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Es war offenbar das aus dem Steinhaufen gestohlene Kästchen. Der Dieb musste es fallengelassen haben, als er in aller Hast zu seinem Pferd hinunterkraxelte, weil er beobachtet wurde und unerkannt fliehen wollte. Der Beobachter wiederum hatte wohl nicht sehen können, dass das Kistchen auf dem Felsvorsprung liegen blieb. Der Inhalt bot ein unbedeutendes Sammelsurium: das Mundstück, das zu der Flöte gehörte, und einige billige Schmucksachen und Figürchen aus gebranntem Ton.

Warum hatte der Dieb die kleine Gedenkstätte entweiht? Sorgfältig betrachte Fidelma ihr Fundstück, kippte den Inhalt aus und schüttelte das Kästchen. Dabei rasselte etwas. Prüfend befühlte sie innen den Boden, das Bodenbrett war nicht genau eingepasst und ließ sich anheben. Darunter lag etwas Rundes. Mit Daumen und Zeigefinger konnte sie es fassen. Es war eine Goldmünze.

Sie fügte den Scheinboden wieder ein und legte die anderen Sachen zurück, steckte die Münze aber in ihr marsupium.

»Was gibt es?«, hörte sie Bruder Eolann rufen.

»Ich habe Wambas Kiste gefunden. Ich komme jetzt hoch. Kannst du mir dein Zingulum zuwerfen?«

»Was willst du damit?«, fragte er verwundert. In ihrer gemeinsamen Sprache hatte sie das Wort criós gerufen, damit meinte sie das Zingulum, den kordelartigen Leibgurt, den die Mönche um ihre Kutte schlangen.

»Wirf es runter, ich brauche es, um das Kästchen festzubinden.« Das war rasch getan, und sie rief ihm zu: »Jetzt komme ich wirklich.«

Sorgsam jede Felsnase nutzend, kletterte sie hoch, lehnte kühn Bruder Eolanns Hand ab, der ihr über die Felskante helfen wollte.

»Ich habe mir vielleicht Sorgen gemacht deinetwegen. Wenn ich mir vorstelle, du wärest abgestürzt. Wie hätte ich das dem Abt beibringen sollen?«

Gleichgültig schürzte Fidelma die Lippen. »Wieso hätte ich abstürzen sollen? Und das mit dem Abt wäre dann sowieso nicht meine Sache gewesen.« Sie schaute zu dem kleinen Steinhaufen, band das Kistchen los und reichte ihrem Begleiter sein Zingulum.

»Wenigstens können wir jetzt den kleinen Kasten wieder in die Gedenkstelle einsetzen. Der Dieb muss ihn fallengelassen haben.«

»War denn etwas Gescheites darin?«, erkundigte sich Bruder Eolann.

Sie griff in ihr marsupium und zeigte ihm die Münze.

»Aber Wamba hat das Goldstück doch Bruder Waldipert gegeben«, äußerte sich ihr Begleiter verwirrt. »Und der dann dem Abt, oder?«

»Bestimmt ist das eine sehr alte Goldmünze, mir ist dergleichen noch nie vor Augen gekommen«, sagte Fidelma und drehte die Münze um und um. Ihr fielen Bruder Ruadáns Worte ein. Er hatte von »Münzen« in der Mehrzahl gesprochen. »Mich wundert nur …«

»Was wundert dich?«, fragte der junge Mönch erwartungsvoll.

»Vielleicht hatte Wamba zwei Münzen gefunden und beschlossen, eine zu verbergen, bis feststand, wie viel die andere wert war. Kann ja sein, er befürchtete, man würde sie ihm wegnehmen, wenn er beide vorzeigte. Seine Mutter wird nichts davon gewusst haben, sonst hätte sie die Münze doch aus dem Kästchen genommen, bevor sie es in den Steinhaufen setzte.«

»Eine Überlegung, die einleuchtet«, pflichtete ihr Bruder Eolann bei.

»Ob der vermeintliche Dieb von der Münze darin gewusst hat?«

Fidelma betrachtete das Stück noch einmal eingehend. Klein, aber aus solidem Gold; das war keine Legierung mit geringwertigem Metall. Darauf geprägt war ein Streitwagen, den zwei Pferde zogen, und der Wagenlenker. Die winzigen Symbole drum herum stellten wahrscheinlich die Sterne am Himmel dar.

»Mir ist so, als hätte ich ähnliche Münzen doch schon einmal gesehen«, überlegte sie laut.

»Der Ehrwürdige Ionas kennt sich aus mit solchen Münzen.«

»Fragt sich, ob Abt Servillius den Ehrwürdigen Ionas zu Rate gezogen hat wegen der Münze, die Wamba zur Abtei brachte. Da gibt es noch manch Rätselhaftes«, stellte Fidelma fest und dachte an die letzten Worte, die Bruder Ruadán mit stockendem Atem hervorgebracht hatte.

