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Der Anführer donnerte einen Befehl. Sie deutete ihn als erneute Warnung, den Mund zu halten.

Und weiter ging’s. Es dauerte nicht lange, und sie kamen an eine Lichtung, wo ein halbes Dutzend Pferde angebunden stand, bei ihnen zwei Krieger. Erregt rief man sich etwas zu, Wortfetzen flogen hin und her, und neugierig nahmen die beiden Krieger die Gefangenen unter die Lupe.

Fidelma und Bruder Eolann wurden zu den Pferden geschubst. Zwei Krieger steckten die Schwerter in die Scheide und schwangen sich flugs in den Sattel. Ehe sie es sich versah, wurde Fidelma von starken Händen gepackt und ohne Umschweife auf das Pferd hinter einen der Krieger gehievt. Es war nicht nötig, die grob hingeworfenen Wörter im Einzelnen zu verstehen, sie wusste auch so, dass es darum ging, sich festzuhalten. Gleich darauf ritt er los; sie konnte sich nur noch mit einem raschen Seitenblick vergewissern, dass man mit Bruder Eolann in der gleichen Weise verfuhr.

Es wurde ein endloser Ritt. Fidelma verlor jede Vorstellung von Zeit und Ort. So viel bekam sie immerhin mit, dass es später Nachmittag war, auch dass der Trupp auf einem verhältnismäßig ausgetretenen Weg an einem Hang entlangtrabte. Unter ihnen lag ein Tal, das von einem breiten Fluss durchquert wurde. Es ging weiter bergab, bis sie unterhalb eines steilen Felsmassivs eine kleine Siedlung erreichten. Auf dessen oberster Spitze mit guter Sicht auf die Siedlung erhob sich eine aus Bruchsteinen gemauerte Festung mit einem mächtigen viereckigen Turm. Dort hinaufzugelangen, hielt Fidelma zunächst für unmöglich, aber schon bald arbeiteten sie sich auf einem Zickzackpfad nach oben. Was immer für ein Gebäude es auch sein mochte, es war eindeutig, dass die Krieger mit ihren Gefangenen just dorthin wollten.

Oben angelangt, standen sie vor hohen Mauern, in die zwei große dunkle Torflügel aus Eichenholz eingelassen waren, die genug Raum boten, um Männern zu Pferde Zugang zu gewähren. Von den Mauern spähten Krieger herab. Einer aus Fidelmas Trupp zog ein Jagdhorn hervor und ließ zwei kurze Töne, gefolgt von einem langen, erschallen. Sofort öffneten sich die Tore, man ritt hinein und blieb auf einem kleinen Hof stehen.

Hände griffen zu und zerrten Fidelma vom Pferd. Um sich herum nur raue Männergesichter, einige grinsend, andere, die sie anschrien, ohne dass sie ein Wort verstand. Dann befahl jemand etwas, und gleich darauf zerrte man ihr brutal den Mantelsack vom Rücken, das marsupium am Gürtel aber ließ man ihr. Einer der Krieger, die sie gefangen genommen hatten, kam heran, griff sie am Arm und schob sie durch die gaffende Menge zu den Gebäuden, die sich an die Mauern lehnten. Fidelma gelang es, einen Blick nach oben zu einem Balkon zu werfen, der in den Innenhof ragte. Zwei Männer standen dort und verfolgten das Geschehen. Zwei große Männer in langen schwarzen Umhängen. Allem Anschein nach Krieger. Einer der beiden hatte die linke Seite des Umhangs hochgeschlagen, so dass ein Abzeichen auf seiner Schulter sichtbar wurde. Trotz der Entfernung war sich Fidelma sicher, das flammende Schwert mit dem Lorbeerkranz zu erkennen. Sie stolperte und kam fast zu Fall, als ihr mit Schrecken aufging, dass sie den Männern, die Magister Ado in Genua überfallen hatten, verdammt ähnlich sahen, denselben, die ihnen auch aufgelauert hatten, als sie ins Tal der Trebbia einritten. Und eben die hatte sie auch geglaubt, auf Radoalds Festung im Mondlicht gesehen zu haben.

Sie schaute sich kurz um und konnte sich vergewissern, dass Bruder Eolann unmittelbar hinter ihr war. Also schien man sie wenigstens nicht zu trennen. Und so war es auch, eine Tür ging auf, und sie wurde ohne Umschweife in einen Raum gestoßen. Bruder Eolann prallte gegen ihren Rücken, so dass er fast auf sie fiel. Die Tür wurde zugeschlagen, und sie hörten nur noch, wie man von außen knirschend einen Holzriegel vorschob, um sie in sicherem Gewahrsam zu wissen.

