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Der Ritt verlief gemächlicher als am Vortag, und als sie die unteren Gefilde erreichten, zunächst die Baumgrenze und dann die großen Wälder nahe dem Fluss, dessen sanftes Rauschen sich deutlich von den anderen Geräuschen wie das Rascheln des Laubes, das gelegentliche Bellen eines Fuchses oder das Gekreisch von Vögeln abhob, da endlich fiel alle Spannung von ihr ab, die sie in den letzten Tagen belastet hatte.

Schließlich kamen sie an eine große Lichtung am Fluss. Sie hatten ein stattliches Gehöft mit Nebengebäuden vor sich, dahinter Olivenbäume und Rebstöcke. Ein Hund schlug an, woraufhin ein Mann aus dem Haus trat. Fidelma erkannte ihn sofort. Es war Wulfoald, Radoalds Krieger, der Suidur freundschaftlich zuwinkte. Die beiden verständigten sich in raschem Wortwechsel, in dem mehrfach der Name Grasulf fiel. Dann, als Fidelma absaß und ihre Glieder reckte, begrüßte Wulfoald auch sie.

»Ich fürchte, edle Dame, wir haben allen Grund, uns bei dir zu entschuldigen.«

»Zu entschuldigen?«

»Vor wenigen Tagen, du hattest kaum unser Tal betreten, da wurdet ihr, du und deine Gefährten, überfallen. Und nun höre ich, dass euch Grasulf entführt hat, ein übler Kerl, fürwahr.« Er begrüßte auch Bruder Eolann und sprach dann weiter. »Wir müssen die mangelnde Gastfreundschaft unserer Nachbarn schleunigst wettmachen.«

Wulfoald gab sich warmherzig und freundlich. Fidelma aber musste an den kleinen Wamba denken und dass er ihn gefunden hatte, an Hawisa und ihre Beschuldigungen gegen ihn, und auch ihr eigener Verdacht ließ ihr keine Ruhe. Lieber wäre ihr gewesen, die offenen Fragen wären ihr nicht wie ein Bienenschwarm im Kopf herumgeschwirrt. Sie würde sich zwingen müssen, einfach einmal Gedanken Gedanken sein zu lassen.

»Ich war gerade im Begriff, mit meinen Leuten nach Bobium aufzubrechen. Wir brauchen nicht alle Pferde, also könnten wir euch bis zu den Toren der Abtei Geleit geben und dafür Sorge tragen, dass ihr heil und sicher dort ankommt. Es sei denn, ihr wollt ein wenig hier verweilen und euch erfrischen. Wir müssen ja nicht unbedingt auf Radoalds Festung Rast machen und könnten am frühen Nachmittag in Bobium sein.«

Fidelma überlegte. Im Grunde genommen war es ihr sehr recht, so rasch wie möglich nach Bobium zurückzukehren, und als sie Bruder Eolann befragte, war er sofort dafür. Wulfoald verständigte sich mit seinen Männern, und im Nu standen zwei zusätzliche Pferde bereit.

Es war ein eigenartiges Gefühl, von Suidur und seinen schweigenden Kriegern Abschied zu nehmen. Schon wahr, er hatte sie und Bruder Eolann gerettet, aber die ungeklärten Fragen überschatteten alles. War sie nicht eine dálaigh geworden, weil sich ihr Inneres gegen rätselhafte Vorkommnisse aufbäumte? Solange sie ein Problem nicht zu lösen vermochte, nagte es an ihr wie ein böser Zahnschmerz. Doch sie begriff, dass ihr im Moment nichts anderes übrigblieb, als so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung; alle Verdachtsmomente und Zweifel mussten unterdrückt werden. Also dankte sie Suidur für sein Eingreifen so warmherzig, wie sie nur konnte, und bat ihn, ihren Dank auch seinen Gefährten zu übermitteln. Bruder Eolann brachte seinen Dank weitaus bewegter und überschwänglicher als sie zum Ausdruck. Schließlich saßen sie auf und ritten zusammen mit Wulfoald und zwei Kriegern den Fluss entlang auf einem Pfad, der geradewegs nach Bobium führte.

KAPITEL 14

Fidelma und Bruder Eolann ahnten nicht, mit welcher Ungeduld sie in der Abtei Bobium erwartet wurden. Bruder Bladulf, der Torhüter, hüpfte vor augenscheinlicher Freude von einem Bein auf das andere, als sie die Tore erreichten. Wulfoald und seine Gefährten hatten sie kurz vor der Abtei allein weiterreiten lassen und gedachten, die Nacht in der Siedlung zu verbringen. Bei ihrer Rückkehr zu Seigneur Radoalds Festung wollten sie dann die Pferde abholen. Das Problem Wamba und Wulfoald hatte Fidelma tunlichst auf sich beruhen lassen; um das zu klären, bedurfte es besonderer Achtsamkeit.

