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»Geht er wirklich so grob mit seinen Kranken um?«

»Wenn ich Einsiedler wäre, ein Leben im Einklang mit der Natur führte, würde ich nicht nach ihm schicken. Aber das tut ja jetzt nichts zur Sache. Die Einzigen, denen Aistulf traut, sind Abt Servillius und Schwester Gisa. Es heißt, Schwester Gisa kenne sich in der Kunst eines Apothekers gut aus.«

»Ist es weit bis zu ihm?«

»Eine gute Frage, edle Dame, nur habe ich keine Antwort darauf. Irgendwo oben in den Bergen jenseits des Flusses.« Er wies in die gegenüberliegende Richtung zu den Hängen des Monte Pénas. »Allein der Abt und Schwester Gisa wissen, wo er sich aufhält. Doch es ist schon spät, und ich muss früh raus, soll die Brüder zum Heiligtum führen, um den Leichnam von Freifrau Gunora von dort in die Abtei zu schaffen.«

Fidelma verstand den Wink und machte sich auf den Weg zum Gästehaus. Auch sie spürte, wie müde sie war. Kaum hatte sie sich ausgestreckt, da war sie auch schon eingeschlafen, kein Aufruhr der Gedanken konnte ihr noch etwas anhaben.

Jemand rüttelte sie an der Schulter. Sie blinzelte, versuchte zu sich zu kommen und schoss hoch. Bruder Wulfila, der Verwalter, stand mit einer Kerze vor ihrem Bett.

»Venus, der Morgenstern, steht klar am östlichen Himmel. Der Morgen graut. Ich soll dich wecken. Bruder Bladulf ist mit einigen Brüdern schon zur kleinen Bergkapelle losgezogen.«

»Schon Morgengrauen?« Sie versuchte, den Kopf klar zu bekommen.

»Wulfoald steht auf dem Hof bereit und hat veranlasst, dass ein Pferd für dich gesattelt wird.«

»Wulfoald?« Jetzt war sie hellwach. »Es tut mir leid, Bruder Wulfila. Ich war gestern Abend völlig erschöpft und bin noch etwas durcheinander. Verzeih. Sag Wulfoald, dass ich sogleich unten bin.«

Er ließ die Kerze für sie da und ging zur Tür, als sie ihm nachrief: »Ist Bruder Eolann auch schon auf dem Hof?«

Bruder Wulfila runzelte die Stirn. »Bruder Eolann, der scriptor, edle Dame?«

»Ja.«

»Nein, der ist nicht dort.«

»Vielleicht hat er wie ich verschlafen. Könntest du dich darum kümmern, dass er geweckt wird? Er kommt mit Wulfoald und mir mit, wird sich also beeilen müssen.«

Der Verwalter sah sie erstaunt an. »Du magst kommen und gehen, wie du willst, der scriptor aber braucht die Erlaubnis vom Abt.«

Fidelma stöhnte ungeduldig auf. »Ist denn Abt Servillius schon zurück? Er ist am späten Abend noch ausgeritten, weil Aistulf, der Einsiedler, nach ihm verlangt hatte.«

Bruder Wulfila schüttelte den Kopf. »Er ist noch nicht zurück.«

»Na gut. Wenn er unbedingt eine Erlaubnis braucht, dann versuch sie bitte vom Ehrwürdigen Ionas zu bekommen und trage dafür Sorge, dass Bruder Eolann rechtzeitig zur Stelle ist. Er wird dringend benötigt.«

»Geht in Ordnung. Im Augenblick ist noch nicht viel Leben in der Abtei, die meisten waren ja auf, um das Feuer zu sehen.«

»Feuer? Was für ein Feuer?«

»Im Gebirge oben, auf dem Pénas, hat es ein großes Feuer gegeben. Die Flammen loderten hell in der Dunkelheit. Viele der Brüder waren wach geworden und sind hinausgegangen, um es zu beobachten. Es hat lange gebrannt. Etwas Außergewöhnliches ist das nicht. Wenn es sehr heiß ist, kommt es da oben hin und wieder zu einem Waldbrand.«

KAPITEL 15

Als Fidelma in den Innenhof kam, wartete Wulfoald bereits geduldig neben seinem fahlgrauen Pferd. Er hielt ein weiteres Ross am Zügel, das vermutlich für sie bestimmt war. Zwar zog die Morgendämmerung herauf, doch es war noch zu dunkel, um die Berge klar zu sehen. Auch von der Feuersbrunst, von der Bruder Wulfila gesprochen hatte, sah sie nichts. Sie schaute sich um, aber Bruder Eolann war nirgends zu entdecken.

