Ihr Gefährte war deutlich beunruhigt. »So etwas wie heute habe ich noch nie erlebt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wer diese Männer sind und was sie im Schilde führen. Die Festung, auf der wir uns befinden, muss einem Kriegsherrn gehören. Aber wie gesagt, die Gegend hier ist mir fremd. Wie sollen wir uns jetzt verhalten?«
»Wir können nur warten, bis unsere Widersacher den nächsten Zug machen.«
»Wir können doch nicht einfach herumsitzen und hoffen, dass sie uns etwas zu essen bringen«, sagte Bruder Eolann verzweifelt.
Fidelma sah ihn mitleidig an. »Hat man dich nie dercad gelehrt?«
Dercad war eine alte Form der Meditation, die etliche Kirchenführer ablehnten, weil sie zu Zeiten praktiziert wurde, ehe der christliche Glaube die Ufer der fünf Königreiche in Éireann erreichte. Es war eine Methode, den Geist zur Ruhe zu bringen, ruhig wie das Wasser in einem dunklen Gebirgssee, sich von dem Durcheinander von Gefühlen und Furcht, der schlimmsten aller Gefühle, zu befreien.
»Natürlich hat man es mich gelehrt. Aber was soll uns das jetzt bringen?«
»Das einzig Sinnvolle, das wir jetzt tun können, ist, unseren Geist von nutzlosen Spekulationen und Angst zu befreien.«
Fidelma setzte sich im Schneidersitz auf das andere Bett, die Hände faltete sie im Schoß. Dann schloss sie die Augen und begann langsam und tief ein-und auszuatmen.
Bruder Eolann schmollte eine Weile, zuckte dann die Achseln und tat es ihr gleich.
Wie viel Zeit darüber hinging, ist schwer zu sagen. Aber es war dunkel geworden. Von ferne vernahmen sie Geräusche, Gelächter, Rufe und Stimmen. Dann hörten sie plötzlich, wie draußen der Riegel zurückgeschoben wurde. Jemand stieß die Tür auf. Im Nu öffnete Fidelma die Augen und veränderte ihre Position. Auch Bruder Eolann regte sich und blickte schläfrig umher – über dem Meditieren war er tatsächlich eingeschlafen.
Ein Mann kam herein, setzte stumm eine brennende Öllampe auf dem Tisch ab und verschwand wieder. Gleich darauf erschien ein zweiter Mann mit einem Krug und irdenen Bechern, auch die wurden schweigend auf den Tisch gestellt. Dann tauchte der Erste wieder auf, diesmal mit Holztellern, auf denen Brot, kaltes Fleisch, Käse und Obst lagen. Er wollte sogleich wieder verschwinden, aber Fidelma hielt ihn zurück.
»Warte! Wer bist du? Was habt ihr mit uns vor?«
Sie hatte ihre Fragen auf Latein gestellt und wollte Bruder Eolann gerade bitten, ihre Worte zu übersetzen, als ihr eine tiefe Stimme antwortete.
»Schön ruhig, kleine Schwester. Zu gegebener Zeit wirst du alles erfahren.«
In der Tür stand ein Riese von Mann, seine stämmige Figur füllte fast den ganzen Türrahmen aus. Man hätte ihn als fettleibig bezeichnen können, aber beim näheren Hinsehen wurde man eines Besseren belehrt – er war ein einziges Muskelpaket. Er hatte dichtes schwarzes, krauses Haar und dunkle Augen, die im Widerschein des Lampenlichts unstet zuckten.
»Wer bist du?«, wiederholte Fidelma ihre Frage.
»Ich bin Kakko, kleine Schwester.«
»Und ist das hier deine Festung?«
Der Riese warf den Kopf zurück und brach in schallendes Gelächter aus, als hätte sie etwas ausgesprochen Komisches gesagt. Bruder Eolann starrte derweil verlangend auf den Tisch mit Essen und Trinken und vermochte sich nur mit Mühe zurückhalten. Fidelma konnte auf ihn keine Rücksicht nehmen, sie musste die Gelegenheit nutzen, etwas über ihre prekäre Lage in Erfahrung zu bringen.
»Was habe ich Lächerliches gesagt?«, fragte sie kühl.
»Ich bin nur der Verwalter hier, kleine Schwester.«
»Wem also gehört die Festung?«
»Festung und Territorium entlang des Tals gehören meinem Herrn.«
Fidelma unterdrückte ein ungeduldiges Stöhnen. »Und wer ist dein Herr?«
»Seigneur Grasulf, Sohn von Seigneur Gisulf.«
Sie schaute fragend zu Bruder Eolann, der aber schüttelte nur den Kopf und gab ihr so zu verstehen, dass ihm der Name nichts sagte.
