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»Das stimmt. Du hast ein waches Ohr und ein gutes Gedächtnis.«

»Ich kann nur wiederholen, zu meiner Ausbildung gehört es, sehen zu lernen und Dinge zu behalten.«

»Wie wurde er geschlagen?«, fragte Bruder Eolann. Er schien besorgt.

»Lupus, wie du weißt, hatte sich entschlossen, gegen Grimoald aufzustehen und sich für Perctarit entschieden. Grimoald schloss ein Abkommen mit Khagan, dem Khan Kubrat …«

»Die Namen sagen mir gar nichts«, unterbrach ihn Fidelma gereizt.

»Khagan herrscht über die Awaren, die nördlich und östlich von uns angesiedelt sind, in den Gebieten, die früher unter dem Namen Illyria bekannt waren. Sie sind in unsere Gebiete eingefallen und wollten Lupus bezwingen. Der Reiter, den du gesehen hast, überbrachte die Nachricht, Lupus hätte sich mit seinen Kämpfern vier Tage lang in Friuli gegen die Awaren gehalten. Er erlag ihnen, ist tot, und seine Truppen sind vernichtet beziehungsweise in alle Winde verstreut.«

»Das ist doch dann aber ein gutes Zeichen für Grimoald, oder?«, schlussfolgerte Fidelma.

»Nur, wenn der Khan das Abkommen respektiert. Im Augenblick ist das gesamte Tal des Padus gegen einen Vormarsch der Awaren ungeschützt. In der Hinsicht könnte Grimoald einen Fehler gemacht haben. Grimoald war Richtung Süden gezogen, um gegen die Byzantiner zu kämpfen. Also bewegt er sich jetzt auf dem Rückzug nach Norden. Es heißt aber, Perctarit steht mit seinen fränkischen Verbündeten bereits nördlich von Mailand, und das ist nicht weit von hier. Blut, Feuergewalt und Plündereien überziehen das Land. Wir müssen auf der Hut sein. Das ist der Grund, weshalb Fremde angehalten und befragt werden.«

»Das alles hat aber nichts mit mir zu tun und gibt keinen Anlass, mich und meinen Landsmann auf deiner Festung gefangen zu halten. Du solltest uns in Frieden und sicheren Weges nach Bobium zurückkehren lassen.«

»Du bestehst hartnäckig auf deinem Anliegen, edle Dame. Aber ich habe mich noch nicht davon überzeugen können, dass ihr nicht eine Bedrohung für mich oder meine Leute darstellt.«

Kakko erschien mit zwei Bediensteten, die unter seiner Aufsicht begannen, den Tisch abzuräumen.

Grasulf erhob sich und erklärte mit einem halbherzigen Lächeln: »Ich hoffe, wir haben noch mehrfach die Gelegenheit zu einem anregenden Gedankenaustausch.«

»Ich wiederum hoffe, es bleibt bei dieser einmaligen Gelegenheit«, erwiderte Fidelma und stand ebenfalls auf.

Er lachte sarkastisch. »Du wiegst dich vergeblich in solch einer Hoffnung. Doch deine Kühnheit ist herzerfrischend, edle Dame. Bei uns gibt es die Redensart, Frauen haben eine spitze Zunge. Ich denke aber, ich kann mich da mit dir messen.«

»Auch wir haben eine Redensart: Ein Köter bellt da laut, wo er sich sicher fühlt.«

Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich zusehends, und zu Kakko gewandt, erklärte er: »Geleite unsere Gäste zu ihren Unterkünften.«

Der kraftstrotzende Verwalter ging auf sie zu und führte sie zu den Türen, die er vehement öffnete.

Ein großgewachsener Mann, angetan mit einem langen schwarzen Gewand, war im Begriff, die Halle zu betreten. Er hatte schlohweißes Haar, eine vorstehende Nase und dünne, blutleere Lippen. In seinen dunklen Augen erkannte man so gut wie gar keine Pupillen.

Er zuckte zusammen, als er Fidelma sah, und trat überrascht einen Schritt zurück.

Auch sie erkannte ihn.

Kakko war der Moment des gegenseitigen Erkennens entgangen, obwohl er sich umdrehte, um Bruder Eolann zum Weitergehen zu drängen. Fidelma und der scriptor leisteten ihm Folge, keiner verlor ein Wort gegenüber dem Neuankömmling, und auch er sagte nichts.

Es war Suidur der Weise, der Arzt Radoalds, des Seigneurs von Trebbia, an dem sie schweigend vorbeigingen.

