»Wamba kam eines Tages vom Ziegenhüten zurück und sagte mir, wir würden bald reich sein.« Schmerzlich verzog sie das Gesicht. »Er erzählte mir, er hätte eine kleine Goldmünze gefunden. Den Wert kannte er natürlich nicht, und reich sind wir davon nicht geworden. Aber der Abt gab mir im Tausch dafür einen Korb voll Lebensmittel, mit denen kam ich eine Weile hin.«
»Entschuldige, aber das verstehe ich nicht.« Fragend sah Fidelma Bruder Eolann an, ob er vielleicht etwas falsch übersetzt hatte. »Soviel ich gehört habe, hat der Junge die Münze Bruder Waldipert gezeigt, und der versprach ihm, er würde den Wert schätzen lassen. Wamba starb aber, bevor er mit der Abtei handelseinig werden konnte.«
Bruder Eolann besprach sich eine Weile mit der Frau. »Sie bestätigt, was du gesagt hast«, meinte er schließlich. »Sie hat Abt Servillius aufgesucht, der hat ihr erklärt, die Münze sei alt, doch nicht besonders wertvoll. Er hat veranlasst, dass sie einige Sachen als Gegenwert erhielt. Sie meint, es war ein schlechter Tausch. Wamba hatte gehofft, eine Ziege oder gar zwei kaufen zu können, um ihre kleine Herde zu vergrößern.«
Fidelma wandte sich wieder an Hawisa. »Viel Wert war sie also nicht. Was für eine Münze war es überhaupt?«
Die Mutter des Jungen zuckte die Achseln. »Münzen sind hierzulande selten. Doch Gold habe ich auch vorher schon gesehen.«
»Der Abt hat also die Münze behalten?«
»Ja.«
»Und du bist sicher, es war eine alte Münze?«
Die Frau nickte und stellte ihren leeren Becher neben sich ab. »All meine Lieben hat man mir genommen. Erst wurde mein guter Mann geholt, er musste in Grimoalds Heer dienen. Das war vor drei Jahren. Er kam nie zurück, und ich habe nur erfahren, er sei in der Schlacht gefallen. Jetzt ist mein einziges Kind tot. Ich habe nichts weiter zu verlieren, daher ist mir egal, was ihr eurem Abt berichtet. Wamba wurde ermordet, weil er ein Goldstück fand. Sie haben ihn in aller Hast beerdigt, damit ich die Wunden nicht sehe.«
Plötzlich beugte sie sich vor und tippte Fidelma mit beiden Zeigefingern beschwörend an die Brust. Dabei wiederholte sie dreimal einen kurzen Satz, von dem Fidelma nur das Wort Odo verstand. Sie fragte Bruder Eolann: »Was sagt sie über Odo … das ist doch der Neffe, stimmt’s?«
»Sie sagt, Odo kann alles bestätigen, was sie uns erzählt hat«, erklärte der junge Mönch. »Aber das ist ja nicht nötig. Ich habe alles übersetzt, was sie mitteilen wollte.«
»Ihren Bericht müssen wir hinnehmen, wie er ist. Und doch ist da etwas irgendwie unlogisch«, grübelte Fidelma. »Selbst wenn es eine Goldmünze war, so kann sie nicht so wertvoll gewesen sein, dass gleich mehrere dabei mitgemacht haben, den Jungen zu töten. Einen großen Gewinn hätte es keinem gebracht.«
Bruder Eolann schaute sie verunsichert an. »Wie meinst du das?«
»Zuerst wäre da Bruder Waldipert, den wir in Betracht ziehen müssen. Als Nächsten Abt Servillius, er hat den Wert der Münze geschätzt. Ferner wäre an den Krieger Wulfoald zu denken, der könnte sogar im Verdacht stehen, den Jungen umgebracht zu haben. Er war es, der den Toten fand und zur Abtei schaffte. Auch Bruder Hnikar dürfen wir nicht außer Acht lassen, denn als Apotheker und Heilkundiger oblag es ihm, den Leichnam zu waschen und für die Bestattung herzurichten. Dabei hätten ihm Anzeichen auffallen können, die darauf hinwiesen, dass der Junge eines unnatürlichen Todes gestorben war. Wenn ich richtig verstanden habe, sagt Hawisa aus, der Junge wurde begraben, noch bevor sie seine Leiche hätte sehen können, man hätte vertuschen wollen, dass er ermordet wurde.«
Bruder Eolann zuckte die Achseln. »Mir fehlen deine Wortgewandtheit und die Gabe, so zu denken wie du.«
Hawisa hatte sie die ganze Zeit beobachtet und fing erneut an, sehr laut zu reden.
