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Vorsichtig öffnete Fidelma das kleine Bündel. Zum Vorschein kam ein silbernes Kreuz, das Bruder Ruadán an einem Kettchen um den Hals getragen hatte. Von Kindheit an, als er sie unterrichtete, kannte sie es. Tief bewegt umhüllte sie es wieder und steckte es in ihr marsupium.

»Die Brüder auf Inis Celtra werden das Kleinod zu schätzen wissen. Hab Dank für diese wohlwollende Geste.«

Großmütig winkte der Abt ab. »Ich vermute, du wirst nun Pläne machen, in deine Heimat zurückzukehren. Der Herbst zieht herauf. Ich an deiner Stelle würde mit einem Aufbruch nicht lange zögern, gewöhnlich wird die Straße zwischen uns und Genua zu der Jahreszeit sehr schlecht. Die Trebbia tritt über die Ufer und macht die Wege unpassierbar.«

Fidelma wollte ihm antworten, doch der Abt hatte offenbar am anderen Ende des Refektoriums jemanden entdeckt, entschuldigte sich und eilte davon. Dafür stand Magister Ado plötzlich neben ihr.

»Ich bin schuld, ich habe dir zugeredet, den Ritt hierher zu unternehmen, und nun ist alles vergebens gewesen«, hörte sie ihn sagen. »Du könntest den Ozean schon halb überquert haben.«

»Mir lag daran, Bruder Ruadán zu besuchen«, berichtigte sie ihn. »Immerhin habe ich mit ihm noch kurz vor seinem Tod sprechen können und kann nun seinen Brüdern auf Inis Celtra berichten, wie ihn Gott zu sich genommen hat, nachdem er dieser Abtei lange gedient hat. Der Abt hat mir ein Erinnerungsstück an ihn anvertraut, das ich ihnen überbringen werde.«

Magister Ado war verlegen. »Ich habe mich ungeschickt ausgedrückt, sieh es mir nach. Wenn du Hilfe benötigst, um nach Genua zu gelangen, stehe ich dir gern zur Verfügung. Hast du dir schon überlegt, wann du die Reise antreten willst?«

Fidelma wunderte sich, warum ihr plötzlich so viele Leute anboten, ihr behilflich zu sein, die Abtei zu verlassen und nach Genua zurückzukehren: Radoald, Abt Servillius und nun auch Magister Ado.

»Noch habe ich mich nicht festgelegt. Ich hoffe, mir bleibt noch ein wenig Zeit, mich in der Abtei und der Umgebung hier umzuschauen, ehe ich mich auf den Rückweg mache.«

Magister Ado blickte sie erstaunt an. »Warum denn das?« Es klang fast wie eine Drohung.

»Damit ich den Gelehrten in Hibernia berichten kann, warum der heilige Colm Bán gerade diesen Fleck für seine letzten Jahre erwählt hatte«, erwiderte sie leichthin. »Bislang habe ich mir kaum etwas ansehen können. Ich werde abreisen, sobald ich genügend in mir aufgenommen habe, um die vielen Fragen der Gelehrten daheim zu befriedigen, und du, der du selbst ein Gelehrter bist, wirst das gewiss verstehen.«

Sie verließ das refectorium und ging auf das Hauptportal der Abtei zu. Sie wollte zur Nekropole und das Grabkreuz, das ihr in der Nacht zuvor aufgefallen war, genauer betrachten. Am Tor stieß sie auf Schwester Gisa.

»Wie geht es dir nach dem gestrigen Tag, Schwester Fidelma?«, begrüßte sie das junge Mädchen besorgt.

»So gut es einem eben gehen kann.« Merkwürdig, jedermann schien auf ihr Wohlergehen bedacht.

»Ist gewiss traurig für dich, die weite Reise hierher unternommen zu haben und dann nur zu sehen, wie dein alter Lehrer stirbt.«

»Wenigstens kann ich sagen, ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen, bevor er starb«, antwortete Fidelma und lenkte von dem leidigen Thema ab. »Du wartest wohl auf Bruder Faro?« Die junge Nonne wurde rot.

»Warum sollte ich auf ihn warten?«, erwiderte sie bissig.

»Ihr beide seid einander zugetan. Das lässt sich nicht leugnen.«

»Oh, ich … », stammelte das Mädchen aufgeschreckt.