»Und wer genau ist Grasulf?«
Kakkos dunkle Augen weiteten sich erschrocken. »Du weißt nicht, wer der Seigneur von Vars ist?«
»Wir sind fremd hier.«
»Fremd?«
»Wir sind aus Hibernia. Ich bin erst seit ein paar Tagen in diesem Land, und deine Krieger haben mich und meinen Gefährten entführt.«
Der Dicke blickte nachdenklich von Fidelma zu Bruder Eolann und wieder zu ihr. »Wer seid ihr?«
»Ich bin Fidelma und er ist Bruder Eolann, der scriptor in Bobium.«
Jetzt blieb sein Blick an Bruder Eolann haften. »Schau mal einer an, aus Hibernia? Von der Sorte gibt es viele hier. Vielleicht zu viele. Genau die haben ja ursprünglich Bobium begründet.«
»Ich betone noch einmaclass="underline" Ich bin erst seit wenigen Tagen in eurem Land und gedenke nicht lange zu bleiben. Ich weiß nicht, weshalb man mich gefangen genommen hat, verlange aber meine Freilassung.«
Wieder machte der Verwalter große Augen und betrachtete sie mit breitem Grinsen. Er schien leicht zu Späßen aufgelegt.
»Du verlangst? Lustig, ich werde es Seigneur Grasulf bei seiner Rückkehr ausrichten.«
»Bei seiner Rückkehr? Rückkehr von wo?«
»Mein Herr ist auf Wildschweinjagd. Wir erwarten ihn nicht vor morgen zurück.«
»Auf wessen Geheiß habt ihr uns dann entführt?«
»Jeder Fremde, der unser Territorium betritt, wird festgehalten und verhört«, erklärte ihr Kakko.
Endlich fühlte sich Bruder Eolann bemüßigt, einzuhaken. »Seit wann gehört das Tal von Trebbia zum Territorium deines Herrn? Seigneur Radoald von Trebbia ist der Herrscher hier.«
»Ihr habt euch auf dem Monte Pénas bewegt«, betonte der Verwalter.
»Aber auf der anderen Seite des Bergs, zur Trebbia hin. Wir haben das Heiligtum des Colm Bán besucht, als eure Krieger uns gefangen nahmen«, versuchte er richtigzustellen.
Den Verwalter rührte sein Protest wenig. »Du kannst deine Beschwerde Seigneur Grasulf persönlich vortragen, wenn er wieder da ist.«
»Was befürchtet eigentlich dieser Seigneur Grasulf?«, fragte Fidelma.
Kakko runzelte die Stirn. »Wer sagt, mein Herr würde etwas befürchten?«, zischte er.
»Irgendetwas muss er doch befürchten, sonst würde er ja nicht anordnen, Fremde gefangen zu nehmen und zum Verhör herzubringen, selbst wenn sie sich nicht auf seinem Herrschaftsgebiet aufhalten.«
»Du bist eine hartnäckige Person, kleine Schwester«, stellte Kakko fest und blieb gutgelaunt. Er zeigte auf das Essen auf dem Tisch. »Ihr habt noch nichts gegessen. Ihr seid Gäste meines Herrn, und er wäre sehr ungehalten, wenn wir euch nicht anständig behandeln.«
»Dann wird dein Herr enttäuscht sein, denn anständig behandelt worden sind wir mitnichten. Angefangen hat es mit der Gefangennahme und dem Verschlepptwerden, dann hat man uns die Mantelsäcke weggenommen. Ich bestehe darauf, dass man sie uns wieder aushändigt, wenn wir hier die Nacht verbringen müssen.«
Kakko machte eine Handbewegung, die man fast als Resignation hätte deuten können.
»Ich werde dafür sorgen, dass ihr sie wiederbekommt. Wir mussten uns vergewissern, dass ihr weder Waffen noch Geheimbotschaften bei euch trugt.« Fidelmas empörtes Gesicht brachte ihn zum Schweigen.
»Sowie dein Herr zurückkehrt, wünsche ich ihn zu sprechen – ist das klar?«
Kopfschüttelnd machte Kakko Anstalten zu gehen. »Du bist mehr als nur eine Nonne, Schwester«, sagte er ruhig. »Dein Auftreten verrät dich.« Dann war er fort und schloss von außen die Tür. Wieder wurde der Holzriegel an seinen Platz gerückt.
»Ich glaube nicht, dass du dich sehr klug verhalten hast, Lady«, murmelte Bruder Eolann mit vollem Mund. »Ich hatte dich gewarnt, du solltest Rang und Würden verschweigen.«