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»Und wir haben genügend Zeit für beides, können mit Hawisa sprechen und dennoch das Heiligtum erreichen?«

»Aber ja, ich habe den Berg schon mehrfach bestiegen.«

Abt Servillius schaute leicht verwundert von seinem Pult auf, als Fidelma ihm ihre Absicht darlegte. »Ich habe doch bereits meinen Wunsch geäußert, ein, zwei Stellen in der Umgebung zu sehen, die in Verbindung mit Colm Bán stehen, damit ich den Menschen in seinem Heimatland einen möglichst vollständigen Eindruck von der Abtei hier geben kann. Da ich die weite Reise hierher unternommen habe, kann ich nicht nach Hibernia zurückkehren, ohne auch noch dieses Heiligtum aufgesucht zu haben.«

Der Abt war von dem Gedanken wenig angetan. »Ich verstehe durchaus, dass du Stätten sehen möchtest, die an unseren heiligen Gründer, deinen berühmten Landsmann, erinnern. Doch zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es nicht geraten, in den Bergen umherzuwandern.«

»Aber mir bleibt keine andere Zeit, Vater Abt.« Sie verzog das Gesicht zu tiefbetrübtem Schmollen. »Bald werde ich euch verlassen müssen und hätte dann das kleine Heiligtum, von dem Bruder Eolann so viel erzählt hat, nicht gesehen, das wäre eine Schande. Vielleicht hättest auch du es mir gegenüber schon früher erwähnen sollen.« Sie hoffte, ein wenig versteckte Kritik könnte ihrem Anliegen nur förderlich sein.

Abt Servillius blinzelte dann auch betroffen. »Ich hätte davon reden können«, gab er zu. »Alljährlich besteigt eine Gruppe unserer Brüder den Berg, um so das Osterfest zu begehen und des Märtyrertodes Christi zu gedenken. Es ist der heilige Ort, an dem Columbanus während einer seiner in Zurückgezogenheit vollbrachten Andachten starb.«

Seine ablehnende Haltung wurde merklich schwächer, und Fidelma verlegte sich darauf, noch mehr Druck auszuüben. »Dein scriptor, Bruder Eolann, hat mir auch beschrieben, wo sich dieses Heiligtum befindet. Er hat sich erboten, mich dorthin zu führen, falls wir deine Einwilligung erhalten. Er stammt aus dem Königreich meines Vaters und wünscht sehnlich, dass ich daheim seinen Glaubensbrüdern eindrucksvoll von den Gegebenheiten dieser Abtei berichten kann.«

»Dass unser scriptor aus Hibernia zu uns gekommen ist, weiß ich wohl«, bestätigte der Abt und ließ damit durchblicken, dass er sich geschlagen gab. »Er ist gewiss der Geeignetste, um dich zu dem Heiligtum zu führen. Also gut, Schwester Fidelma, ich gebe dir meine Einwilligung. Tagsüber ist es ja noch warm, doch ich rate dir, nimm ausreichend Kleidung mit, auf der Höhe kann das Wetter rasch umschlagen. Ich muss dich auch vor Banden bewaffneter Fremder warnen. Höchste Wachsamkeit ist geboten, denn die Gerüchte, dass Perctarit hierher zieht, könnten sich bewahrheiten.« Mit einem Achselzucken beendete er die Unterredung. »Schicke Bruder Eolann zu mir, ich werde ihm die nötigen Weisungen erteilen.«

Bald danach stiegen Fidelma und Bruder Eolann in der Mittagssonne den geebneten Weg bergan und blickten hinunter auf die Abtei. Bruder Eolann hatte vorgeschlagen, die Wanderung zu Fuß zu unternehmen, obwohl sie auch bis zu Hawisas Hütte hätten reiten können, doch von dort bis zur Bergkapelle würde es zu Pferde nicht weitergehen. Wie er ihr geraten hatte, trug Fidelma ihre derbsten Ledersandalen. Über den Rücken hatte sie den Mantelsack geschlungen, in dem eine Decke, das Notwendigste zur Körperpflege und etwas Essbares eingepackt waren.

Die Berghänge waren dicht bewaldet und voller Felsvorsprünge. In natürlich entstandenen Mulden hatte sich Wasser gesammelt und kleine Teiche gebildet. Gelegentlich begegnete ihnen ein Schäfer oder Ziegenhirt, und man grüßte sich im Vorbeigehen. Hawisas Heim war gar nicht einmal sehr weit entfernt. Die kleine Hütte stand unter großen Bäumen, daneben plätscherte ein Bach talwärts. Sobald sie sich ihr näherten, fing ein Hund an zu bellen. Eine stämmige Frau mit dichtem schwarzem Haar und wettergebräuntem Gesicht trat heraus und begrüßte sie.