»Hab keine Angst. Was sollte schon verkehrt daran sein?«

Die Wangen des Mädchens glühten. »Gegen die Regeln der Abtei habe ich jedenfalls nicht verstoßen.«

»Natürlich nicht«, beschwichtigte sie Fidelma. »Verzeih; wenn das etwas ist, worüber du nicht reden möchtest, auch gut.«

»Bitte, bitte, sprich mit niemandem darüber. Abt Servillius achtet sehr streng auf die Regeln der Trennung und des Zölibats.«

»Warum zieht ihr nicht fort und sucht euch ein gemischtes Haus, in dem Glaubensbrüder und -schwestern als Ehepaare leben können? Wenn es euch mit euren Gefühlen für einander ernst ist, dürfte es nicht schwierig sein, eine solche Zufluchtsstätte zu finden. Noch sind diejenigen unter den Ordensleuten, die das Zölibat fordern, in der Minderheit – diese Asketen glauben sich auf dem Weg zu einem erfüllten Leben, wenn sie das Leben verleugnen.«

Schwester Gisa musste lächeln, wenn auch etwas verzagt. »Du hast ein feines Gespür, Schwester. Ich hoffe, niemand hier durchschaut die Dinge so wie du.«

»Ich glaube, Magister Ado weiß um eure Gefühle füreinander.«

Erneutes Erschrecken überzog die Züge des Mädchens. »Er weiß davon?«

»Ich bin sicher, er würde euch nicht verraten, sondern euren Entschluss davonzuziehen segnen, um ein Kloster zu finden, das euren Gefühlen freundlicher gesonnen ist.«

»Aber Faro ist sein Schüler – er hat ihn im Glauben unterwiesen. Und Faro will Bobium nicht verlassen.«

»Du hast also mit ihm darüber gesprochen?«

Schwester Gisa seufzte. »Ja. Er will seine Studien hier zum Abschluss bringen, bevor er daran denkt fortzugehen. Er ist erst vor zwei Jahren in die Abtei gekommen und meint, er müsse sich noch mehr Wissen aneignen, ehe er woanders hinkönne.« Dann gab sie dem Gespräch eine andere Wendung. »Wohin wolltest du gerade gehen?«

»Ich will zur Nekropole und eine Blume auf Ruadáns Grab legen, wie es in meiner Heimat Sitte ist.«

Schwester Gisa schloss sich ihr an. »Ich möchte dich begleiten.« Einen Moment schwieg sie und erkundigte sich dann: »Wann wirst du nach Genua aufbrechen und dort nach einem Schiff für deine Heimreise suchen?«

Fidelma schluckte. Wie oft würde man ihr diese Frage noch stellen? »In ein paar Tagen. In einer Woche vielleicht. Ich möchte noch mehr von der Abtei sehen und vom Land ringsum.«

Die junge Nonne fragte nicht weiter. Plötzlich wies sie auf ein paar Sträucher nicht weit von ihnen. »Da blüht was, die weißen Blumen da. Die wären doch passend, nicht wahr?«

Beide gingen sie zu den Büschen hinüber und pflückten von den weißen, wie Lilien aussehenden Blumen. Sie blieben die einzigen Besucher der Begräbnisstätte, als sie den Hügel hinanstiegen. Wieder gingen Fidelmas Blicke zu den drei sonderbaren Bauten am oberen Ende der Nekropole. Jetzt bei Tage erkannte sie sie als Grabmäler, Grabkammern, die winzigen Palästen ähnelten. Es waren reichverzierte Gebilde aus weißem Stein, die an Bauwerke im alten Rom erinnerten.

»Wem sind diese Denkmäler gewidmet?«

»Das sind die Grabkammern der Äbte.«

»Aber ich zähle nur drei.«

»Die Klostergemeinde hat sie erst jüngst errichtet. Das Grab des Gründers der Abtei, Columbanus, befindet sich unter dem Hochaltar in der Abteikapelle. Die anderen Äbte hat man hier oben bestattet. Dort seitlich ruht Attala, er war der Nachfolger von Columbanus. Das nächste Grabmal ist das für Bertulf. Er zog nach Rom und unterstellte die Abtei dem Papst. Und das dritte da ist die Ruhestätte von Abt Bobolen. Er hat die Regula des Benedikt übernommen und die Bischofsmitra aus den Händen von Papst Theodor erhalten, das ist etwa zwanzig Jahre her.«

»Am Grabmal für Bobolen wird wohl noch gearbeitet?«

Schwester Gisa schüttelte den Kopf. »Dort werden nur ein paar Kleinigkeiten nachgebessert. Der Schrein war fertiggestellt und versiegelt, noch bevor Faro und ich nach Genua ritten, um Magister Ado abzuholen. Es ist nämlich Faros Aufgabe, die Arbeiten zu beaufsichtigen, und er muss Abt Servillius berichten, wie es vorangeht. Auch für die künftigen Äbte sollen Mausoleen gebaut werden.«

»Diese Grabmäler sind in der Tat eindrucksvoll«, bestätigte Fidelma. »Ist Faro Baumeister oder Architekt?«