»Ich wollte mich bei dir nach einem anderen Toten erkundigen. Dem kleinen Jungen Wamba.«
Bruder Waldipert schaute sie erstaunt an. »Nach Wamba, dem Ziegenhirten? Warum fragst du gerade nach dem?«
»Mir ist der Name auf dem Grabkreuz aufgefallen, und ich habe mich gewundert, warum er auf dem Totenacker der Abtei bestattet wurde. Er war doch kein Mitglied der Bruderschaft.«
Das dickliche Gesicht des Mönchs sah mit einem Mal ernst und traurig aus. »Nach allem was recht ist, er gehörte zu uns und unserer Gemeinschaft. Der kleine Teufel. Jeden Tag kam er her und hat uns frische Milch verkauft. Auch auf der Muse war er richtig gut.«
»Ich habe bereits Schwester Gisa gefragt, warum jemand, der so jung war, auf dem Totenacker der Abtei beerdigt wurde. Sie hat mir einiges erzählt, doch das war nicht viel. Kannst du mir mehr über ihn sagen?«
Bruder Waldipert seufzte. »Er war etwa elf, oder so. Ein fröhlicher Bursche war er, jeden Tag kam er zur Abtei, wie ich schon sagte, und brachte uns Milch von seinen Ziegen. Wir gaben ihm dafür Gemüse und Kräuter, die wir hier anbauen.«
»War er nicht reichlich jung, um schon eine eigene Herde Ziegen zu besitzen?«
»Um Himmels willen, nein, das waren nicht seine Ziegen, die gehörten Hawisa, seiner Mutter. Er hat sie oben auf den Hängen vom Pénas gehütet, dem Berg dort hinter uns.« Er wies mit der Hand auf das Fenster, aus dem man die Berge sah, die sich hinter der Abtei erhoben.
»Er soll von einer Felswand gestürzt und so zu Tode gekommen sein, ist das wahr?«
»Ja. Man hat ihn unterhalb der Felsen gefunden«, bestätigte der Koch.
»Gibt es irgendwelche Erklärungen, warum er abstürzte und sich das Genick brach? Dass gerade einem Ziegenhirt, der tagaus tagein in den Bergen herumklettert, so etwas passiert, ist doch merkwürdig.«
Bruder Waldipert musterte sie einen Augenblick argwöhnisch. »Er war allein in den Bergen, leider. Wer will da wissen, wie es passiert ist? Unfälle kommen immer mal vor. Wieso interessierst du dich so dafür?«
»Einfach, weil ich das sonderbar finde. Ziegenhirten sind doch meist genauso sicher auf den Beinen wie ihre Ziegen.«
Der Koch zuckte die Achseln. »Stimmt schon. Wamba ist oben in den Bergen aufgewachsen. Vielleicht war er zu waghalsig. Als ich ihn zuletzt gesehen habe, und das war ein paar Tage, bevor man ihn gefunden hat, da war er ganz übermütig. Richtig fröhlich war er, brachte nicht nur die Milch, sondern erzählte mir auch, dass er irgendeine alte Münze gefunden hätte, die würde seine Mutter ordentlich reich machen.«
So harmlos wie möglich fragte Fidelma: »Eine Münze hatte er gefunden? Eine einzige nur?«
»Ja. Er hat sie mir sogar gegeben. Er war ganz stolz auf seinen Fund und prahlte damit. Wenn er noch mehr finden würde, hat er gesagt, könnte ihm das ganze Tal gehören. Ich hätte ihm beinahe eins hinter die Löffel gegeben. Vanitas vanitatum, omnia vanitas!«, rezitierte der Koch. »Stell dir mal vor, ein einfacher Ziegenhirt, und bildet sich ein, er könnte ebenso gut herrschen wie der Seigneur von Trebbia!«
»Selbst ein Ziegenhirt kann vom Glück träumen«, erwiderte ihm Fidelma und meinte es in allem Ernst. »Hat er dir erzählt, wo er die Münze gefunden hat?«
»Ich glaube, er hat nur gesagt, er hat sie gefunden. Dann wollte er noch wissen, ob ich ihm dafür was von unseren Sachen geben könnte, so wie für die Milch.«
»Und hast du das gemacht?«
Die feisten Wangen des Kochs wabbelten, so heftig schüttelte er den Kopf. »Nein, mir war klar, die Münze war etwas wert, schon allein wegen des Goldgehalts. Was für eine Münze genau das war, weiß ich nicht. Eine uralte jedenfalls. Ich habe ihm gesagt, ich würde sie dem Abt zeigen und mich weiter darum kümmern. Der Junge hat mir vertraut und zog zufrieden los, in der Hoffnung, ich würde was Günstiges für ihn erreichen. Ein paar Tage später erfuhr ich dann, man habe ihn tot aufgefunden.«
»Wie hast du das erfahren?«, fragte Fidelma.
