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Sie kamen an einen Punkt, wo ein steiler Aufstieg begann, der sie zu einem langsameren Tempo zwang. Im Osten schimmerte ein erstes Licht und verkündete die nahende Morgendämmerung. Wiederholt hatten sie Wasserläufe überquert, so viel wusste Fidelma, aber waren es immer die gleichen gewesen, an einer Stelle hin, an einer anderen Biegung zurück, um mögliche Verfolger mit Spürhunden abzuschütteln?

Als hinter den fernen Hügeln im Osten die Morgensonne aufging, wurde Fidelma klar, welche beachtliche Höhe sie erklommen hatten. Suidur wies auf die Hütte eines Hirten, die ein gutes Stück weit vor ihnen lag. Zumindest hielt sie es für das Obdach eines Hirten, wer sonst schon mochte so hoch in den Bergen leben wollen? Suidur hüllte sich in Schweigen. Erst als sie die Hütte erreicht hatten, hielt er an und erklärte: »Hier gönnen wir uns eine Ruhepause.«

Fidelma stieg ab. Trotz des wenigen Schlafs, den sie gehabt hatte, fühlte sie sich erstaunlich frisch. Bruder Eolann streckte und reckte sich nach dem langen Ritt, während die beiden Krieger die Pferde zu einer kleinen Koppel hinter der Hütte führten, wo sie sie abrieben und mit Futter versorgten. Fidelma blickte prüfend auf die Bergspitzen, von denen sie umgeben waren, und meinte: »Augenscheinlich ist keine der Erhebungen der Pénas.«

»Das siehst du vollkommen richtig, edle Dame«, bestätigte der Arzt lächelnd. »Wir sind mehr nach Süden geritten, sind dem Fluss Staffel gefolgt. Er entspringt auf der Berghöhe dort vor uns. Der Karthager Hannibal soll sie erstiegen haben, während seine Heerscharen weiter unten im Trebbia-Tal ihr Lager aufschlugen.«

»Dann ist es also nicht mehr weit bis Bobium?«

»Stimmt. Wir werden aber die Berge weiter südlich, fast gegenüber Radoalds Festung, überqueren. Damit dürften wir Grasulf in die Irre führen, der vermutlich davon ausgeht, dass ihr den direkten Weg nach Bobium wählt, und seine Leute in eben die Richtung schickt, um euch einzuholen, ehe ihr den Pénas erklimmt. Ich schlage vor, dass du und dein Gefährte jetzt ein wenig schlaft. Wir haben erst ein Drittel unserer Reise hinter uns, und sowohl der Aufstieg diesseits als auch der Abstieg hinunter ins Trebbia-Tal sind schwierig und wollen gemeistert werden. Der Berg ist der höchste im ganzen Gebirgszug, wir werden den Gipfel umgehen und uns unterhalb halten, wo wir dann auf einen Pfad stoßen, der uns im Zickzack ins Tal führt.«

Bruder Eolann, der sehr müde wirkte, hatte das Bedürfnis, sich zu bedanken. »Gratias tibi ago. Ich habe dich bisher nur einmal von weitem gesehen und kenne dich nicht weiter. Aber Bruder Hnikar lobt dich und dein Wissen in hohen Tönen. Vielen Dank für dein Eingreifen im rechten Moment.«

»Non est tanti«, erwiderte Suidur. Er wählte die traditionelle Redensart, die besagte, es sei nichts Besonderes gewesen, um die Dankesbezeugung bescheiden abzuwehren.

Für Fidelma aber waren viele Fragen offen; je eher sie sie stellte, desto besser. Wenigstens hatte sie bei Tageslicht sehen können, dass die beiden Krieger, mit denen sie unterwegs waren, nicht die Männer waren, die Magister Ado zweimal überfallen hatten, wenn sie auch die gleichen Umhänge mit dem Schwertemblem trugen.

»Warum?«, fragte sie unvermittelt.

»Warum?«, wiederholte Suidur.

