Выбрать главу

Rasch ging sie darauf zu, Bruder Eolann folgte ihr, hatte es aber weniger eilig. Sie drang schon in das Unterholz ein, als er warnend rief: »Sei vorsichtig, Lady. In einem Gebüsch wie diesem kann die vipera, die Giftschlange, liegen. Lass mich lieber vor.« Sie blieb stehen, er nahm einen kräftigen Zweig auf und schlug ihn beim Gehen geräuschvoll auf den Boden.

»Die vipera greift einen nur an, wenn sie sich bedroht fühlt. Sowie sie einen kommen hört, gleitet sie in einen Unterschlupf. Aber wenn du dich ihr lautlos näherst und unerwartet vor ihr stehst, schlägt sie zu.«

Fidelma war es zufrieden, dass er ihnen einen Weg zu der Stelle bahnte, wo sie einen durch den Wind festgeklemmten Stofffetzen zu sehen glaubte. Doch es war nicht einfach ein Streifen Stoff, der sich an einem Busch verfangen hatte. Es war eine Leiche – die Leiche einer Frau. Sie musste dort schon einige Zeit gelegen haben, denn der üble Verwesungsgeruch hatte bereits allerlei Fliegen und andere Insekten angelockt. Die Kleidung kam Fidelma sonderbar bekannt vor. Mit der Hand bedeckte sie Mund und Nase, kauerte sich nieder und betrachtete das Gesicht. Sie erkannte es sofort.

»Freifrau Gunora«, keuchte sie.

KAPITEL 11

Man hatte den Kopf der Frau mit mehreren Hieben eines scharfen Gegenstandes, vermutlich eines Schwertes, so gut wie vom Körper getrennt.

Fidelma stülpte sich fast der Magen um beim Anblick der verstümmelten Gestalt, und sie brauchte einen Moment, um sich zu fassen. Bruder Eolann neben ihr stammelte mit zitternder Stimme ein Gebet.

Als Fidelma sich wieder in der Gewalt hatte, tastete sie mit den Augen aufmerksam die nähere Umgebung ab.

»Was suchst du«, fragte Bruder Eolann. »Glaubst du, die Mörder haben sich hier irgendwo verborgen?«

»Sie ist bereits einen Tag tot«, erwiderte Fidelma. »So lange würden die hier nicht bleiben. Aber sie hat den jungen Prinzen Romuald bei sich gehabt, als sie gestern in aller Frühe die Abtei verließ. Liegt der womöglich hier auch irgendwo?«

Immer noch leichenblass, nahm Bruder Eolann mit ihr die Suche auf. Sie durchkämmten das Unterholz, fanden aber keinerlei Anzeichen, die auf einen zweiten Mord hindeuteten. Folglich galt Fidelmas Aufmerksamkeit erneut der Toten. Zwar rümpfte sie angewidert die Nase, bückte sich aber und tastete sorgfältig die Kleidung nach persönlichen Dingen ab. Zu ihrer Überraschung entdeckte sie nichts. Augenscheinlich hatte Freifrau Gunora nicht einmal den kleinen Beutel mit Toilettenartikeln bei sich gehabt, wie ihn die meisten Frauen ihres Ranges um die Taille gegürtet trugen. Oder hatte man sie schon nach persönlicher Habe durchsucht und alles mitgenommen?

»Ob Perctarit und seine Leute dahinterstecken?«, grübelte Bruder Eolann und betrachtete nachdenklich die Leiche. »Vielleicht haben sie nur Freifrau Gunora umgebracht und den Prinzen mit fortgeschleppt.«

»Für Mutmaßungen ist es zu früh. Und hier länger zu verweilen, bringt uns auch nicht weiter. Ob sich hier in der Hütte eine Decke findet, die wir nehmen könnten?«

»Ich glaube schon«, entgegnete Bruder Eolann und war etwas ratlos, worauf sie hinauswollte.

»Da wir hier sonst nichts ausrichten können, sollten wir wenigstens eine Decke nehmen und darauf die Leiche zur Kapelle schaffen. Dort ist sie vor denen da oben und vor anderen wilden Tieren sicher.« Sie wies auf die Bussarde, die bereits über ihnen kreisten.

Glücklich war der scriptor über ihren Vorschlag nicht, machte aber keine Einwände. Sie brauchten eine Weile, um die Tote zur Kapelle zu schleppen. Behutsam legten sie sie drinnen ab und deckten sie zu.

Was war das für ein warmer, schöner Tag gewesen, als Fidelma erwachte und das herrliche Panorama der Berge vor Augen hatte. Und nun, wenige Stunden später, kam ihr der Tag kalt und unfreundlich vor.

»Es ist wohl an der Zeit, dass wir uns an den Abstieg machen«, meinte sie.

