Glaubensbekenntnis von Nicäa verteidigte. Aber ermordet hatte ihn jemand, der Zugang zur Abtei hatte. Gab es noch ein anderes Tatmotiv? Hatte man ihn ermordet, weil jemand befürchtete, er könnte etwas verlauten lassen? Was hatte er gesagt? Irgendetwas mit Münzen, Goldmünzen … Angestrengt versuchte sie, sich zu erinnern.
Mit sich und ihren Gedanken beschäftigt, wanderte sie langsam durch die Abtei, fast von allein trugen sie die Füße wieder ins herbarium. Mit gesenktem Kopf schlenderte sie über die schmalen Wege durch die Beete. Ab und an stand ein Mönch herum und murmelte Laus Deo oder Deus misereatur oder Ähnliches. Es blieb nicht aus, dass es sie zu der einen Person zog, in deren Gesellschaft sie sich unbefangen fühlte, und schon bald kletterte sie den Turm hinauf zum scriptorium von Bruder Eolann. Etwas verwirrt stand er von seinem Pult auf, als sie den Raum betrat.