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»Bruder Ruadán ist für immer von uns gegangen, ich weiß. Es tut mir außerordentlich leid, Lady. Ich empfinde sein Dahinscheiden als einen herben Verlust, wir waren sehr vertraut miteinander. Er war ein großartiger Lehrer und Gelehrter, außerdem einer der Unsrigen. Man wird ihn vermissen.«

»Danke, Bruder Eolann. Er war in der Tat ein bemerkenswerter Lehrer«, erwiderte sie ernst.

»Er hatte einen wachen Verstand.«

»Einen wachen Verstand«, wiederholte sie mehr für sich. »Hat er dir gegenüber irgendwann einmal Münzen erwähnt? Goldmünzen?«

Schweigend sah er sie eine Weile an. »Münzen? In welchem Zusammenhang?«

»Vielleicht weniger Münzen, mehr einen verschwundenen Schatz.«

Der scriptor schüttelte entschieden den Kopf. »Mir gegenüber hat er nie etwas dergleichen gesagt. Sein Interesse galt vielen Dingen, du weißt es ja selbst, aber eine Anspielung auf Münzen hat er nie gemacht. Weshalb fragst du?«

Sie antwortete mit einer Gegenfrage. »Er ist nie hierher gekommen, weil ihn eben das Thema beschäftigte? Hat sich nie andeutungsweise über Münzen oder irgendeinen Schatz geäußert?«

»Nein, nie.«

»Ist es vorstellbar, dass er in die Bibliothek kam und ein Buch zu dem Thema gefunden hat, ohne dass du es bemerkt hast?«

Bruder Eolann verzog das Gesicht zu einem schmerzlichen Lächeln. »Eine solche Möglichkeit besteht immer. Zwar sind wir darauf bedacht, dass wir jeden Benutzer der Bibliothek kennen. Und doch müssen wir feststellen, dass nicht jeder Besucher den Wert der Bücher zu schätzen weiß und nicht so mit ihnen umgeht, wie es sich geziemt. Ab und an werden sie regelrecht verunstaltet. In meinen Augen ist das ein Verbrechen.«

»Wie kann man mit Büchern rücksichtslos umgehen?« Er hatte Fidelma mit seiner Bemerkung abgelenkt.

»Wir hatten tadellose Kopien von Polybius und Livius, ihren Geschichtsdarstellungen. Ich habe neulich erst feststellen müssen, dass sie Schaden genommen haben.«

»Wie das?«

»Ich wollte eine Bezugnahme auf Polybius überprüfen und merkte beim Blättern, dass jemand etliche Seiten herausgetrennt hatte.«

»Sich an einem Buch derart zu vergehen, ist fürwahr ein Sakrileg«, stimmte ihm Fidelma zu.

»Viel schlimmer ist, dass das Gleiche mit dem Geschichtswerk des Livius passiert ist – es fehlen Blätter, sie wurden mit einem scharfen Messer säuberlich herausgeschnitten. Es kostete meine Kopisten mehrere Tage, um zu überprüfen, ob nicht noch weitere Exemplare betroffen sind.«

Er ging zu einem Regal und zog ein Buch heraus. Es war Livius’ Ab urbe condita libri, Geschichte seit der Gründung der Stadt Rom. Er schlug eine bestimmte Seite auf und zeigte ihr die Stelle.

»Da siehst du es. Das Blatt hier ist herausgetrennt.«

»Das muss doch einen Grund haben.« Sie überflog die Seite davor, es ging um einen Marcus, der im Festgewand den Senat betrat. »Du sagst, es ist neulich erst passiert? Was gedenkst du zu tun?«

»Ich werde dem Abt von dem Vorkommnis berichten. Ich fürchte, er kann auch nicht viel machen, höchstens in seiner Predigt der Gemeinde ins Gewissen reden und mit Gottes Strafe drohen, wenn die Täter sich nicht zur Tat bekennen.«

»Lässt sich der Schaden wiedergutmachen?«

»Nur wenn wir ein vollständiges Exemplar ausfindig machen können. Ich habe einen Boten zur Gemeinschaft des heiligen Fridian in Lucca gesandt. Sie verfügen dort über Abschriften dieser Werke. Ich hoffe, wir können sie kopieren oder vielleicht auch käuflich erwerben. Es ist eine Schande für meinen Ruf als scriptor, dass in meinem scriptorium so etwas passieren konnte.«