KAPITEL 13

Draußen befahl Kakko einem verdrießlich dreinschauenden Krieger, sie zurück in ihr Verließ zu bringen. Fidelma nutzte die Gelegenheit, Eolann in ihrer Sprache zu fragen: »Hast du gesehen, wer das war?«

»Ich habe den Mann nicht erkannt. Weshalb fragst du?«

»Es war der Arzt von Radoald, dem Seigneur von Trebbia.«

»Mir ist nichts an ihm aufgefallen. Ich bin ihm nie begegnet, habe ihn nur einmal aus der Entfernung gesehen.« Dennoch schien Bruder Eolann überrascht zu sein. »Was sucht ausgerechnet er hier? Ich hätte nie gedacht, dass Radoald etwas mit diesem Grasulf gemein hat.«

Fidelma musste an die Gruppe im Hof von Radoalds Festung denken, die sie beobachtet hatte, und daran, wie Suidur mit den beiden großen Männern in schwarzen Umhängen gesprochen hatte, die möglicherweise die gewesen waren, die Magister Ado überfallen hatten. Und nun tauchte dieser Suidur auf der Festung des Seigneurs von Vars auf. Hatte das eine mit dem anderen zu tun, und wenn ja, wie?

»Ich habe eine Idee …«, begann sie, aber da waren sie schon an der Tür zu ihrer Gefängniszelle. Der Wächter wies nur auf Fidelma, bedeutete ihr, hineinzugehen, und verriegelte hinter ihr die Tür. Drinnen hatte man bereits eine Lampe für sie angezündet. Sie hörte, wie der Wächter Bruder Eolann anherrschte, und gleich darauf fiel geräuschvoll eine Tür zu. Was sie hatte sagen wollen, würde nun also bis zum nächsten Morgen warten müssen, wenn man sie und Bruder Eolann wieder in Grasulfs scriptorium ließ, wo sie frei würden reden können.

Sie machte die wenigen Schritte zum Bett, als sie deutlich und ganz aus der Nähe Eolanns Stimme vernahm. »Kannst du mich hören, Lady?«

Flugs schaute sie sich um, konnte aber nichts ausmachen.

»Ich höre dich, ja. Wo bist du?«

»In der Wand hier ist ein Gitter. Ich vermute, ich stecke direkt nebenan.«

Die Stimme kam tatsächlich irgendwie aus der Wand. Jetzt erkannte auch sie unmittelbar über dem Kopf ein kleines Gitter.

»Ich sehe das Gitter, ja.«

»Gut. Man hat uns zwar getrennt, aber wir können wenigstens miteinander sprechen.«

»Stimmt.«

»Du sagtest vorhin, du hättest eine Idee«, fing Bruder Eolann an.

»Was für eine, willst du wissen?« Fidelma ging dicht an die Wand. »Wie wir flüchten natürlich.«

Kurzes Schweigen auf der anderen Seite. Dann: »Du musst schon entschuldigen, Lady, einen ähnlichen Gedanken hatte ich, als man uns am Monte Pénas gefangen nahm. Von hier aber ist kein Entrinnen möglich, und wenn du eine Flucht vom scriptorium aus erwägst, dann müssten wir tatsächlich fliegen können, wie der Verwalter spöttisch meinte.«

»Oder aber wir klettern«, gab Fidelma unbeirrt zurück.

Bruder Eolann hielt den Atem an. »Wie stellst du dir das vor? Klettern? Wo denn?«

»Du bist doch ein guter Kletterer, nicht wahr? Ich habe mich selbst davon überzeugen können, als wir uns unter dem gefährlichen Vorsprung am Monte Pénas weiterhangelten.«

»Das ist nicht mit der senkrechten Felswand hier zu vergleichen. Da hinunterzuklettern, kannst du vergessen.«

»Wieso?«

»Erstens sind wir hier eingesperrt. In die Bibiliothek lässt man uns nur tagsüber; selbst wenn wir so tollkühn wären und den Abstieg wagten, würde man uns im Hellen sofort entdecken. Außerdem brauchten wir zur Flucht ein wenig mehr als das, was wir auf dem Leib haben, erst recht, wenn wir es tatsächlich bis hinunter ins Tal schaffen würden. Wie willst du Kakko davon überzeugen, dass wir in der Bibliothek unsere Mantelsäcke benötigen? Und was, wenn wir wie durch ein Wunder die Talsohle erreichen? Dort unten ist eine kleine Siedlung, und wenn uns da nicht ohnehin schon Krieger erwarten, so gibt es genügend andere, denen wir auffallen dürften.«

Fidelma ließ sich seine Bedenken durch den Kopf gehen. »Deine Einwände sind berechtigt. Und doch ist es besser, die Gelegenheit zu nutzen und nichts unversucht zu lassen. Meiner Meinung nach ist der Abstieg machbar. Von der Mitte der Terrasse aus gesehen erscheint es einem als unmöglich, da ist bloßer Abgrund. Darum werfen sie ihre zum Tode verurteilten Gefangenen auch just von der Stelle hinunter. Aber ich habe mir die Ecken angeschaut, besonders die, wo man den Eindruck hat, ein Stück von der Bibliothekswand würde über den Abgrund ragen. Tut sie aber nicht. Ein Felsmassiv stützt sie ab – und ich denke, man könnte sich verhältnismäßig leicht bis dorthin vorarbeiten. Sind wir erst mal so weit, bietet die Felswand kleine Vorsprünge und Aushöhlungen zum Festhalten und fällt nicht gar so steil ab.«