Der junge Seigneur erhob sich, mit ihm auch Wulfoald, schritt zum Altar und der Bahre, auf der Bruder Ruadán ruhte, und erwies dem Toten huldvoll seine Ehrerbietung.
So wie es auch in ihrem Land Sitte war, wurde die Bahre mit dem Leichnam um Mitternacht aus der Kapelle und der Abtei getragen. Bis zur Nekropole war es nicht weit. Sie lag hinter der Abtei an einem Hang, war von einer kleinen Mauer umgeben und bot Zutritt durch einen aus Stein gemauerten Torbogen.
Drei Mönche führten den Trauerzug an, der in der Mitte trug ein an einem Stab befestigtes Kreuz, die beiden anderen links und rechts von ihm brennende Fackeln. Hinter ihnen schritten sechs Brüder mit der Bahre, gefolgt von Abt Servillius, dem Ehrwürdigen Ionas und Magister Ado, in der Reihe danach Schwester Fidelma mit Bruder Eolann. Auch die anderen Mönche fehlten nicht, unter ihnen Bruder Lonán, Bruder Faro und Bruder Wulfila, und Mitglieder der Schwesternschaft einschließlich Schwester Gisa hatten sich dem Zug ebenfalls angeschlossen. Selbst von außerhalb der Tore der Abtei waren Trauergäste gekommen. Zu ihnen gehörten Seigneur Radoald und Wulfoald sowie Bewohner aus den umliegenden Orten. Ganz offensichtlich hatte man für Ruadán große Achtung gehegt. Die Schar drängte sich durch das Tor in die Totenstadt und bewegte sich langsam hügelan, wo Fidelma weiter hinten brennende Fackeln erkennen konnte.
In dem flackernden Licht glaubte sie verschiedene Grabstellen auszumachen, ganz oben aber auf dem Hang, der noch zur Nekropole gehörte, standen drei kleine Häuser in einer Bauart, wie sie sie noch nie zuvor gesehen hatte. Genau beschreiben ließen sie sich in der Dunkelheit nicht.
Mit dem Betreten des Friedhofsgeländes hatten die Mönche einen Gesang auf Latein angestimmt, der Fidelma unbekannt war.
»Dominus pascit me, nihil mihi deerit …« – der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Als sie sich der Stelle näherten, wo man das Grab ausgehoben hatte, ordnete man sich zu einer langen Reihe.
»Sed et si ambulavero in valle mortis, non timebo malum, quoniam tu mecum es; virga tua et baculus tuus ipsa consolabuntur me …« – Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich …
An dem frisch ausgehobenen Grab erwarteten sie bereits etliche Mönche. Man senkte den Leichnam hinab, es folgten Gebete, und dann gab Abt Servillius Fidelma das Zeichen vorzutreten.
Am liebsten hätte sie sich umgewandt und einen aus der Menge des Mordes an ihrem Mentor bezichtigt. Sie hatte das Bedürfnis, die Anklage laut hinauszuschreien, dass er nicht an den Folgen der Verletzungen, die er ein oder zwei Wochen zuvor erlitten hatte, gestorben war, sondern dass man ihn erst heute Morgen, kurz, nachdem sie bei ihm gewesen war, ermordet hätte. Dass er versucht hätte, sie zu drängen, diesen vom Bösen heimgesuchten Ort zu verlassen. Doch es gelang ihr, sich selbst in die Schranken zu weisen und sich zu beruhigen.
»Bruder Ruadán stammte aus dem Königreich von Muman, aus einem der fünf Königreiche, die ihr das Land Hibernia nennt. Er wurde nach einem Heiligen benannt, der in meiner Heimat als einer der zwölf Apostel Hibernias gilt. Besagter Ruadán wurde der erste Abt von Lothra, nicht weit von dem Ort gelegen, wo unser Bruder Ruadán aufwuchs, ein junger Bursche voller Wissensdurst und Hingabe zur Frömmigkeit. Er trat in die Abtei von Inis Celtra ein, einer kleinen Insel inmitten eines großen Sees, wo er sich in seine Bücher vertiefte und danach strebte, sein Wissen zu vervollkommnen. Ich selbst habe, wie so viele andere auch, bei ihm gelernt und studiert und verdanke seiner Lehre und seinen profunden Kenntnissen eine unschätzbare Bereicherung meines eigenen Wissens. Sein Leben war einer der wenigen leuchtenden Leitsterne in unserer dunklen Welt.«
Sie nahm eine Handvoll Erde und warf sie ins Grab.
Abt Servillius bedachte sie mit einem anerkennenden Blick und trat seinerseits vor.