»Sie sagt, sie weiß eben nur, dass sie die Goldmünze gesehen hat. Wamba hat sie zur Abtei mitgenommen, und am Tag darauf war er tot. Jetzt ist er auf dem Friedhof der Abtei begraben, wo sie nicht jeden Tag für ihn beten kann. Der Weg dorthin ist zu beschwerlich. Sie muss sich damit begnügen, ihr Gebet an der Stelle zu verrichten, wo man ihn tot aufgefunden hat.«
Aufgebracht schleuderte die Frau ihnen ein paar Wortfetzen entgegen. »Ihr könnt mich bei eurem Abt anschwärzen. Ich fürchte mich nicht«, übersetzte Bruder Eolann.
»Du hast auch nichts zu befürchten«, versicherte ihr Fidelma. »Wir sind nicht hier, um dich bei Abt Servillius anzuschwärzen. Er weiß nicht einmal, dass wir hier sind. Im Gegenteil, uns wäre lieb, wenn du niemandem etwas von unserem Besuch sagst. »
Hawisa blickte verwundert auf.
»Mach ihr klar, ich sei eine Besucherin aus Hibernia, und ich sei zu ihr gekommen, weil ich mit der unstillbaren Neugier gestraft bin, alles immer genau wissen zu wollen. Ich habe von der Geschichte mit Wamba erfahren, und die hat mich tief berührt.«
Man sah Hawisa an, dass sie noch ihre Zweifel hatte, doch schien ihr die Erklärung einzuleuchten. Und wieder begann Bruder Eolann zu übersetzen. »Der Begründer der Abtei kam aus Hibernia. Ich habe gehört, Landsleute von dir besuchen immer mal die Abtei, um seiner zu gedenken.«
»Genau so ist es.« Fidelma schwieg eine Weile und erklärte dann: »Bevor wir weiterziehen, möchten wir an der Stelle, an der Wamba abstürzte, ein Gebet verrichten, an der Stelle, zu der du immer gehst, um für ihn zu beten. Würdest du uns bitte beschreiben, wie wir dort hinkommen?«
Wieder betrachtete Hawisa Fidelma argwöhnisch. »Warum willst du sehen, wo mein Sohn zu Tode stürzte?«.
»Es geht mir nicht darum, zu sehen, wo es war, sondern nur darum, dort ein Gebet für seinen Seelenfrieden zu sprechen.« Fidelma war bewusst, dass sie log und hoffte, Bruder Eolann würde ihre Worte mit größerer Aufrichtigkeit übersetzen können. Die Lüge würde ihr wohl vergeben werden, weil sie dazu diente, die Wahrheit herauszufinden.
Hawisa antwortete nicht gleich, sie überlegte sich die Sache lange und sorgfältig. »Folgt dem Pfad da« – dabei wies sie auf einen Trampelpfad zwischen den Bäumen dicht neben ihrer Hütte –, »geht immer in Richtung Nordost, bis ihr an zwei riesige Felsbrocken kommt, bei denen sich der Weg teilt. Nehmt nicht den Pfad nach unten, sondern bleibt auf gleicher Höhe, dann gelangt ihr an eine hohe Felswand. Unten am Fuß der Felsen ist ein kleiner Steinhaufen, den ich zu seinem Gedenken zusammengetragen habe. Man hat mir gesagt, das war die Stelle, von der er abgestürzt ist.«
Mitfühlend berührte Fidelma den Arm der Frau. »Wir sind dir sehr dankbar für deine Auskünfte, Hawisa.«
»Bitte zerstört nicht das kleine Grabmal. Als ich heute früh dort war, um zu beten, fand ich es verwüstet vor. Jemand muss das gestern oder in der Nacht getan haben.«
»Wir werden es nicht anrühren«, versprach Fidelma, runzelte dann die Stirn und fragte: »Wie war es zerstört?«
»Die Steine lagen überall verstreut herum.«
»Könnte das nicht auch ein Tier gewesen sein?«
»So macht das kein Tier. Ich hatte die Steine um eine kleine Holzkiste geschichtet, in der Wamba ein paar Dinge aufbewahrte, die ihm lieb und teuer waren. Bunte Murmeln, glänzende Steine und seine geliebte Flöte.«
»Seine Flöte?«, fragte Fidelma nach.
»Fast alle Jungen auf dem Berg haben die bei sich. Das sind einfache Dinger. Das Kistchen war grob zusammengezimmert, aber er hatte es selbst gebaut. Jemand hat es gestohlen, verflucht sei seine Seele. Eine Schande ist das, dass einer so was macht, der eine Kutte trägt.«
Verständnislos schaute Fidelma die Frau an. »… eine Kutte? Wie kommst du darauf?«