Выбрать главу

»Nein, aber er versteht sich aufs Organisieren von solchen Sachen. Bobolens Grabmal hat er selbst entworfen und hat Maurer und Steinmetze aus Placentia dafür gewonnen, es für Gotteslohn zu bauen. Und da steckt wirklich eine Menge Arbeit drin. Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Wagenladungen Steine durchs Tal herangeschafft wurden.«

»Steine?«

»Ein besonderer Stein ist das … Marmor. Den gibt es im Tal nicht.«

Vor dem neu verfüllten Grab von Bruder Ruadán blieben sie stehen. Fidelma legte ihre Blumen auf den eben aufgeschütteten und verfestigten Erdhügel und verharrte eine Weile mit gesenktem Kopf davor.

Schwester Gisa schaute gedankenverloren über die Berghänge und fragte unvermutet: »Hast du dich gestern Nacht geängstigt, als die Muse erklang?«

»Die Muse? Ach, du meinst den Dudelsack. Nein, geängstigt habe ich mich nicht, aber überrascht war ich schon. Wir haben solche Instrumente auch in Hibernia, und einen Moment lang dachte ich, einer der Brüder aus Hibernia spielt. Doch irgendwie klang es nicht so recht – ich meine, es klang nicht so wie die Sackpfeifen aus Hibernia.«

»Das mag sein. Deine Landsleute haben das ebenso empfunden. Unsere Sackpfeifen sind ähnlich, aber doch ein klein wenig anders.«

»Wie anders?«

»Sie haben das Mundstück, eine Bordunpfeife und eine Spielpfeife. Die Luft wird in einem Sack aus Ziegenhaut gehalten. Manchmal nennen die Leute sie auch Apenninpfeife, nach dem Gebirgszug hier.«

»Man hat mir erzählt, es sei ein betagter Einsiedler, der sie spielt.«

»Aistulf? Er spielt die Muse meisterhaft.«

»Du kennst ihn?«

»Ja. Er ist ein gütiger Alter. Ich besuche ihn oft, schaue nach seinem Wohlbefinden.«

»Er spielt wirklich gut, aber er muss schon die Abgeschiedenheit lieben, wenn er so ganz allein in dieser Bergwelt lebt.«

»So allein ist er gar nicht. Bloß jetzt wird er einsamer sein als zuvor.« Auf Fidelmas fragenden Blick hin fügte sie hinzu: »Er ist ein Meister auf seinem Instrument, und hin und wieder hat er auch andere im Spiel auf der Muse unterrichtet, damit diese Kunstfertigkeit nicht verlorengeht.« Schwester Gisa wandte sich um und zeigte auf das hölzerne Kreuz, dessentwegen Fidelma den Friedhof aufgesucht hatte. »Er hat auch den kleinen Wamba gelehrt, auf der Muse zu spielen.«

»Wamba?«, fragte sie und tat, als bemerkte sie das Grabkreuz erst jetzt. »Das ist aber merkwürdig.«

Schwester Gisa runzelte die Stirn. »Merkwürdig? Was ist daran merkwürdig?«

»Auf allen anderen Grabsteinen steht Frater vor dem Namen. Und hier steht nur der Name.«

»Er war ja kein Mitglied der Bruderschaft.«

»Als was ist er dann in der Abtei tätig gewesen?«

»Wamba? Der hat überhaupt nicht in der Abtei gearbeitet. Er war nur ein Ziegenhirt. Er hat hier oben in den Bergen mit seiner Mutter gelebt. Zur Abtei ist er immer gekommen und hat Ziegenmilch verkauft. Er hat auch auf einer kleinen Muse gespielt, wie die meisten Jungen, die Schafe oder Ziegen auf den Berghängen hüten. Das hat er so gut gemacht, dass Aistulf ihm zuredete, das Spiel auf der Muse richtig zu erlernen.«

»Deinen Worten nach war er noch sehr jung, als er starb.«

»Gott sei ihm gnädig, er war kaum elf Jahre alt.«

»Und er ist erst vor kurzem gestorben?«

»Kurz bevor Faro und ich uns nach Genua aufmachten. Einen Tag, nachdem Bruder Ruadán zusammengeschlagen vor den Toren der Abtei lag.«

»Weißt du, wie der Junge ums Leben gekommen ist?«

»Es heißt, der Leichnam wurde unten an einer Felswand entdeckt. Er muss abgestürzt sein und sich das Genick gebrochen haben. Jemand hat den Toten gefunden und in die Abtei geschafft.«

»Ist das nicht ungewöhnlich, dass ein Ziegenhirt auf dem Friedhof einer Abtei bestattet wird?«

»Der Abt hat eine Sondergenehmigung erteilt, ihn hier zu begraben, weil er der Abtei kleine Dienste leistete. Weshalb interessiert dich das alles so, Schwester Fidelma?«

»Ich bin einfach von Natur aus neugierig, will immer alles genau wissen.«

»Bruder Waldipert hatte weit mehr mit ihm zu tun als die meisten von uns. Der ist für die Abteiküche zuständig und hat immer die Ziegenmilch von Wamba gekauft.«

»Die Abtei hat doch gewiss selber Ziegen und Kühe, die gemolken werden können?«, fragte Fidelma verwundert. In allen Abteien, die sie kennengelernt hatte, galt es, sich mit dem Lebensnotwendigen selbst zu versorgen.