Bruder Wulfila, der Verwalter, bahnte sich einen Weg durch die neugierig herumstehenden Brüder, die sie begrüßen wollten. Hände streckten sich ihnen entgegen, um ihnen von den Pferden zu helfen. Die beiden ignorierten die auf sie einstürzenden Fragen und baten den Verwalter, sie unmittelbar zu Abt Servillius zu bringen.

Der Abt empfing sie in seiner Amtsstube. Er war nicht allein, der Ehrwürdige Ionas war auch da, hingegen fehlte Magister Ado. Bruder Wulfila blieb im Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

»Meine erste Frage gilt eurem Befinden. Seid ihr wohlauf? Braucht ihr in irgendeiner Weise Bruder Hnikar?«, eröffnete der Abt das Gespräch.

»Wir sind beide wohlauf, Deo gratias«, erwiderte Bruder Eolann.

»Deo optimo maximo«, pflichtete ihm der Ehrwürdige Ionas ernst bei.

»Und nun haltet uns nicht länger im Ungewissen«, forderte der Abt sie auf. »Berichtet uns von eurem Abenteuer, das die gesamte Bruderschaft in Unruhe versetzt hat.«

Bereits auf ihrem Ritt durch das Tal hatten Fidelma und Bruder Eolann in ihrer Muttersprache abgesprochen, was und wie viel sie erzählen würden. Den Tod von Freifrau Gunora und das Verschwinden von Prinz Romuald würden sie nicht verschweigen, wohl aber, was sie über den Jungen Wamba, die Goldmünzen und seine Mutter Hawisa in Erfahrung gebracht hatten. Gewisse Auslassungen waren noch lange keine Lüge, sagte sich Fidelma und beruhigte ihr Gewissen mit einem entsprechenden Lehrsatz des Brehon Morann. Wenn man sich in einem wirklichen Dilemma befand, sollte man Gut und Böse abwägen und sich stets zugunsten des Guten entscheiden, selbst wenn man dafür in Kauf nehmen musste, etwas Unrechtes zu tun. Bis auf diese Auslassungen aber wollten sie wahrheitsgemäß berichten.

Bruder Eolann stellte die wesentlichen Fakten ihrer Gefangennahme und Entführung dar und wie man sie auf der Festung als Gefangene gehalten hatte, dann schilderte er die Einzelheiten ihrer Rettung und Flucht. Fidelma übernahm den Teil mit Freifrau Gunora und dem Auffinden ihrer Leiche.

Der Abt konnte es nicht fassen und wurde bleich vor Entsetzen. »Das kann nicht wahr sein«, stammelte er.

Der Ehrwürdige Ionas legte ihm eine Hand auf den Arm und redete beruhigend auf ihn ein. »Wenn es so geschehen ist, mein Freund, sollten wir dem Ungemach so rasch wie möglich auf den Grund gehen.«

Doch Abt Servillius konnte sich nur schwer beherrschen und überhäufte Fidelma mit Fragen, so dass der Ehrwürdige Ionas schließlich eingreifen musste und ihn energisch aufforderte, Fidelma ihre Geschichte zu Ende bringen zu lassen, anstatt voreilig Schlussfolgerungen zu ziehen. Für den Abt stand fest, dass der Seigneur von Vars für den Tod der Freifrau Gunora verantwortlich zu machen war, auch glaubte er, man hielte den junge Prinzen Romuald auf der Festung Vars gefangen.

Als Fidelma mit ihrem Bericht fertig war, legte ihr der Ehrwürdige Ionas in aller Ruhe seine Ansicht dar. »Grasulf ist schon seit langem ein Feind der Abtei hier, und wie du selbst herausgefunden hast, ist er auch ein Feind unseres Glaubens. Er hält sich an die alten Götter der Langobarden.«

»Dafür, dass der Junge auf der Festung sein könnte, haben wir jedenfalls keinerlei Anzeichen gefunden.« Fidelma hielt es für wichtig, das klarzustellen.

Abt Servillius wollte etwas entgegnen, wurde aber vom Ehrwürdigen Jonas höflich unterbrochen. »Gewiss ist Grasulf ein Abenteurer, der Freifrau Gunora und den Prinzen entführen lassen würde, wie es auch mit Schwester Fidelma und Bruder Eolann geschehen ist. Aber er würde sie nie ermordet haben. Dafür waren sie lebend viel zu wertvoll. Sie dem höchsten Bieter verkaufen, ja, dazu wäre er imstande. Er ist ein Mann ohne jede Moral. Hätte ihm Perctarit einen guten Preis geboten, hätte er ihm ohne weiteres den Prinzen und die Freifrau ausgehändigt. Ebenso wenn Grimoald seinen Sohn zurückverlangte und ihm einen entsprechenden Preis böte, er würde den Jungen an ihn verkaufen. Eine Leiche aber bringt kein Lösegeld.«