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»Jetzt kommt der wirklich schwierige Teil. Die Felswand hat kleine Ausbuchtungen, da finden die Finger Halt. Du musst dich fast ganz zurücklehnen, dich mit ausgestreckten Armen auf die Kraft deiner Hände verlassen und vorsichtig weiterhangeln. Wird das gehen?«

Fidelma blickte nach unten, ein Schauder überlief sie bei dem Gedanken, wie unendlich tief sie abstürzen könnte. Sie nickte und murmelte: »Bringen wir es hinter uns.« Es war besser, rasch über diese Stelle zu gelangen, als ewig drüber zu reden.

»Ich gehe voran und zeige dir, wie man es macht. Binde dir den Mantelsack fest auf den Rücken und versuche, das Gleichgewicht zu halten.«

Er zurrte den Mantelsack fest und wartete, bis sie auch so weit war. Dann bückte er sich unter den Überhang und schob sich vorwärts. Wo seine Füße Halt fanden, konnte sie nicht sehen, bestimmt hatte er irgendwelche Ausbuchtungen gefunden und sich mit den Händen festgekrallt … Dann war er hinter dem Felsen verschwunden.

»Hörst du mich?«, rief sie beklommen.

Es dauerte einen Moment, dann kam die Antwort. »Entschuldige, ich musste erst wieder zu Atem kommen.« Es hörte sich an, als sei er ganz nahe. »Hast du genau gesehen, wie ich mich unter den Überhang gezwängt habe?«

»Ich denke, schon.«

Fidelma holte tief Luft und schob sich langsam vorwärts, kroch fast unter den Überhang, fand auch ziemlich sofort die kleinen Vorsprünge, an denen sie sich halten konnte. Hand über Hand arbeitete sie sich voran. Nur nicht daran denken, was hinter ihr war, an die gähnende Leere und den möglichen Sturz auf die Felszacken tief unter ihr. Der schlimmste Moment kam, als sie sich an der grässlichen Abbruchkante zurücklehnte und nur die sich in den Stein krallenden Hände sie vor dem Fall bewahrten.

»Gleich hast du es geschafft«, rief ihr Bruder Eolann ermutigend zu.

Sie streckte sich nach dem nächsten Halt, verfehlte ihn und schwebte in der Luft. Das ganze Gewicht ihres Körpers hing an einer Hand, mit der anderen griff sie ins Nichts.

»Hilf mir«, schrie sie in heller Panik.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis eine kräftige Hand sie am Handgelenk packte und zurückriss. Einen Lidschlag lang hing sie im leeren Raum, mit der einen Hand klammerte sie sich verzweifelt an den Felsvorsprung, und ums Handgelenk der anderen schlossen sich Bruder Eolanns Finger. Einen sonderbaren Moment waren ihre Gesichter ganz dicht beieinander, ihre blitzenden grünen Augen starrten in seine hellblauen. Die Zeit schien still zu stehen, und das Einzige, was sie wahrnahm, war die Leere unter ihr. Dann lag sie auf dem schrägen Boden und rang nach Luft. Sie befand sich auf der anderen Seite des Felsüberhangs. Bruder Eolann hielt sie noch immer am Handgelenk.

»Bist du verletzt?«, fragte er besorgt.

Fidelma schüttelte den Kopf. Der Griff ums Handgelenk lockerte sich, und unbewusst fing sie an, es mit der anderen Hand zu massieren.

»Du hast mich im entscheidenden Augenblick zu fassen bekommen«, stellte sie unnötigerweise fest.

Der junge Mönch war immer noch beunruhigt. »Ich hoffe, ich habe dir nicht weh getan.«

»Du hast mir das Leben gerettet«, sagte sie ernst. »Da kann ich wohl einen blauen Fleck ertragen.«

»Ich hatte dir ja gesagt, dass wir eine heikle Stelle überqueren müssen. Aber schau … Jetzt sind wir kurz vor dem Hauptweg zum Gipfel, wir hätten es nicht vor Einbruch der Dunkelheit geschafft, hätten wir die bequemere Strecke genommen.«

»Dann lass uns weitergehen; je schneller wir von hier wegkommen, umso besser.«

Er stand auf und ging wieder voran. Der Rest ihrer Wanderung verlief ohne jeden Zwischenfall. Doch lag der Gipfel bereits in der Abenddämmerung, als sie dort hinaufgelangten. In einer Nische in der Bergflanke stand eine kleine Hütte. Genaueres konnte sie im Dämmerlicht nicht ausmachen. Der Himmel war bedeckt, kein Mondenschein erhellte die Gegend. Dennoch fand sich Bruder Eolann sofort zurecht, mit Feuerstein und Zunder entzündete er eine Fackel und entfachte vor der Hütte ein Lagerfeuer. Fidelma fand es ein wenig übertrieben, einen so großen Holzstoß in Flammen zu setzen, dessen Widerschein in weitem Umkreis zu sehen sein musste. Er fand es nicht lustig, als sie scherzend meinte, sie wollte sich nur am Feuer wärmen, aber nicht gleich geröstet werden.