»Uns treibt nichts«, erwiderte Bruder Eolann. »Ich würde gern noch warten, bis das Feuer niedergebrannt ist, damit nichts passiert, wenn wir gehen.«

»Du hast die Zweige zu hoch geschichtet heute früh«, gab sie zur Antwort und ging in die Hütte, um sich etwas herzurichten. Als sie fertig war, packte sie ihren Mantelsack, warf ihn sich über den Rücken und trat wieder hinaus in die Sonne.

Vor ihr standen drei Krieger mit gezogenem Schwert, drohend glitzerten die Klingen im gleißenden Licht. Ein vierter Mann hatte sich vor Bruder Eolann postiert und berührte mit seiner Schwertspitze gebieterisch die Brust des Bibliothekars.

Alle schwiegen und verharrten reglos. Schließlich war es Fidelma, die die Stille unterbrach. »Wer sind die Männer?«

Bruder Eolann räusperte sich und sprach die Krieger in der für die Region geläufigen Sprache an. Einer von ihnen brach in schallendes Gelächter aus, ehe er ihm antwortete.

»Er sagt, wir würden schon bald merken, wer sie sind. Jedenfalls wären wir ihre Gefangenen und müssten mit ihnen gehen.«

»Mach ihnen doch klar, dass wir einfache Mitglieder der Gemeinschaft in der Abtei Bobium sind.«

Bruder Eolann verzog das Gesicht. »Ich fürchte, das weiß er längst, Lady.«

»Glaubst du etwa, das sind …«

Der Krieger, der eben noch die Antwort gegeben hatte, brüllte sie an. Sie verstand auch ohne Übersetzung, was er meinte, hatte das Bild der erschlagenen Gunora vor Augen und schwieg.

Der Anführer sagte nichts weiter, drehte sich um und zog los. Sofort umringten die anderen Fidelma und Bruder Eolann, drückten ihnen die Schwertspitzen zwischen die Schulterblätter und trieben sie auf diese Weise voran. Der Weg, den sie nahmen, führte genau die entgegengesetzte Seite des Berges hinab, weg von Bobium. Sie warf einen Blick zu Bruder Eolann, aber der schüttelte nur vorsichtig den Kopf, als wollte er sie warnen, noch einmal den Mund aufzumachen. Mit den Kriegern, egal wer sie waren, war nicht zu spaßen.

Die Landschaft auf der nordöstlichen Seite des Berges machte einen ebenso spektakulären Eindruck wie die im Trebbia-Tal. Eher einen noch spektakuläreren. Unten schlängelten sich Flüsse wie blaue Bänder, allenthalben umringt von Bergeshöhen. In der Ferne erhoben sich kahle graue Felsmassive, ausgewaschen durch Wasser und Erosion. Trotz der inneren Unruhe, dass sie Gefangene von Kriegern waren, die sich herzlich wenig um ihr Leben scherten, nahm Fidelma die Umgebung wachen Sinnes wahr, immer in der Hoffnung, es könnte sich eine Fluchtmöglichkeit ergeben. Diesseits der Berge war die Wetterseite, schutzlos war das Gestein der Erosion ausgesetzt. Häufig wechselten harter Fels und bröcklige Oberfläche mit weichem Lehm und Kalkstein.

Schweigend marschierten sie voran, stiegen schließlich bis unter die Baumgrenze ab und wanderten weiter durch dichten Wald, in dem viele Tiere heimisch waren. Unzählige Vogelstimmen wetteiferten miteinander, Füchse bellten, und auch gelegentliches Wolfsgeheul drang an Fidelmas Ohren. Es schien ihr eine Ewigkeit, wie sie so dahintrotteten. Langsam wurde das Gefälle sanfter, und ab und an begegneten sie Buben oder auch alten Männern mit Ziegen-und Schafherden. Immer noch verlor keiner ein Wort. Das konnte Fidelma auf die Dauer nicht ertragen. »Frag ihn, wie lange er uns so in Trab zu halten gedenkt«, wandte sie sich an Bruder Eolann.

Sofort spürte sie den drohenden Druck einer Schwertspitze zwischen den Schulterblättern. Bruder Eolann wagte nicht, ihrer Forderung nachzukommen.

Fidelma ignorierte ihren Wachmann, rief den Anführer in ihrem Schullatein an und wiederholte ihre Frage.

Der Krieger blieb stehen und drehte sich unwirsch um. In barschem Ton fragte er Bruder Eolann etwas, der ihm zögernd antwortete. Der Mann gluckste vor sich hin, freundlich klang es nicht. Wieder sagte er etwas zu Bruder Eolann, und der übersetzte: »Er sagt, du wärest ein impertinentes Weibsbild, Lady. Über kurz oder lang würdest du schon merken, was Sache ist.« Und dann fügte er besorgt hinzu: »Verschweige am besten Herkunft und Rang, Lady. Die Leute hier halten solche mit Rang und Namen gern gegen Lösegeld fest.«