Ein einziges Fenster ziemlich weit oben, ein beträchtliches Stück über Kopfhöhe, gab dem Raum etwas Licht. Vergittert war es nicht. Das Mobiliar bestand aus zwei einfachen Bettgestellen, einem Stuhl und einem Tisch. Bruder Eolann sank erschöpft auf eins der Betten, Fidelma aber griff sich den Stuhl, ging zum Fenster, stellte ihn darunter ab und kletterte hinauf, um hinaussehen zu können. Zuweilen erwies es sich als hilfreich, dass sie verhältnismäßig groß war. Dass das Fenster nicht vergittert war, hatte einen einfachen Grund. Es hätte wenig gebracht, es als Fluchtweg nutzen zu wollen – unten gähnte ein tiefer Abgrund. Sie kletterte wieder hinunter und setzte sich verzagt hin. Nicht einmal eine Öllampe hatte das Verließ.

»Hast du irgendeine Idee, bei wem wir hier gelandet sind?«, fragte sie schließlich.

Bruder Eolann zuckte mit den Schultern. »Dass sie vor frommen Brüdern und Schwestern nicht Halt machen, ist klar. Über die Täler diesseits der Berge weiß ich wenig, ich vermute aber, wir befinden uns auf dem Territorium des Seigneur von Vars.«

»Hält er diesem König Grimoald die Treue?« Sie musste an die beiden Männer mit dem Symbol des Erzengels Michael auf den Umhängen denken. Die Geschichte Bruder Eolann erklären zu wollen, hatte keinen Zweck.

»Ganz bestimmt nicht. Soviel ich weiß, stehen sich Trebbia und Vars feindselig gegenüber.«

»Hast du nicht gesagt, du würdest auf den Bergen hier ziemlich regelmäßig herumklettern und würdest dich deshalb so gut auf den Pfaden des – wie hieß er doch gleich – des Monte Pénas auskennen? Wieso bist du da völlig hilflos bei der Frage, wo wir uns jetzt befinden?«

»Ich habe die Berge sehr wohl erklommen, aber ich habe mich immer auf der Seite gehalten, die auf das Tal der Trebbia blickt. Man hat mich stets ermahnt, vorsichtig zu sein, immer hieß es, dass im Norden und Osten die Länder liegen, die ursprünglich Perctarit den Treueeid geleistet hatten. Selbst wenn sie Grimoald nicht hassen sollten, sind schließlich auch sie Anhänger des Arius und haben folglich nichts mit den Brüdern von Bobium im Sinn.«

»Und zu welcher Seite neigen sie?«

»Zu der einen oder anderen oder auch beiden, einen Unterschied macht das nicht.«

»Und du hast keinerlei Ahnung, wo wir hier sind?«

»Ich würde denken, der Fluss ist die Staffel, jedenfalls heißt er so im Langobardischen, auf Latein ist es die Iria. Wir müssten oberhalb der alten Salzstraße nach Genua sein.«

»Solange wir nicht wissen, mit wem wir es hier zu tun haben und was man von uns will, können wir nichts weiter unternehmen. Raus kommt man hier wohl nur durch die Tür.«

Bruder Eolann stöhnte. »Hoffentlich bringen sie uns bald was zu essen und trinken. Wir sind fast den ganzen Tag unterwegs gewesen und seit heute früh ohne jeden Bissen geblieben.«

Fidelma fiel ein, dass die Verpflegung, die sie mitgenommen hatten, in ihren Umhängetaschen steckte. »Haben sie dir auch den Mantelsack weggerissen?«, fragte sie.

»Ja. Da war noch Zwieback, Käse und Obst drin. Nun sitzen wir ohne alles da.«

Sie lächelte matt. Wenigstens das marsupium hatte sie noch, wenn da auch nichts zu essen drin war. Dafür aber der ciorr bholg, die Kammtasche, ein kleines Täschchen, das alle Frauen von Rang in Hibernia stets bei sich trugen. Im Allgemeinen befanden sich darin ein scathán, ein kleiner Spiegel, eine deimess, eine Schere, ein Stück Seife, und Fidelma hatte auch ein Fläschchen mit Geißblattduft darin verstaut. Die meisten Frauen in Hibernia hatten sogar ein Fläschchen mit Beerensaft bei sich, um die Lippen rot anzumalen oder die Augenbrauen nachzudunkeln, wie es dort der Brauch war. Fidelma verzichtete auf dergleichen.

Jetzt ging es ihr aber nicht um ihre Toilettenartikel, sondern um die Goldmünze, die sie klugerweise eben da verborgen hatte. Im gleichen Moment kam ihr ein schrecklicher Gedanke. »Könnten es die Krieger, die uns hierher verschleppt haben, gewesen sein, die Freifrau Gunora ermordet haben?« Bruder Eolann horchte alarmiert auf. »Was für einen Grund sollten sie sonst gehabt haben, ausgerechnet dort herumzulungern?«