»Schwer vorstellbar, wie sich ein Mensch so an Büchern vergehen kann. Könnte es jemand gewesen sein, der nicht zur Bruderschaft hier gehört?«

»Daran habe ich auch schon gedacht, Lady. Aber wer außerhalb unserer Gemeinschaft würde sich so einfach das entsprechende Buch greifen können? Eins ist doch klar, derjenige, der die Seiten herausgetrennt hat, wusste, um welche Bücher und genau um welche Seiten es ihm ging. Hätte er nur ein paar Stücke Pergament gewollt, hätte er die auch von den erstbesten Bänden haben können.« Er zeigte auf die am nächsten stehenden Regale. »An die Bücher hier wäre er doch viel leichter herangekommen als an die anderen zwei, die auf völlig anderen Regalen stehen.«

»Wenn man wüsste, was auf den Seiten stand und worauf es sich bezog, könnte das vielleicht darauf hinweisen, worum es dem Täter ging. Es wäre dann leichter, dem Verbrecher auf die Spur zu kommen.«

Bruder Eolann versuchte ihren Gedanken nachzuvollziehen und wurde gleich ganz eifrig. »Du hast vollkommen recht, Lady. Hoffentlich können wir schon bald die nötigen Bände beschaffen. Ich kann es kaum abwarten.«

»Du hast keine Vorstellung, worum es auf den fehlenden Seiten gehen könnte?«

»Leider nicht.«

»Vergiss das mit den Münzen. Ich wollte dich damit nicht unnötig behelligen. Die Sache ist nicht so wichtig.«

Die Glocke begann zu läuten und rief die Brüder zum abendlichen Mahl. Fidelma verabschiedete sich von dem Bibliothekar und folgte auch ihrerseits dem Ruf in den Speisesaal. Das Gespräch über vorsätzlich beschädigte Handschriften hatte ihr gutgetan, es hatte sie von Bruder Ruadán und seinem Dahinscheiden abgelenkt. Trotzdem, sie musste sich mit seinem Tod beschäftigen, musste dem rätselhaften Geschehen nachgehen. Es galt, einen Mörder zu fassen.

In Fidelmas Kulturkreisen war es Sitte, bei einem Leichnam eine Nacht und einen Tag lang Totenwache zu halten. Hier war der Brauch leicht anders, der Grundgedanke aber der gleiche. Man hatte den ganzen Nachmittag und Abend Totenwache in der Kapelle gehalten. Nach dem Abendessen versammelten sich die Brüder und Schwestern – und mit ihnen Fidelma – in der Kapelle zum Gebet; man saß unmittelbar vor der Bahre. Alle ranghohen Geistlichen waren anwesend, es fehlte keiner, vom Abt bis hinunter zu Bruder Lonán, dem Gärtner. Nach einer Weile betrat auch Seigneur Radoald in Begleitung seines Kriegers Wulfoald die Kapelle und nahm neben Fidelma Platz.

»Bruder Ruadán war ein guter Mensch und wurde in dem Tal hier sehr geachtet«, flüsterte ihr der junge Herrscher von Trebbia zu. »Es tut mir aufrichtig leid, gerade auch für dich, nachdem du eigens hierhergereist bist, um ihn zu sehen. Und nun findest du ihn tot vor.«

»Doch, ich habe ihn gesehen …«, begann Fidelma, bemerkte aber, dass Bruder Hnikar, der vor ihr saß, sich zurücklehnte; seine Haltung wirkte zwar ganz zwanglos, gab ihm aber die Gelegenheit, das Gespräch mit anzuhören. »Ich habe ihn gesehen«, fing sie erneut an, »gleich nach meiner Ankunft, aber er war wirr im Kopf; das wenige, das er sagte, ergab keinen Sinn.«

»Betrüblich. Ich nehme an, du wirst nun ziemlich rasch deine Heimreise antreten?«

Fidelma runzelte die Stirn, musste sie seine Worte als ein verstecktes Drängen auffassen? War ihm daran gelegen, sie loszuwerden?«

»Ich werde mich recht bald auf den Weg nach Genua machen.«

»Wenn du aufzubrechen gedenkst, lass es mich wissen. Ich würde dir bis Genua gern eine Begleitung mitschicken, um Unannehmlichkeiten, wie du sie auf dem Herweg erlebt hast, zu vermeiden.«

»Ich kann dir versichern, dass ich auf eine Wiederholung derartiger Erlebnisse gut und gerne verzichten kann«, erwiderte sie ernst. »Du hörst von mir, wenn ich so weit bin.«