Kakko eilte durch den Raum und schaffte den Stuhl herbei.
»Mein Verwalter hatte recht, in dir eine Person von Rang und Namen zu vermuten«, sagte Grasulf. »Weshalb hast du ihm das verschwiegen?«
»Das, was er wissen musste, habe ich ihm gesagt, dass ich nur als Gast in eurem Land bin und ein paar Tage hier verbringe, um in der Abtei Bobium meinen alten Mentor zu besuchen.«
»Du meinst den Mann, mit dem du unterwegs bist, den scriptor von Bobium?«
»Nein, Bruder Eolann meine ich nicht. Er hat mir nur oben auf dem Monte Pénas die heilige Zufluchtstätte von Colm Bán gezeigt, wo uns deine Männer dann verschleppt haben.«
Kakko hatte den Stuhl neben ihr abgestellt, und sie machte es sich bequem. Dann ging der Verwalter zu einem Seitentisch und holte von dort zwei irdene Becher und eine große glasierte Karaffe mit Rotwein.
»Colm Bán?«, fragte Grasulf, denn er wusste mit dem Namen nichts anzufangen.
»Ihr nennt ihn hier Columbanus. Er hat die Abtei von Bobium gegründet.«
»Ach so, der. Von dem habe ich gehört, der ist schon lange tot. Und wen, wenn nicht den scriptor, hast du in Bobium besucht?«
»Bruder Ruadán, er ist erst vor kurzem gestorben.«
Kakko fühlte sich zu Erläuterungen verpflichtet. »Ich bin diesem Bruder Ruadán einmal begegnet, mein Herr. Er war schon ziemlich alt. Wanderte bis nach Placentia und predigte überall gegen den christlichen Glauben der Arianer.«
Lord Grasulf ließ sich von Kakko einen Becher Wein reichen und trank begierig, ehe er das Gespräch fortführte.
»Er ist tot, sagst du?«
»Ja«, bestätigte Fidelma. »Und jetzt verlange ich, dass man mich und meinen Gefährten, Bruder Eolann, freilässt, damit wir nach Bobium zurückkehren können und ich meine Reise in mein Heimatland fortsetzen kann.«
»Freilassen?« Grasulf lehnte sich zurück und sah sie verdrossen an. »So einfach geht das nicht, edle Dame. Wir leben in unruhigen Zeiten, und die Menschen sprechen nicht immer die Wahrheit. Wer will da schon wissen, was dich und deinen Gefährten tatsächlich auf den Pénas getrieben hat, von wo man das Tal bestens überblickt? Vielleicht habt ihr herumspioniert?«
Trotzig reckte Fidelma das Kinn. »Ich habe dir die Wahrheit gesagt. Es verhält sich so und nicht anders.«
»Wir werden ja sehen.«
»Ich verwahre mich …«
»Wogegen, edle Dame? Ich bin der Seigneur von Vars, und du hast niemanden hier, der dich vertreten kann, weder aus angeborenem Recht noch vom Gesetz oder deiner Religion her.«
»Nicht von meiner Religion her? Darf ich das so verstehen, dass ihr hier alle Anhänger des Arius seid?«
Zum ersten Mal verzog sich Grasulfs Gesicht zu einem breiten Grinsen, während Kakko wieder sein brüllendes Gelächter losließ. Ehe Grasulf sich zu einer Antwort anschickte, nahm er einen weiteren gewaltigen Schluck Wein, woraus Fidelma schloss, dass er dem Trinken nicht abgeneigt war.
»Edle Dame, wir sind echte Langobarden und haben unseren eigenen Glauben. Wir verehren Godan, den Vater aller Götter, König von Asgard, Herrscher der Asen, Herr über Krieg, Tod und Wissen. Er ist unser wahrer Gott und Beschützer.«
Ohne dass sie es wollte, hielt Fidelma erschrocken den Atem an. »Dann seid ihr also Heiden?«
»Wir haben nur einen anderen Gott als ihr.«
Es dauerte einen Augenblick, bis sie die Auskunft in sich aufnahm.
