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»Hab ich auch getan«, verteidigte sie sich.

»Es ist, wie es der Mann gesagt hat. Dein Auftreten hat dich verraten. Eine einfache Glaubensschwester würde sich nie so durchzusetzen versuchen.«

»Hattest du nicht behauptet, du hättest nie etwas von diesem Grasulf gehört?«

»Das stimmt auch, aber von dem Seigneur von Vars wusste ich. Ich habe ja gesagt, dass ich den Verdacht hegte, wir befänden uns auf seinem Territorium.«

»Hast du irgendeine Ahnung, was für ein Mensch er ist?«

»Ich weiß nur so viel, dass er und der Seigneur von Trebbia verfeindet sind.«

»Glaubst du, dass die Geschichte mit dem Ausspähen und Verhören von Verdachtspersonen wahr ist?«

»Ich kann nur wiederholen, dass es in dem Land große Spannungen gibt. Nicht umsonst hat Freifrau Gunora mit dem jungen Prinzen Zuflucht in der Abtei gesucht, sie glaubte nicht, dass man Grimoalds Regenten, Lupus von Friuli, trauen konnte. All das passt ins Bild. Angst geht um im Land.«

»Den Eindruck habe ich auch. Was aber, wenn es diese Leute hier sind, die Freifrau Gunora umgebracht haben? Und wenn ja, was haben sie mit dem Jungen gemacht?«

»Wir können nur beten, dass wir morgen mehr erfahren«, erwiderte Bruder Eolann.

»Morgen?«

»Wenn du auf Grasulf triffst. Das heißt, falls der Seigneur von Vars deinem Wunsch entspricht, ihm unverzüglich nach seiner Rückkehr von der Wildschweinjagd vorgeführt zu werden.« Er lächelte müde.

KAPITEL 12

Gegen Mittag wurde der Holzriegel abermals aus der Halterung geschoben. Kakko, der Verwalter, erschien. Sein massiger Körper versperrte den Eingang und ließ das helle Sonnenlicht hinter ihm im Hof nur ahnen.

»Du kommst gefälligst mit, kleiner Bruder«, dröhnte er und mit einem Blick zu Fidelma, »und du bleibst schön hier.«

Nur zögernd stand Bruder Eolann auf und begab sich zur Tür.

»Wieso er und nicht ich?«, wollte Fidelma wissen.

Kakkos Grinsen wurde breiter. »Schon wieder eine Frage? Ständig diese Fragerei! Mein Herr nimmt sich vielleicht später die Zeit, dich zu empfangen. Im Augenblick wünscht er nur den hier zu sehen.« Er wies mit dem Kopf zu Bruder Eolann.

Fidelma wäre es lieber gewesen, man hätte sie gemeinsam zu Grasulf vorgelassen, aber sie konnte an der Entscheidung nichts ändern. Die Zeit verging, frustriert wanderte sie in dem kleinen Raum auf und ab. Endlich kam der Verwalter wieder – ohne Bruder Eolann.

»Und jetzt, kleine Schwester, bist du dran«, verkündete er.

»Wo ist Bruder Eolann?«

»Er ist vergnügt und munter. Auf geht’s, kleine Schwester. Hier lang.«

Sie musste sich mit seinen kargen Auskünften begnügen und war bemüht, alle Befürchtungen zurückzudrängen. Stumm folgte sie ihm. In ihrem Verließ war es empfindlich kühl gewesen, umso mehr überraschte sie die Wärme draußen, zumal die hochstehende Sonne den kleinen Innenhof aufheizte. Kakko ging ihr in einem für sein Gewicht erstaunlichen Geschwindschritt voran über den gepflasterten Hof. Fidelma konnte sich sein Tempo nur damit erklären, dass der Riese gut durchtrainiert war.

Weiter hinten führte ein Durchgang in einen anderen Hof, an dessen einem Ende zwei Türflügel, die halb offen standen, von Kriegern bewacht wurden. Neugierig starrten sie Fidelma an, als sie und Kakko an ihnen vorbei und hineingingen. Der Raum, den sie betraten, erwies sich als eine Art Vorzimmer, denn von dort gelangten sie in eine große Halle. Derartige Räumlichkeiten waren Fidelma nicht fremd, sie dienten Herrschern und Stammesfürsten meist als Stätte traditioneller Festgelage. Sie fühlte sich auch sogleich in ihrer Annahme bestätigt, denn an einer Seite stand leicht erhöht ein kunstvoll gearbeiteter Stuhl. Zu beiden Seiten der Rückenlehne saßen zwei große geschnitzte Vögel, bei genauerem Hinsehen erkannte sie sie als Raben. In ihrem eigenen Land galten Raben als böses Omen, symbolisierten dort die Göttin über Tod und mörderische Schlachten. In unmittelbarer Nähe waren ein Tisch und kleinere Stühle gruppiert. Wandteppiche zeigten in farbigen Darstellungen kriegerische Szenen, und an den aus Ziegeln gemauerten Wänden hingen verschiedene Waffen. Fidelma war schon vorher aufgefallen, dass die meisten Gebäude hierzulande aus rötlichen Backsteinen bestanden, sie schienen das bevorzugte Baumaterial der Römer gewesen zu sein. Das machte einen völlig anderen Eindruck als die Bauten aus Steinblöcken und Holz bei ihr zu Hause. Die Halle bekam genügend Licht durch eine Reihe hoher Fenster, es war aber drinnen im Gegensatz zu der Hitze draußen verhältnismäßig kühl.