»Von dem Krieger, der ihn entdeckt hat, von Wulfoald.«
»Wo bist du ihm begegnet?«
»Er war auf dem Berg unterwegs und ist dabei auf die Leiche des Jungen gestoßen. Ich glaube, er hat sie sofort zusammen mit Hilfe des Abtes hierhergeschafft, und der hat erklärt, wir könnten ihn in der Nekropole beerdigen.«
»Eine ungewöhnliche Entscheidung.«
»Der Abt war der Meinung, es wäre angebracht.«
»Hast du die Münze dem Abt gegeben?«
»Ich hatte es dem Jungen versprochen, und das Versprechen habe ich gehalten.«
»Und was hat der Abt damit gemacht?«
»Er hat Hawisa einiges dafür angeboten. Die Münze war alt, aber nicht allzu wertvoll. Hawisa war es zufrieden, wenigstens etwas zu bekommen, wo sie schon ihren einzigen Sohn verloren hatte. Ihre Ziegen hat sie einem Neffen anvertraut, der auch Ziegenhirt ist und uns jetzt so wie Wamba beliefert. Unsagbar traurig ist das alles. Ich verstehe bloß nicht, warum du so viele Fragen wegen des Jungen stellst.«
Fidelma mühte sich um ein vertrauenerweckendes Lächeln. »Wenn du willst, kannst du es Wissbegier nennen. Mich interessieren einfach die näheren Umstände.«
Unaufhörlich schwirrten ihr Bruder Ruadáns Worte durch den Kopf. »Er hätte nicht sterben dürfen, bloß weil er die Münzen gefunden hatte.« Die Münzen? Warum nicht eine Münze? Sie wurde unsicher. Bruder Ruadán hatte wohl nur gesagt: »Weil er die Münzen hatte«, nicht »weil er die Münzen gefunden hatte.« Vielleicht aber war Bruder Ruadán nicht mehr klar im Kopf gewesen. Selbst wenn sich die Aussagen ein wenig voneinander unterschieden, war das wirklich so wesentlich? Las sie vielleicht zu viel in die einfachen Worte hinein?
Sie bedankte sich bei Bruder Waldipert und ging hinaus ins herbarium. Bruder Lonán ließ sich immer noch nicht blicken. und so setzte sie sich in einer stillen Ecke auf eine Holzbank und überdachte, was ihr an Tatsachen bislang bekannt war.
Dass Bruder Ruadán vorsätzlich ermordet wurde, bezweifelte sie keinen Augenblick – man hatte ihn erstickt, höchstwahrscheinlich, um ihn daran zu hindern, ihr noch etwas mitzuteilen. Doch niemand hatte davon gewusst, dass sie ihn am Morgen, bevor er starb, ein zweites Mal besucht hatte. Niemand wusste, dass er die Münzen oder den Jungen erwähnt hatte. Schwester Gisa zufolge wurde der Junge etwa zur selben Zeit umgebracht, als Bruder Ruadán so entsetzlich zusammengeschlagen wurde. Wo war der Zusammenhang? Es musste einen geben. Wenn der Junge wegen der vermeintlich wertvollen Münze sein Leben hatte lassen müssen, dann kam auch der Abt ins Spiel, der sie ja erhalten hatte. Er hatte der Mutter des Jungen einen Gegenwert dafür geboten. Hätte er das getan, wenn er selbst in die Sache verstrickt war? Fidelma wusste nicht einmal, um welche Sache es sich handelte, lediglich, dass Bruder Ruadán von »Üblem und Bösem« gesprochen hatte. Zum Abt konnte sie wohl kaum gehen, um mehr zu erfahren. Was sollte sie ihm sagen? Mit welcher Ausrede sollte sie kommen, ohne zu verraten, was sie von Bruder Ruadán wusste?
Hier waltete ein Geheimnis, bei dem sich alles um den Tod des kleinen Wamba und eine alte Münze drehte. Wie konnte sie es lüften, ohne ungewollte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen?
KAPITEL 10
Was würde ihr Brehon Morann raten, in dessen Hoher Schule sie Rechtswesen studiert hatte? Befrage alle Zeugen! Aber wer waren die Zeugen? Wulfoald hatte den Leichnam des Jungen gefunden. Die Münze hatte Abt Servillius erhalten. Sonst noch jemand? Wie hieß doch die Mutter des Jungen? Hawisa? Mit ihr zu reden, könnte sich vielleicht lohnen. Nur brachte das zwei Probleme mit sich. Erstens wusste Fidelma nicht, wo in den Bergen die Frau lebte. Zweitens fehlte ihr jede Kenntnis der Sprache der Langobarden, denn dass die Mutter eines Ziegenhirten Latein sprach, schien höchst unwahrscheinlich. Ohne einen Dolmetscher, dem sie vertrauen konnte, war nichts zu machen.