Sie redete die Besucher in der kehligen Sprache der Langobarden an, die Fidelma mittlerweile erkennen, aber keineswegs verstehen konnte. Bruder Eolann erwiderte, und Fidelma hörte den Namen Hawisa heraus. Die Frau nickte und schaute sie fragend an. Fidelma wandte sich ihrem Dolmetscher zu. »Sage ihr bitte, ich möchte ihr ein paar Fragen zu ihrem Sohn Wamba stellen.«

Misstrauisch kniff die Frau die Augen zusammen und erklärte knapp: »Der ist tot.«

Mit Hilfe des Bibliothekars versuchte Fidelma mit ihr ins Gespräch zu kommen. »Das ist uns bekannt, und wir betrauern mit dir deinen Verlust. Man hat mir erzählt, er wäre beim Ziegenhüten von der Felswand gestürzt.«

Hawisa schnaubte verächtlich. »Wamba war kein Tolpatsch, der irgendwo abstürzt. Frage Wulfoald, was wirklich war.«

»Den Krieger? Es heißt doch, er war es, der Wamba gefunden und den Leichnam zur Abtei geschafft hat.«

Bruder Eolann suchte nach den rechten Worten.

»Und warum hat Wulfoald den Leichnam nicht zu mir nach Hause gebracht?«, fragte die Frau erregt.

»Hat er denn gewusst, wo Wamba zu Hause war?«

»Ha!«, lachte sie auf, und es klang wie trockenes Bellen. »Als man mir schließlich die Nachricht brachte, mein Sohn ist tot, bin ich hinunter in die Abtei gegangen, und da hatte man ihn bereits begraben. Ich durfte ihn nicht mehr sehen. Wie kann ich wissen, welche Verletzungen er hatte? Und erst recht nicht, woher sie kamen?«

»Bezweifelst du aus gutem Grund, dass die Dinge sich nicht so zugetragen haben, wie man dir erzählt hat?«

»Sprich mit deinem Abt, und lass mich in Ruhe … Ich behalte meine Vermutungen für mich.«

Fidelma schürzte die Lippen. »Welche Vermutungen, Hawisa?«

»Dazu sage ich nichts, aber ein paar Fragen gibt es schon, auf die ich gern Antwort hätte, und zwar von Abt Servillius und Wulfoald. Er hat sehr wohl gewusst, wo meine Hütte steht. Warum ist er denn sofort zur Abtei geritten?«

»Welchen Grund sollte er gehabt haben, dir den Tod deines Sohnes bis nach der Beerdigung zu verschweigen?«

Die Frau schlug die Arme übereinander und presste die Lippen zusammen. Was sie zu sagen bereit war, hatte sie gesagt, mehr war ihr nicht zu entlocken.

»Ich hatte dich noch fragen wollen, ob Wamba je von einem Bruder Ruadán gesprochen hat, einem alten Bruder aus Hibernia«, begann Fidelma von neuem.

Die Frau schüttelte langsam den Kopf. »Wamba hat unsere Milch immer an Bruder Waldipert in der Abteiküche verkauft«, erklärte sie Fidelma über Bruder Eolann. »Jetzt hat mein Neffe Odo meine Ziegen übernommen und schafft die Milch zur Abtei. Außer Bruder Waldipert hat mein Junge keinen von den frommen Brüdern gekannt.«

Fidelma war enttäuscht, dass sich nicht unmittelbar eine Verbindung zwischen Bruder Ruadán und Wamba herstellen ließ. »Ich habe gehört, Wamba hätte ein paar Tage vor seinem Tod am Berg etwas gefunden.«

Die Frau blinzelte argwöhnisch und erklärte schroff: »Hier ist es Brauch, wenn einer etwas auf dem Berg findet und sich nicht sofort jemand meldet, der es verloren hat, dann gehört es dem Finder und kann später nicht mehr zurückgefordert werden.«

»Sei unbesorgt«, versicherte ihr Fidelma. »Ich bin nicht hier, um etwas zurückzufordern. Ich möchte nur wissen, wie es zu dem Fund kam und was weiter damit geschehen ist.«

Die Frau schaute von ihr zu Bruder Eolann, bis der gedolmetscht hatte, und wieder zu Fidelma. »Setzt euch«, sagte sie dann und zeigte auf eine Holzbank zwischen den Bäumen. »Ich hole euch Cider. Es ist ziemlich warm heute … Wenn ich auch keine große Freundin eures Abts bin, sollt ihr doch nicht an seiner statt leiden.«

Fidelma war aufgefallen, dass beim Übersetzen wiederholt lange Pausen entstanden und fragte deshalb Bruder Eolann, ob er Schwierigkeiten bei der Verständigung hätte.

»Die Frau redet in der Mundart der Bauern hier. Mitunter ist sie kaum zu verstehen.«

Bald erschien Hawisa wieder mit einem Tonkrug, der im Bach gestanden hatte, und einigen Bechern. Sie füllte sie mit einer wie sattes Gold glänzenden Flüssigkeit. Dankbar schlürften sie das kühle Getränk. Hawisa setzte sich neben sie auf die Erde und blickte gedankenverloren in ihren Becher. Traurig vor sich hin sinnend fing sie an zu sprechen und hielt immer mal wieder ein, damit Bruder Eolann für die Nonne dolmetschen konnte.