»Es wird hier oben sehr kalt, Lady. Nachts kann es selbst im Sommer richtig frostig werden. Außerdem … Na ja, es gibt allerlei Tiere, die in der Nacht über die Hänge streifen. Das Feuer wird sie fernhalten.«

In der Hütte fand sich sogar eine Öllampe. Auch eine Wasserstelle musste in der Nähe sein, denn er füllte einen Krug mit frischem Quellwasser. Bald saßen sie am Feuer, aßen schweigend ihr frugales Mahl und sahen den dunklen Wolken nach, die niedrig über die Berge zogen und feucht-kalte Nebel hinterließen. Es dauerte nicht lange, und sternenlose Dunkelheit umfing sie. Fidelma hatte die unerwartete Anstrengung derart ermüdet, dass sie sich nur unklar erinnerte, wie sie in die Hütte gekrochen war.

Die Sonne schien hell, als sie am nächsten Morgen erwachte und als Erstes die Jagdschreie von Bussarden vernahm. Aus dem Lagerfeuer stieg noch eine Rauchsäule auf, und Bruder Eolann war bereits dabei, die Flammen erneut zu entfachen. Er hatte etwas zu essen hingestellt und zeigte ihr eine Quelle hinter der Hütte, an der sie sich ungestört waschen konnte.

Der Blick über die Berggipfel, die sie umgaben, war berauschend schön. »Wir befinden uns auf dem höchsten Punkt der Bergkette«, erklärte ihr Begleiter, als er sah, mit welcher Freude sie die Aussicht genoss. Es war ein warmer, angenehmer Tag, die Wolken, die den Mond verdunkelt hatten, waren verschwunden und hellem Sonnenschein gewichen.

Die Hütte stand in einer geschützten Mulde auf der Bergeshöhe. Warum Colm Bán gerade hier sein Heiligtum errichtet hatte, konnte sie gut verstehen. Nur wenige Schritte entfernt erblickte sie auf der kahlen Bergkuppe ein halbfertiges Bauwerk. Das davor errichtete große Kreuz wies es nachdrücklich als Stätte des Neuen Glaubens aus. Der junge Mönch begleitete Fidelma dorthin, und beide verharrten eine Weile andächtig im Dunkel der kleinen Kapelle.

»Ich werde mich nur ungern von diesem eindrucksvollen Ort trennen«, gestand Fidelma, als sie wieder in den Sonnenschein hinaustraten. »Sind das Höhlen, da drüben hinter der Hütte?«

»Ja, das sind Höhlen«, bestätigte ihr Bruder Eolann. »Groß sind sie nicht, doch es heißt, in eine davon zog sich Colm Bán am liebsten zurück, um in aller Stille zu beten, und eben dort soll der großartige Mann in die Arme Christi gesunken sein.«

»Aber bestattet wurde er doch in der Abtei.«

»Die Brüder haben den Leichnam hinunter in die Abtei getragen und unter dem Hochaltar der Kapelle eine Krypta für ihn erbaut.«

»Auch dort an den Höhlen sollte ich des Heiligen gedenken, bevor wir uns auf den Rückweg machen.«

Die Höhlen waren wirklich bescheiden. In der größeren war kaum Platz, dass zwei Leute gebückt hineingehen konnten, sie erweckte jedoch den Anschein, als hätte sich dort vor kurzem jemand aufgehalten. Die andere war völlig nichtssagend.

Fidelma ließ die Höhlen hinter sich, schaute sich um und nahm die Landschaft in sich auf. Knapp unter ihnen wuchs ein Dickicht von Farnkräutern, und tiefer auf dem Südhang hatten sich Koniferen und Buchen angesiedelt. Das waren die Vorboten der dichten Wälder zwischen den Bergmassiven. Noch einmal ergötzte sie sich an dem herrlichen Blick in die Natur. Als sie sich der Hütte zuwandte, fiel ihr etwas im Gestrüpp auf.

»Was ist denn das da?« Sie wies auf etwas Farbiges, das ganz und gar nicht in die Umgebung passte und wie ein Fetzen bunter Stoff aussah.

Rasch ging sie darauf zu, Bruder Eolann folgte ihr, hatte es aber weniger eilig. Sie drang schon in das Unterholz ein, als er warnend rief: »Sei vorsichtig, Lady. In einem Gebüsch wie diesem kann die vipera, die Giftschlange, liegen. Lass mich lieber vor.« Sie blieb stehen, er nahm einen kräftigen Zweig auf und schlug ihn beim Gehen geräuschvoll auf den Boden.

»Die vipera greift einen nur an, wenn sie sich bedroht fühlt. Sowie sie einen kommen hört, gleitet sie in einen Unterschlupf. Aber wenn du dich ihr lautlos näherst und unerwartet vor ihr stehst, schlägt sie zu.«

Fidelma war es zufrieden, dass er ihnen einen Weg zu der Stelle bahnte, wo sie einen durch den Wind festgeklemmten Stofffetzen zu sehen glaubte. Doch es war nicht einfach ein Streifen Stoff, der sich an einem Busch verfangen hatte. Es war eine Leiche – die Leiche einer Frau. Sie musste dort schon einige Zeit gelegen haben, denn der üble Verwesungsgeruch hatte bereits allerlei Fliegen und andere Insekten angelockt. Die Kleidung kam Fidelma sonderbar bekannt vor. Mit der Hand bedeckte sie Mund und Nase, kauerte sich nieder und betrachtete das Gesicht. Sie erkannte es sofort.

»Freifrau Gunora«, keuchte sie.