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»Du hattest versprochen, uns die Mantelsäcke zurückzugeben. Da sind persönliche Dinge drin, die wir gerne hätten, um uns den Aufenthalt hier etwas angenehmer zu gestalten. Man weiß ja nicht, wie lange sich der hinziehen wird.«

Kakko grinste. »Kein Problem. Ihr bekommt sie zurück.«

Er öffnete eine Tür in einem Eckturm. Gleich dahinter bogen sie nach links ab, und dort führten Türen aus dunklem Holz in einen großen Raum, in dessen Mitte ein langer Tisch stand. Ringsum an den Wänden waren Regale, vollgepfropft mit Buchrollen und Bänden. Fidelma schaute sich um. Von zu Hause war sie weit größere Bibliotheken gewohnt, in denen die Handschriften in Buchtaschen an Haken hingen und nicht in Regale gezwängt waren. Am Tisch saß Bruder Eolann, in eine Schriftrolle vertieft. Er blickte auf und war mit sich und der Welt sichtlich zufrieden.

»Es ist fürwahr erstaunlich, Lady«, begrüßte er sie, blieb sitzen und tippte auf die dicke Schriftrolle.

»Erstaunlich nenne ich etwas anderes«, erwiderte sie. Ihre Augen wanderten zu den hohen Fenstern, die etwas Tageslicht hereinließen; aber um dabei lesen zu können, reichte es nicht. Es gab Kerzen und auch eine Öllampe, und überall lagen Schreibutensilien herum. Am hinteren Ende hatte die Bibliothek noch eine zweite Tür.

»Wenn du dort hinten hinausgehst, findest du eine ziemlich große Fläche, die oft für sportliche Übungen genutzt wird«, erklärte ihr Kakko. »Nur möchte ich dich warnen, nicht zu nahe an den Rand zu gehen, denn bis ins Tal hinunter ist es ganz schön tief.« Er grinste, ging und sperrte hinter sich die Tür mit einem Schlüssel zu.

»Mit ›erstaunlich‹ habe ich das hier gemeint, Lady.« Bruder Eolann zeigte erneut auf die Schrift, die ihn fesselte, Kakkos Bemerkung war ihm entgangen.

Fidelma war damit beschäftigt, die quasi Haftbedingungen der Bibliothek eingehender zu betrachten, und fragte mehr nebenbei: »Was hast du denn da Besonderes entdeckt?«

»Origo gentis Longobardorum.«

»Der Ursprung der Langobarden?«

»Genau. Der Titel war mir nicht unbekannt, aber das Werk als solches habe ich noch nie in Händen gehabt. Man erfährt daraus, wie die Götter Godan und Freda die Langobarden von ihren unrühmlichen Herrschern befreit haben, so dass sie gen Süden ziehen und sich das Land hier zu eigen machen konnten.«

»Ein ziemlich altes Buch also.« Sie war immer noch mehr auf die neue Umgebung fixiert.

»Älter als zwanzig Jahre wohl nicht. König Rothari soll die Sagen zusammengetragen haben, der Großvater von Godepert und Perctarit.«

»Schon wieder dieser Perctarit?«

»Ja. Ebender, der alles daransetzt, den Thron zurückzuerobern. Rothari starb vor zwölf Jahren und hat darauf gedrungen, dass das Buch zustande kommt ebenso wie das Edictum Rothari, die erste Niederschrift der Gesetze der Langobarden.«

Fidelma stöhnte ungehalten. »Ganz ehrlich, Bruder Eolann, all die fremden, kaum auszusprechenden Namen machen mich vollkommen wirr. Ich sehne mich nach dem Wohllaut unserer Sprache in Muman. Doch zurück zu den entscheidenden Dingen. Wie ist man dir begegnet? Hat man dich bei der Befragung in irgendeiner Weise grob behandelt?«

»Grob behandelt? Ach, du meinst Grasulf. Nein, er hat mir nichts getan. Er stellte allerlei Fragen, wollte wissen, was wir im Einzelnen gemacht haben. Und dann hat er mich hierher geschickt.« Er blickte auf die Schriftrolle vor sich. »Das erstbeste Buch, das mir vor Augen kam, war das hier. Und ich muss gestehen, sofort habe ich mich gefragt, haben wir es in unserer Bibliothek in der Abtei oder nicht?«

Fidelma wanderte forschend durch den Raum. »Wir sollten uns besser von Ausmaß und Grenzen unseres Gefängnisses ein Bild machen«, schlug sie vor und ging zur Tür, auf die Kakko verwiesen hatte. Hast du dich schon mal draußen umgeschaut?«

Betroffen schüttelte Bruder Eolann den Kopf. Sie öffnete die Tür und trat ins Freie auf eine Terrasse. Auf drei Seiten ragten Burgmauern empor, die vierte hingegen gab den Blick frei auf Berge und Himmel in der Ferne. Eine niedrige, gemauerte Einfassung verhinderte einen versehentlichen Absturz in die Tiefe. Vereinzelt standen Pflanzen in Kübeln herum und verliehen dem graugepflasterten Boden ein wenig Farbe.