»Müssten wir das Kleinod nicht Hawisa übergeben?«, gab der scriptor zu bedenken.

»Das wird am Ende auch geschehen. Wenn Bruder Ruadán damit recht hatte, dass der Junge wegen der ersten Goldmünze ermordet wurde, wird man Wulfoald und dem Abt ein paar unliebsame Fragen stellen müssen.«

Doch schon während sie das sagte, wurde ihr klar, dass sie keinerlei Handhabe hatte, die beiden zu befragen. Eine Anwältin im Rechtswesen ihres Landes mochte sie ja sein, auch war sie von König Oswiu von Northumbria ermächtigt worden, die Morde auf dem Konzil von Streonshalh aufzuklären, und vom Ehrwürdigen Gelasius, das Verbrechen im Lateranpalast zu enthüllen – doch hier – wer war sie denn? Nichts als eine durchreisende Fremde ohne jeden hier anerkannten Rang. Eine Ausländerin ohne jeden Rückhalt. Seigneur Radoald war der Einzige, der Machtbefugnisse im Lande hatte, und der würde sie wohl kaum mit Vollmachten ausstatten, in dieser Angelegenheit Untersuchungen anzustellen.

Vorsichtig steckte sie die Goldmünze wieder in ihr marsupium. »Sehr ermutigend ist das alles nicht, wahrscheinlich habe ich zu viel erwartet.«

»Wie hat Bruder Ruadán überhaupt etwas von dieser Münze wissen können?«, fragte der Bibliothekar. »Mir ist das Ganze ein einziges Rätsel.«

»Ich suche selbst noch die Antworten darauf. Nur sieht es so aus, als würde ich sie nicht finden. Vor einer leeren Wand zu stehen, ist immer ärgerlich.« Ein Blick zum Himmel zeigte ihr, viel Zeit blieb ihnen nicht, bald würde sie die sich von Osten ausbreitende Dunkelheit umhüllen. »Wir sollten besser zu dem Heiligtum weiterziehen.«

»Wenn wir zu Hawisas Hütte zurückgehen und von dort unseren Aufstieg fortsetzen, verlieren wir viel Zeit; es wäre aber leichter und sicherer«, erklärte der scriptor.

»Hast du einen anderen Vorschlag?«

Nach kurzem Überlegen meinte er: »Ich wüsste einen Fußweg von hier, wenn du keine Höhenangst hast, aber der ist so schmal, dass man nur hintereinander laufen kann. Mitunter geht es sehr steil aufwärts. Doch hinter einem Felsvorsprung trifft der Pfad auf den Hauptweg, und von da an gelangt man zügig zum Gipfel. So könnten wir eine Menge Zeit sparen. Du hast ja eben bewiesen, wie sicher du dich in schwierigem Gelände bewegst. Da wirst du auch das Stück Weg mit Leichtigkeit bewältigen.«

»Dann lass es uns mit dieser Abkürzung versuchen.«

Er ging voran, auf einem Pfad, den wohl Ziegen zuvor ausgetreten hatten. Er war von Gras überwuchert, kaum wahrnehmbar, und stieg rasch an.

»Du scheinst die Gebirgspfade hier gut zu kennen, dabei stammst du gar nicht von hier und bist Bücherverwahrer und Schreiber.« Das war ihr einfach so herausgerutscht, und beim Nachdenken über das Gesagte, machte es sie in der Tat stutzig, wie sich die beiden Tatsachen vereinen ließen. Aber da blieb Bruder Eolann auch schon stehen und wandte sich nach ihr um.

»Du hast vorhin zu Hawisa gesagt, du wärest mit unstillbarer Neugier gestraft. Mit geht es so wie dir«, erklärte er allen Ernstes. »Wer in einer Bibliothek tätig ist, hat wenig körperliche Bewegung, man ist keine Anstrengung mehr gewohnt und wird behäbig. Daher hole ich mir ab und an vom Abt die Erlaubnis, auf die Berge zu steigen, um mich in Schuss zu halten. In den Satiren des Juvenal lesen wir ›mens sana in corpore sano‹ – In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist. Ich glaube, um den Geist gesund zu erhalten, muss man auch den Körper kräftigen. In den zwei Jahren, die ich jetzt hier bin, habe ich schon so manchen Wanderpfad und Nebenweg erkundet.«

»Da kann ich mich glücklich schätzen, dass du dich hier so gründlich auskennst«, lobte ihn Fidelma.

Sie stiegen weiter nach oben. Mitunter musste Fidelma stehen bleiben und die Augen schließen, wenn sie bei den Steilhängen ein Schwindelgefühl überkam. Schließlich gelangten sie an den gewaltigen Felsvorsprung, von dem Bruder Eolann gesprochen hatte. Die Felsnase versperrte ihnen den Weg, und daneben gähnte der Abgrund. Ihr Bergführer lächelte sie ermunternd an.