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Bruder Eolann schien mit der Übersetzung Schwierigkeiten zu haben. »Ein Nachbar hat gesehen, wie jemand in einer Mönchskutte das Kistchen genommen hat und damit den Abhang hinunter gestiegen ist zu seinem Pferd.«

»Ein Mönch soll es genommen haben?«

»Jedenfalls jemand, der wie ein Mönch aussah«, verbesserte sich Bruder Eolann rasch.

»Hat dieser Nachbar den Mann oder das Pferd genauer beschrieben?« Ungeduldig wartete Fidelma, bis die Frage gestellt war und eine Antwort kam.

»Der Nachbar hat nichts weiter erkennen können, sagt sie. Ich habe sie gefragt, wer dieser Nachbar sei; aber sie behauptet, der wäre zum Markt nach Travo gegangen und wird ein paar Tage weg sein.«

Fidelma überlegte einen Moment und stand langsam auf. »Sei unbesorgt, wir werden dein Steinmal nicht zerstören.«

»Ich wäre euch dankbar, wenn ihr mir euren Segen erteilt und ein paar Gebete sprecht, bevor ihr mich verlasst. Verzeiht einer trauernden Mutter, dass sie so grob zu euch war.«

Bruder Eolann intonierte die Gebete in der für sie gängigen Sprache, dann sagten sie der Bewohnerin der Hütte Lebewohl und folgten dem Weg, den sie ihnen gewiesen hatte.

Zwar waren sie schon ziemlich hoch in den Bergen, bewegten sich aber immer noch unterhalb der Baumgrenze. Hohe Buchen und Ebereschen bestimmten das Bild. Hier und da wuchsen auch andere Bäume, die Fidelma an Eichen erinnerten, aber doch anders aussahen. Sie war ihnen schon früher begegnet. Auf ihre Frage hin erfuhr sie von Bruder Eolann, dass es eine in der Gegend verbreitete Baumart wäre, Zerr-Eichen nannte man sie. Vögel schwirrten von Ast zu Ast; und ab und an erspähte sie auch Sperber und Bachstelzen mit weißer oder gelber Unterseite.

Bruder Eolann blickte zum Himmel und warnte: »Wenn wir das Heiligtum auf dem Gipfel erreichen wollen, müssen wir uns beeilen. Bis zur Abenddämmerung bleibt uns nicht mehr viel Zeit.«

»Gibt es in den Bergen hier Raubtiere, die uns gefährlich werden könnten, wenn wir es nicht bis ganz hinauf schaffen und unterwegs übernachten müssen?«

»An größeren Tieren sind mir bisher nur Füchse und Wölfe begegnet. Vor einem Tier aber, das es in unserer Heimat nicht gibt, habe ich besonderen Respekt.«

»Und was ist das?«

»Eine Schlange, vipera wird sie genannt; sie hat Giftzähne, und ihr Biss kann gefährlich sein.«

Schaudernd suchte Fidelma sofort den Boden um ihre Füße herum ab. »Gehört habe ich schon davon, doch begegnet bin ich noch nie einer.«

»Ich habe nur einmal eine gesehen. Bruder Lonán fand eine im vergangenen Herbst im herbarium. Sie hatte sich zusammengeringelt und sonnte sich. Er hielt sie für eine Blindschleiche und wollte sie aufnehmen, doch sie biss ihn, und er hatte tagelang heftige Schmerzen. Glücklicherweise kannte Bruder Hnikar einen Heiltrank dagegen, auch verordnete er Lonán strenge Bettruhe. Er sollte jede Anstrengung vermeiden, denn schon die geringste Bewegung würde das Gift durch den Körper treiben. Der Gärtner genas, doch es dauerte lange.«

»Du musst mich rechtzeitig warnen, wenn du so eine Kreatur erblickst«, bat Fidelma eindringlich. »Vor Wölfen und Füchsen habe ich keine Angst, doch vor Schlangen …« Sie schüttelte sich.

Sie verließen den schattigen Pfad und zogen im offenen Gelände an einer Bergwand entlang. Links bedeckten Felsbrocken und dunkelgraues Geröll die Hänge, zur Rechten fiel der Berg steil ab.

»Ah, dort!«, rief Fidelma und wies auf einen kleinen Haufen aufgeschichteter Steine vor ihnen. »Das muss Hawisas Gedenkstätte sein.«

An dem Steinhügel, den Hawisa ihrem Sohn zum Gedenken zusammengetragen hatte, war nichts Auffälliges.

Fidelma schaute sich aufmerksam um und blickte ein wenig weiter in die Tiefe. An die sechzig Fuß unter ihr verlief ein breiter, ausgetretener Weg.