Auf den ersten Blick schien der Saal leer. Dann jedoch vernahm sie ein leises Knurren und bemerkte links und rechts von dem thronartigen Stuhl zwei Jagdhunde. Sie lagen mit erhobenem Kopf und ausgesteckten Vorderpfoten und beobachteten wachsam die beiden Besucher. Kakko machte noch einen Schritt in das Rauminnere und blieb dann stehen.

Aus einem offenen Durchgang betrat ein Mann den Saal, ging zu dem Prunksessel und ließ sich hineinfallen. Er war von beachtlicher Leibesfülle, doch wie der Verwalter sehr muskulös, was darauf hindeutete, dass er mehr ein Krieger als ein Mensch genüsslicher Lebensführung war. Groß war er nicht, eigentlich nur von durchschnittlicher Größe, und ein gutaussehender Mann war er auch nicht, zumindest nicht in Fidelmas Augen. Er hatte einen Vollbart und trug das blonde Haar lang. Soweit sie es überhaupt feststellen konnte, hatte er helle Augen und sah frisch und gesund aus. Sie schätzte ihn auf einen Mann in mittleren Jahren. Einen freundlichen Eindruck machte er auf sie nicht. Das bewies auch seine barsche Handbewegung, mit der er sie und den Verwalter unwillig heranwinkte.

Kakko kam der Aufforderung nach, blieb kurz vor dem Podest stehen, verbeugte sich und vergewisserte sich mit einem Seitenblick, ob Fidelma seinem Beispiel folgte. Sie tat es nicht. Sie blieb zwar neben ihm stehen, sah aber den Seigneur nur herausfordernd an.

»Das ist die Person, die sich Fidelma nennt, mein Lord«, erklärte Kakko.

Die blassen Augen ruhten auf Fidelma.

»Man sagt mir, du seiest eine fromme Schwester aus Hibernia«, fing der Mann auf Latein an und sprach es fließend, als wäre es seine Muttersprache.

»Und du bist …?«, gab sie kühn zurück. Seine anmaßende Art brachte sie auf.

Kakko hielt vor Schreck den Atem an – wie konnte sie sich erdreisten, seinem Herrn nicht die nötige Demut zu zeigen? Dessen Augen weiteten sich etwas, dann hob er träge die Hand und gab seinem Verwalter zu verstehen, er solle für ihn antworten.

»Du stehst vor Grasulf, dem Sohn des Gisulf, Seigneur von Vars«, verkündete er lautstark. »Es kommt einer Beleidigung gleich, sich nicht vor ihm zu verbeugen, selbst wenn du eine Fremde bist.«

»Seigneur von Vars?«, wiederholte Fidelma, als müsse sie sich über Rang und Titel klarenwerden, um gleich darauf kühl und mit Nachdruck zu erklären: »Dann sollst du, Grasulf, Sohn des Gisulf, wissen, ich bin Fidelma von Cashel, gelegen im Land Hibernia, Tochter des Königs Failbe Flann von Muman.«

Nur kurz starrte Kakko sie an und meinte dann mit bösem Grinsen: »Dachte ich mir doch gleich, so, wie sie auftritt, ist sie nicht nur eine Nonne.«

»Ist es der Tochter eines Königs verboten, Mitglied einer Schwesternschaft zu sein?«, gab sie kurz angebunden zurück und versuchte, eine Übersetzung für den Titel eines dálaigh zu finden. »Darüber hinaus wirke ich in meinem Land als procurator

Grasulf beugte sich vor und betrachte sie – neugierig geworden – unter zusammengezogenen Augenbrauen. »Prinzessin, Nonne und Rechtspflegerin, alles in einem? Das soll möglich sein?« Seine Stimme klang ironisch.

»Sehr wohl, alles in einem«, erwiderte sie kalt.

»Bring einen Stuhl für Fidelma aus Hibernia«, wies der Seigneur von Vars seinen Verwalter an. »Und dann hol Wein.«