»Hibernias Verlust war ein Gewinn für uns und unsere Abtei. Gewiss war es für Hibernia ein trauriger Tag, als Bruder Ruadán von seinen Ufern Abschied nahm und ein peregrinus pro amore Christi wurde. Für uns aber war es eine große Freude, als er an die Tore unserer Gemeinschaft pochte. Er wurde einer unserer größten Prediger, ging hinaus zu den Heiden und war bemüht, sie auf den Pfad der Wahrheit zu bringen. Er musste für die Wahrheit büßen. Wir dürfen ihn als einen wahren Märtyrer bezeichnen, denn er starb an den Schlägen derer, die auf ihn einhieben, die sich der Ketzerei verschrieben haben und nichts von dem wahren Glauben halten. Seine Seele wird zu Gott auffahren, und der Himmel wird ihn mit Freuden empfangen.«
Auch der Abt nahm eine Handvoll Erde und warf sie ins Grab. Einer nach dem anderen aus dem Trauerzug trat vor und tat das Gleiche. Jeder verharrte einen Moment im Gedenken an den Verstorbenen, ehe er weiterging.
Als Fidelma und die anderen sich von dem Grab entfernten, durchdrangen unheimliche, klagende Töne die Nacht. Sie hatten etwas Gespenstisches und doch Melodiöses an sich, und Fidelma erkannte sie als eine Weise, die auf einem Dudelsack gespielt wurde. Es klang ähnlich, wie sie es von zu Hause her kannte, aber irgendwie dünner, wie eine Sackpfeife mit Rohrblatt. Die klagende Tonfolge hallte in den Bergen wider, erinnerte an den Aufschrei einer gequälten Seele. Fidelma sah verschreckt zum Ehrwürdigen Ionas, der neben ihr stand.
»Hab keine Angst, meine Tochter«, beruhigte er sie. »Es ist nur der alte Aistulf, der auf der Muse spielt – ein Klagelied für den Verstorbenen.«
»Aistulf der Einsiedler? Und was ist eine Muse?«
»Eine Sackpfeife, wie sie die Bergbewohner hier spielen. Manchmal des Nachts, wenn die Geräusche im Tal leichter zu vernehmen sind, kann man den alten Aistulf spielen hören. Das darf dich nicht weiter beunruhigen.«
Die Trauergemeinde verließ die Nekropole. Einer der Fackelträger blieb zurück, um Fidelma und die anderen zu begleiten. Sie folgten dem Weg, der von Grabsteinen und Holzkreuzen gesäumt war, als sie ein ungewöhnlich grobes Holzkreuz mit einem Namen darauf bemerkte. Unter all den kunstvoll gearbeiteten Gedenksteinen fiel es aus dem Rahmen, auch sah sie, dass der Name nicht eingeschnitzt, sondern in das Holz eingebrannt war, wie man es mit einem heißen Eisen machen konnte. Sie waren schon weitergegangen, und da erst registrierte ihr Gehirn den Namen, den sie gelesen hatte. Wamba. Wo hatte sie den schon gehört? Blitzartig ging es ihr auf. Es war der Name, den Bruder Ruadán genannt hatte.
»Der Junge … der kleine Wamba. Er hätte nicht sterben dürfen, bloß weil er die Münzen hatte.«
Das waren die Worte, die er noch am Morgen gesagt hatte. Was für Münzen? Warum die Münzen? Wie war Wamba zu Tode gekommen? Wen konnte sie fragen? Wem konnte sie trauen?
Alle möglichen Fragen gingen ihr durch den Kopf, und als sie in ihrer Kammer im Gästehaus angelangt war, wusste sie nicht, wie sie unter diesen Umständen Schlaf finden sollte. Doch die Erschöpfung übermannte sie, und erst das frühe Morgenlicht weckte sie.
KAPITEL 9
Zur ersten Mahlzeit des Tages begrüßte Abt Servillius sie auffallend freundlich. »Hast du gut geruht, Schwester?«
»Ja, das habe ich.«
»Ausgezeichnet. Gesunder Schlaf ist die beste Medizin für Kümmernisse.« Er schien ungewöhnlich besorgt um sie.
Wie immer kündigten die Gebete und der eine Glockenton das Mahl an, das diesmal in freiwillig auferlegtem Schweigen eingenommen wurde. Selbst Magister Ado und der Ehrwürdige Ionas waren in sich gekehrt. Nach Beendigung des Mahls hielt Abt Servillius sie zurück. Er griff in sein marsupium, nahm etwas, das in ein Stück Stoff gewickelt war, heraus und überreichte es ihr.
»Hier hast du, wie versprochen, die Reliquie, die du zu Bruder Ruadáns Abtei mitnehmen sollst, von der aus er seine Pilgerschaft zu uns unternahm. Möge sie als Zeichen der Zuneigung gelten, die wir zu ihm empfunden haben.«