»Ich verstehe nicht, weshalb du dich selbst in Gefahr begibst, um uns zu retten. Du kamst zum Seigneur von Vars und wurdest ganz offensichtlich als Freund willkommen geheißen. Du sagst, du hättest mit ihm und seinem Verwalter getrunken, ja, hättest sogar irgendein Schlafmittel in ihr Getränk gemischt, und dann hilfst du uns, aus der Gefangenschaft zu fliehen. Da darf ich doch wohl die Frage stellen, warum du das tust.«

Suidur sah sie nachdenklich an. »Wäre es nicht besser, erst etwas zu ruhen und dann, wenn wir gegessen haben, die Sache zu besprechen?«

Fidelma schüttelte energisch den Kopf. »Ungeklärte Fragen lassen mir keine Ruhe, an Schlaf ist da nicht zu denken.«

»Also gut.« Suidur betrat die Hütte und bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Zu ihrer Überraschung glimmte noch Glut in der Feuerstelle mitten im Raum. Im Nu hatte der Arzt neue Scheite aufgelegt und das Feuer wieder angefacht. »Das hier ist einer von Seigneur Radoalds Wachposten, von denen aus er seine Grenzen im Westen im Auge behält.«

Er forderte sie auf, sich zu setzen. Es gab genügend Teppichstücke und Decken, mit denen sie sich um das Feuer gruppierten.

»Tja, wieso war ich auf Grasulfs Festung? Ich besuchte gestern Abend …«, er stockte, »… oder sollte ich deutlicher sagen: Ich, ein Seigneur Radoald ergebener Diener … O ja, wir haben Spione hier. Ihr habt vielleicht gemerkt, dass Grasulf ein Mann von festen Überzeugungen und Vorstellungen ist. Dazu gehört zum Beispiel sein Glaube an Gold. Wir haben in Erfahrung gebracht, dass Perctarit, der entthronte König, Grasulf Gold geboten hat, wenn er sich zu ihm loyal verhält. In dem Moment, wenn Grasolf das Gold in Händen hat, wird er seine Leute auf die eigenen Nachbarn hetzen.«

»Das erklärt noch nicht, zu welchem Behufe du auf der Festung warst«, drängte ihn Fidelma.

»Alles zu seiner Zeit, edle Dame. Meine Männer« – er wies auf die beiden Krieger draußen –, »halten sich oft dort auf und geben sich als Freunde aus. Vielleicht habt ihr sie sogar gesehen, denn sie waren auf der Festung, als ihr dort als Gefangene hereingeführt wurdet. Sie alarmierten mich, als ich kam, um mich mit meinem … meinem Spion zu verständigen.«

»Ja, ich habe sie gesehen«, bestätigte Fidelma.

»Sie hatten Bruder Eolann erkannt und beschrieben dich. Für mich stand fest, dass Seigneur Radoald dich nicht in Grasulfs Händen hätte wissen wollen, denn man weiß, dass er schon Frauen an Sklavenhändler verkauft hat. Ich ließ also meine Männer mit den Pferden unten am Fuße des Berges, stieg zur Festung hoch und bat um Einlass. Es ist nicht das erste Mal, dass ich zwischen Radoald und Grasulf als Gesandter fungiere, und folglich kannte man mich dort.

Du hast richtig bemerkt, dass Grasulf mich freundschaftlich begrüßte, war er doch im Glauben, ich wäre in der üblichen Rolle erschienen, und natürlich gab ich vor, ich wäre mit Gegenvorschlägen gekommen, um für seine Treue und Gefolgschaft zu zahlen. Ich schlug vor, derlei Verhandlungen besser bei einem guten Trunk zu führen. Grasulf ging sofort darauf ein, er hatte dem Wein schon genügend zugesprochen, so dass es ein Leichtes war, ihm etwas in seinen Becher zu mischen. Auch Kakko bedachte ich mit der nötigen Dosis. Durch meine Gewährsmänner wusste ich, wo man euch eingesperrt hatte, und der Rest war einfach.«

Es klang in der Tat einfach. Vielleicht zu einfach, dachte Fidelma. Schon schwirrten ihr die nächsten Fragen durch den Kopf.

»Da du mich nach meiner Geschichte gefragt hast, darf ich vielleicht nun fragen, was sich zugetragen hat, dass ihr als Gefangene auf Grasulfs Festung gelandet seid.« Forschend sah Suidur sie an.

Rasch schickte sie einen warnenden Blick zu Bruder Eolann, damit er Stillschweigen über ihr Auffinden der Leiche von Freifrau Gunora bewahrte. Solange sie nicht wusste, wie oder ob überhaupt die Geschehnisse etwas miteinander zu tun hatten, wollte sie sich lieber bedeckt halten. Doch ihre Sorge war umsonst, Bruder Eolann war zurückgesunken und schlief tief und friedlich. Suidur war ihrem Blick gefolgt und meinte: »Unser Freund schläft bereits, du solltest dich auch hinlegen.«