»Wie lange gedenkst du uns hier gefangen zu halten?«, fragte sie dann. »Und wo ist Bruder Eolann? Ich hoffe, ihm ist nichts geschehen.«
»Mach dir keine Sorgen«, erklärte Kakko fröhlich. »Mein Herr hat ein kleines scriptorium, und just dort befindet sich auch dein Gefährte. Der scriptor meines Herrn ist vor einigen Monaten gestorben, und seitdem hat sich niemand mehr um die Bücher gekümmert.«
»Demnach habt ihr die Absicht, uns auf unbestimmte Zeit festzuhalten?«
»Bis ich mich vergewissert habe, dass ihr keine Bedrohung darstellt.«
»Bedrohung für wen?«
»Eine Bedrohung für den Frieden und das Wohlergehen meiner Leute.«
»Wen fürchtest du, Grasulf, doch wohl nicht eine harmlos umherwandernde Frau und einen scriptor?«, höhnte sie. »Eher könnte es dieser Perctarit oder auch Grimoald sein, die wegen des Königtums hier in Streit liegen.«
»Ich habe keinen Grund, weder den einen noch den anderen zu fürchten«, erwiderte er gleichmütig. »Ich halte zu dem, der gut zahlt.« Er gönnte sich einen weiteren Schluck, merkte aber gleichzeitig, dass Fidelmas Becher noch so gut wie unberührt war. »Du trinkst ja gar nicht, edle Dame. Magst du den köstlichen Traubensaft nicht?«
»Ich mag die Freiheit weit mehr. Wenn man mich und meinen Gefährten hier länger als Gefangene hält, appelliere ich an deine Ritterlichkeit, uns fortan nicht in das muffige Verließ zu schließen.«
Jetzt war auch Grasulf versucht zu lachen. »Was schwebt dir vor? Dass ich euch außerhalb der Mauern meiner Burg frei herumlaufen lasse?«
»Wir werden die Grenzen deiner Burg respektieren. Wir brauchen aber einen Ort, wo Geist und Körper Ruhe haben – ein herbarium, ein grünes Plätzchen, wo wir entspannen können und der Geist Anregung findet. Gönn uns ein wenig Freiheit außerhalb von Zellen und Bibliotheken. Ich bitte darum als Tochter eines Königs in meinem Land, denn gewiss gilt auch bei euch der Grundsatz, solange ein König in seinem eigenen Königreich stark und unangefochten ist, sollte er anderen seinen Respekt zollen. Du hast vorhin selbst gesagt, dass du in deinem Territorium stark und unangefochten bist, folglich erwarte ich, dass du entsprechend handelst.«
»Bei uns gilt der Grundsatz, nicht erst warten, bis die Küken geschlüpft sind, lieber die Eier festhalten, mit anderen Worten, übertriebene Vorsicht schadet nichts.« Er drehte sich zu Kakko, redete in der Sprache der Langobarden hastig auf ihn ein, wedelte ihn mit einer flüchtigen Handbewegung fort und füllte sich erneut den leeren Becher.
Fidelma war sich unsicher – sollte sie nach Freifrau Gunora fragen, ob seine Männer sie getötet hatten und ob der junge Prinz hier auf der Festung gefangen gehalten wurde? Doch sie ließ davon ab, sie musste erst mehr in Erfahrung bringen. Wenn der Seigneur von Vars die Freifrau Gunora tatsächlich ermordet und den Knaben entführt hatte, würde er auch keine Gewissensbisse haben, sie und Bruder Eolann umzubringen. Auch beschäftigte sie der Gedanke an die beiden Männer, die das Symbol eines flammenden Schwerts im Lorbeerkranz trugen und die sie tags zuvor gesehen hatte. Wenn es die gleichen waren, die Magister Ado überfallen hatten, was suchten sie dann in einer Festung von Heiden? Das und vieles mehr ging ihr durch den Kopf.
Kakko führte sie nicht in das Verließ zurück, sondern nahm einen anderen Weg. Beim Überqueren des kleinen Innenhofes gluckste er immer noch vergnügt vor sich hin.
»Du hast meinen Herrn beeindruckt, kleine Schwester. Morgens wirst du deine Zelle verlassen dürfen und erst abends dorthin zurückkehren. Den Tag über wirst du in der Bibliothek verbringen. Gleich daneben gibt es ein kleines Freigelände, wo du dich ein wenig bewegen kannst. An dessen hinterem Ende findest du eine Tür, da geht es zum necessarium.« Er warf ihr einen vielsagenden Blick zu. »Gib dich nicht falschen Hoffnungen hin, kleine Schwester. Auf drei Seiten ist das Gelände von Festungsmauern umgeben, und die vierte Seite … na ja, wenn du Flügel hättest wie Huginn und Muninn, dann könntest du wegfliegen.«
»Flügel wie wer?«
»Hast du nicht die geschnitzten Raben auf dem Stuhl meines Herrn gesehen? Das sind Huginn und Muninn, die Raben, die unseren großen Gott Godan bewachen.«
Fidelma ersparte sich eine Antwort. Schon arbeitete in ihr der Gedanke, dass es vielleicht doch eine Chance zur Flucht gab, wenn man sie nicht länger in dem kleinen Raum festhielt, in dem man Platzangst bekam. Sie gingen über den großen Hof, den sie schon kannte, aber in eine andere Richtung.