»Bruder Eolann wird uns begleiten«, sagte sie unumwunden, »wir brauchen also noch ein Pferd.«

Wulfoald war verdutzt. »Warum soll der scriptor mitkommen?«

»Weil er mein Zeuge ist bei dem, was die Alte gesagt hat, und das klang so völlig anders als das, was du mir erzählt hast.«

Der Krieger biss sich auf die Lippen. »Das hält uns jetzt unnütz auf. Bruder Bladulf und seine Mitstreiter sind schon auf dem Aufstieg zum Heiligtum, und zwei meiner Männer geben ihnen Begleitschutz.«

Noch ehe sie antworten konnte, kam Bruder Wulfila in aller Eile und äußerst erregt über den Hof.

»Wo ist Bruder Eolann?«, fragte ihn Fidelma und ließ ihn kaum Luft holen.

»Schwester … äh, edle Dame, am besten du kommst gleich mit. Er ist im scriptorium

»Ja, und? Was ist mit ihm?«, herrschte sie ihn an.

Der Verwalter schüttelte jedoch nur den Kopf und winkte ihr, ihm zu folgen.

Sie murmelte zu Wulfoald eine Entschuldigung und lief dem Verwalter durch den Kreuzgang zur Treppe hinterher, die im Turm zur Bibliothek führte. Bruder Eolann saß auf einem Stuhl, Bruder Hnikar stand mit einem feuchten Tuch in der Hand über ihn gebeugt und betupfte eine Wunde an der Stirn. Der junge Mönch sah sehr blass aus, seine Kutte war blutbeschmiert.

»Was ist denn mit dir passiert?«, fragte Fidelma erschrocken.

Bruder Hnikar antwortete als Erster: »Wahrscheinlich ein Sturz von der Treppe, und dann ist er ohnmächtig geworden.«

»War dem so?«, vergewisserte sie sich bei dem Bibliothekar, der nickte und zuckte vor Schmerz zusammen.

»Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, Lady«, sagte er und verfiel in die ihnen gemeinsame keltische Sprache. »Ich habe bis spät in die Nacht gearbeitet. Als ich fertig war, habe ich die Lampe gelöscht, ich bin es gewohnt, mich im Zwielicht zurechtzufinden. Ich muss dann gestolpert sein und mir die Stirn aufgeschlagen haben.« Er hob den Kopf, und sie sah die Bescherung – Abschürfungen und eine Schwellung.

Zu Bruder Hnikars Missvergnügen betrachtete sich Fidelma die Wunde sehr eingehend. »Und du glaubst, du bist gestolpert?«, fragte sie betont.

»Sicher war es so. Aber ich bin noch etwas wirr im Kopf. Daran erinnern kann ich mich nicht so richtig.«

Jetzt mischte sich Bruder Wulfila ein. »Als du mich geschickt hast, den scriptor zu suchen, habe ich erst in seine Zelle geschaut, bin dann in die Schreibwerkstatt gegangen und fand ihn halb bewusstlos in einer Blutlache auf dem Boden. Ich habe sofort unseren Apotheker holen lassen und bin zu dir geeilt.«

»Ich bin erst zu mir gekommen, als mir Bruder Wulfila mit einem nassen Lappen den Kopf betupfte«, bestätigte der junge Mönch. »Er hat mich auf den Stuhl gesetzt und ging, den Apotheker zu holen.«

Fast vorwurfsvoll wandte sich Bruder Hnikar an Fidelma. »Weitere Fragen kann ich nicht zulassen. Sobald ich die Salbe aufgetragen und die Wunde verbunden habe, muss sich der scriptor unbedingt hinlegen.«

Bruder Eolann schaute sie unglücklich an. »Es tut mir sehr leid, Lady. Bruder Hnikar wird mir nicht erlauben, dich heute früh zu begleiten, um Hawisa aufzusuchen.«

»Ist schon klar«, erwiderte Fidelma vergrätzt. Ohne jemand, dem sie vertrauen konnte, dass er ihr Hawisas Worte genau übersetzte, war es völlig unsinnig, sich zu der Alten zu begeben.

»Pass gut auf dich auf«, sagte sie in ihrer Sprache. »Ich werde schon einen anderen Dolmetscher finden.«

Sofort wurde sie aufgebracht von Bruder Hnikar zurechtgewiesen. »Die Regel in dieser Abtei, Schwester Fidelma, ist, dass alle Gespräche in der allen gemeinsamen Sprache geführt werden – und das ist Latein. Wir, die wir unter Gottes besonderem Schutz stehen, verbergen nichts vor Ihm und sollten daher auch voreinander nichts verbergen.«

Fidelma neigte den Kopf, mehr um nicht ihre Verärgerung zu zeigen, als anzudeuten, dass sie sich ihm unterordnete.