»Natürlich. Doch seit den Tagen des Columbanus ist es guter Brauch, die Leute aus der Umgebung zu unterstützen. Jeder nach seinen Möglichkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen ist ein guter Grundsatz für das Leben in einer Gemeinschaft.«

Fidelma musste sich mit weiteren Fragen zurückhalten, um nicht unnötig Argwohn zu erwecken, und so meinte sie lediglich, als sie vom Grab weggingen: »Ist schon traurig, dass Wamba so jung sterben musste, wo er doch so begabt war.«

Ihre Gedanken aber kreisten um Bruder Ruadáns letzte Worte. Man hatte den Jungen wegen Münzen umgebracht. Und nun sagte Schwester Gisa, er wäre von einer Felswand gestürzt und hätte sich das Genick gebrochen. Für einen Ziegenhirten in den Bergen ein ungewöhnlicher Tod. Sie musste ihre Begleiterin irgendwie loswerden und Bruder Waldipert ausfindig machen. Ihr erstes Problem löste sich gleich, denn vorn am Gräberfeld tauchte Bruder Faro auf. Strahlend ging ihm Schwester Gisa entgegen. Fidelma bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken. Wie konnte der Abt nur so blind sein und nicht bemerken, was die beiden verband?

»Was macht deine Wunde, Bruder Faro, heilt sie gut?«, begrüßte ihn Fidelma.

Der junge Mann warf Schwester Gisa einen prüfenden Blick zu, bevor er Fidelmas Frage beantwortete. »Alles ist wieder beinahe normal. Gott sei Dank. Ich kann den Arm ohne Schwierigkeiten bewegen.«

»Dazu hat bestimmt auch Schwester Gisas gute Pflege beigetragen«, sagte Fidelma ernst. »Deinen Verband mit dem zerdrückten Knoblauch werde ich mir merken«, versicherte sie dem Mädchen.

»Das habe ich von meinem Vater. Er ist … war ein guter Arzt.«

»Ich hatte schon schlimmere Wunden«, warf Bruder Faro ein, schwieg sofort und wurde rot.

»Du bist schon früher mal verwundet worden?«

»Aber nicht von einem Pfeil. Das war, bevor ich hierher kam.«

»In einer anderen Abtei?«

»Damals war ich noch kein Ordensbruder.«

»Dachte ich mir fast. Du siehst mehr wie ein Krieger als wie ein Mönch aus.«

Bruder Faro stutzte und schien verlegen. »Das war ich auch, aber dann habe ich die Sinnlosigkeit von Kriegen begriffen und bin hierhergekommen auf der Suche nach Frieden und Abgeschiedenheit.«

Fidelma schaute sich um in der friedvollen Umgebung des Tals und der Berge, nickte bedächtig und sagte: »Das kann ich gut verstehen.« Sie verabschiedete sich und ging zurück zur Abtei. Bruder Faro und Schwester Gisa waren nicht böse, allein gelassen zu werden.

Die Tür der Abteiküche öffnete sich zum herbarium, wie Fidelma herausfand. Das erleichterte ihr, sich der Küche zu nähern, ohne dass sich jemand wunderte, warum sie gerade dorthin wollte. Sie ging also in den Kräutergarten und dankte dem lieben Herrgott, dass Bruder Lonán nirgends zu sehen war. Beherzt eilte sie auf die Tür zu, aus der es angenehm duftete.

Sie war noch gar nicht richtig auf der Schwelle, da herrschte sie jemand mit grober Stimme an. Ein großgewachsener Mann mit einer Schürze über der Kutte stand über einen Tisch gebeugt und war dabei, einen Fisch auszunehmen. Er warf ihn in einen Kessel auf dem Herd, blickte hoch und wiederholte seine Frage in Latein. »Wer bist du? Was suchst du hier?«

»Ich bin Fidelma von Hibernia. Ich suche Bruder Waldipert.«

Der Mann schniefte und machte sich wieder an seine Arbeit. »Den hast du vor dir. Du bist der Gast des Abts. Bist gekommen, um Bruder Ruadán zu besuchen, stimmt’s? Ein Jammer, dass er gestorben ist. Er war ein guter Mensch.«