Außer der Tür, durch die sie aus der Bibliothek nach draußen gelangt waren, gab es noch eine weitere, die aber, von der Terrasse aus gesehen, keine Klinke hatte. Fidelma steuerte auf sie zu und stemmte sich dagegen. Sie war genauso stabil gebaut wie die Mauer und von innen zugesperrt und verriegelt. Prüfend schaute sie in die Höhe. Es gab zwar ein paar hohe Fenster, aber selbst von dort oben hätte man nicht mehr sehen können. So viel stand fest – sie waren von allen Seiten umzingelt.

Fidelma ging noch einmal zur Brüstung, Bruder Eolann tat es ihr nach. Ein Blick in die Tiefe belehrte sie, dass die Felswand steil nach unten ins Tal ging. An sich waren Berge und Höhenunterschiede nichts Ungewöhnliches für sie, aber das hier machte sie schwindlig. Sie holte tief Atem und trat einen Schritt zurück.

»Es sind schätzungsweise fünfhundert Fuß bis zum Talgrund«, vernahm sie hinter sich eine bekannte Stimme, die das in Latein sagte.

Jäh drehte sie sich um. Grasulf, Seigneur von Vars, stand in der für sie eben noch geheimnisvollen Tür.

»Eine beeindruckende Aussicht«, gab sie zu.

»Als Ausgang aus der Festung ist die Stelle dort nicht unbedingt zu empfehlen«, sagte Grasulf ernst. »Zumindest ist er nicht für unsere Gäste gedacht. Die niedrige Brüstung dient anderen Zwecken. Für alle, die versuchen, uns an der Nase herumzuführen oder Verbrechen zu verüben, die gegen uns gerichtet sind, will sagen Diebe und Mörder, ist es der direkte Weg, den Ormet zu überqueren und unmittelbar in den Armen der Göttin Hel zu landen.«

Fidelma verstand nicht recht. »Gewissermaßen eine Hinrichtungsstätte«, erläuterte Bruder Eolann. »Die Göttin Hel regiert über Helheim, ihre Unterwelt.«

»Dein Wissen imponiert mir, Bruder Eolann«, schmeichelte ihm der Seigneur von Vars. »Genau das habe ich gemeint. Ormet ist der Fluss, der Leben und Tod voneinander trennt. Aber wie gefällt euch meine kleine Bibliothek? Die ganze Zeit, seit mein scriptor gestorben ist, habe ich jemand gesucht, der Bücher schätzt und mit ihnen umzugehen versteht. Fast habe ich den Eindruck, die Schicksalsmächte haben euch zu mir geführt.«

»Wenn du mit Schicksalsmächten die Krieger meinst, die uns hierher verschleppt haben, könnte das so sein«, entgegnete Fidelma trocken. »Nur bezweifle ich, dass ich lange genug hier bin, um mich in deine Bücher zu vertiefen, Grasulf.«

Der Seigneur von Vars nickte befriedigt. »Ich habe es ewig nicht mehr mit einem geistreichen Menschen zu tun gehabt. Du wirst heute Abend mit mir speisen, ja, auch Bruder Eolann. Ihr könnt mir beim Mahl über das Leben jenseits dieser Täler berichten. Ich schicke euch Kakko, der wird euch zu mir bringen. Bis dahin überlasse ich euch meinen Büchern.«

Er wandte sich um und verließ sie auf dem gleichen Weg, den er gekommen war. Sie hörten, wie die Tür von der anderen Seite verriegelt wurde.

Fidelma ging noch einmal zur Brüstung.

»Was hast du vor?«, fragte Bruder Eolann besorgt.

»Will nur mal sehen, wie der Weg in den Höllenschlund tatsächlich aussieht«, gab sie zurück.

Sie blieb etliche Minuten dort stehen und tastete mit den Augen den schwindelerregenden Abfall zum Talgrund ab. Danach begab auch sie sich in die Bibliothek, wo Bruder Eolann schon wieder über die Schriftrolle gebeugt saß, die es ihm so angetan hatte. Missbilligend sah sie ihn an, waren doch ihre Gedanken mehr auf etwaige Fluchtmöglichkeiten konzentriert. Dann aber fielen ihr die merkwürdigen Geschehnisse in der Bibliothek von Bobium ein, und sie ging zu den Regalen.

»Hattest du mir nicht von irgendwelchen Büchern aus deiner Bibliothek erzählt, die man mutwillig beschädigt hat?«