»Was für ein Weg ist das da?«

»Er führt vom Norden über die Berge und hinunter ins Tal genau zur Abtei. Eine vielbegangene Strecke ist das.«

Fidelma beugte sich weit vor. »Ziemlich steil ist der Abhang ja, doch hinunterzuklettern dürfte nicht schwer sein. Das ist bestimmt die Stelle, an der der Dieb, der die kleine Kiste gestohlen hat, vom Pferd abgesessen ist. Er ist hochgeklettert und mit der Beute im Arm wieder runter.«

»Von hier muss auch der Junge abgestürzt sein, den Wulfoald dann unten gefunden hat, als er vorbeiritt.«

»Wie sollte ein wendiger, trittsicherer Bursche, der jahrelang auf diesen Berghängen Ziegen gehütet hat, ausgerechnet hier abstürzen? Die Bruchkante ist mehr als deutlich zu erkennen, und welche Gefahr da lauert, sieht doch jeder.«

»Vielleicht ist eine der Ziegen zu dicht an den Abgrund geraten, und er hat versucht, sie zurückzuholen, und ist dabei ausgerutscht«, gab Bruder Eolann zu erwägen. »Es wäre jedenfalls eine mögliche Erklärung.«

»Vielleicht war es so«, räumte Fidelma widerstrebend ein. »Aber bloße Mutmaßungen helfen uns nicht weiter. Ich werde hinunterklettern.«

Bruder Eolann protestierte heftig, doch sie schob seine Bedenken beiseite. »In den Bergen von Muman gibt es schwierigere Abstiege.«

»Aber was willst du da finden?«

»Das werde ich erst wissen, wenn ich unten bin«, erwiderte sie, machte einen Schritt zum Rand des Pfades und tastete mit den Blicken die Felswand ab.

»Sei vorsichtig!«, rief Bruder Eolann ihr aufgeregt zu.

»Wenn du weiter so schreist, werde ich mich erschrecken und fallen«, mahnte ihn Fidelma. »Ah, so müsste es gehen.« Sie kletterte über die Kante und hangelte sich an Felsvorsprüngen nach unten. Als Kind war sie oft genug mit ihrem Bruder Colgú zwischen den Höhenzügen Cnoc an Stanna und Sliabh Eibhlinne herumgestreift. Klettertouren machten ihr nichts aus. Behände wie eine von Wambas Ziegen stieg sie hinab und stand bald unten auf dem steinigen Weg.

»Bleib oben!«, rief sie hoch, »wenn es hier etwas zu sehen gibt, finde ich es schon allein.«

Sie ging am Fuß der Felswand entlang, schaute angestrengt auf den Boden, entdeckte aber nichts, was hier nicht hergehörte. Eigentlich hatte sie auch nicht erwartet, etwas Auffälliges zu bemerken oder Spuren zu finden. Dafür war es schon zu lange her, dass der Junge ermordet worden oder zu Tode gestürzt war. Während sie hin und her lief und unter jeden Felsbrocken schaute, fiel ihr schließlich ein kurzes abgebrochenes Aststück auf, das zwischen farbigen Tonscherben und bunten Glasmurmeln lag. Der Zweig sah irgendwie sonderbar aus. Sie nahm ihn auf, drehte ihn hin und her und kam plötzlich darauf, was es war. Er war kaum einen Finger lang, hatte auch die Stärke eines Fingers, war an beiden Enden zerdrückt, innen aber hohl. In der Mitte waren zwei sauber herausgeschnittne Löcher, an einem Ende sah es aus, als hätte es dort ursprünglich einen Aufsatz gegeben. Ein Mundstück?

»Ist mit dir alles in Ordnung?«, schallte Bruder Eolanns besorgter Ruf von oben, der sie wegen des Überhangs nicht sehen konnte.

»Alles ist in bester Ordnung«, rief sie, trat ein paar Schritte von der Felswand zurück, so dass sie ihren Begleiter zu Gesicht bekam, und versicherte ihm: »Es dauert nicht mehr lange.«

»Hast du schon etwas entdeckt?«

»Noch nicht.« Sie ging zurück, wo sie die Sachen gefunden hatte, schaute noch einmal prüfend umher und ließ den Blick nach oben schweifen. Fast genau über ihr in Kopfhöhe war ein abgeflachter Felsvorsprung. Sie ertastete hilfreiche Vorsprünge und kletterte hoch.

Dort oben lag ein kleiner Holzkasten mit offenem Deckel, nicht mehr als zwei Handspannen lang und eine breit, auch ziemlich flach. Fidelma nahm ihn vorsichtig an sich und bemühte sich, die wenigen darin noch befindlichen Dinge beim Absteigen nicht zu verschütten. Das Kistchen war wirklich nur schlecht und recht zusammengezimmert; die beiden Metallscharniere stammten eindeutig aus geschickterer Hand. Auf der Unterseite des Deckels waren, vermutlich mit der glühenden Spitze eines Schürhakens, Buchstaben ungelenk eingebrannt: WAMBA.