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Wulfoald lächelte beinahe triumphierend. »Da hast du es; was ich dir erzählt habe, stimmt also.«

»Noch etwas, Odo. Hast du gewusst, dass deine Tante ein Kästchen, das Wamba gehörte, in den Steinhaufen gestellt hat, den sie ihm zum Gedenken aufgeschichtet hatte?«

Der Bursche nickte traurig. »Es wurde beinahe gleich danach gestohlen. Einer der Hirten hat sogar gesehen, wie es entwendet wurde. Er hat gesehen, wie ein Mann in einer Mönchskutte von der Gedenkstelle heruntergeklettert ist und das Kästchen in der Hand hatte. Er wollte ihm den Weg abschneiden, ist heruntergekraxelt, doch als er unten ankam, war der Dieb auf seinem Pferd schon weg. Noch merkwürdiger ist, dass meine Tante gestern früh das Kistchen wiederfand, zwar ein bisschen beschädigt, aber ordentlich in den Steinhaufen zurückgestellt.«

Fidelma hielt es nicht für nötig, ihm den Sachverhalt zu erklären, wollte aber wissen: »Hat der Hirt vielleicht die Farbe von dem Pferd erwähnt?«

Odo überlegte einen Moment und begriff dann, weshalb sie fragte. »Es war ebenfalls fahlgrau.«

»Wo könnte dieser Zeuge jetzt sein?«

»Er ist nicht hier, Schwester. Er ist nach Travo gegangen, bald nachdem der Gedenksteinhaufen zerstört war, und ist noch nicht zurück.«

Fidelma blieb unschlüssig sitzen. Nachdenklich schaute sie auf das strudelnde Wasser des Gebirgsbachs. Oft schon hatte sie erlebt, dass Fragen wie eine Kaskade auf sie einstürzten. Warum hatte Hawisa ihr und Bruder Eolann eine Geschichte aufgetischt, die so völlig anders klang? Warum hatte sie so unverschämt gelogen? Plötzlich ging ihr auf, dass sie die Frage falsch stellte. Das hatte sie sich vorher nie richtig klargemacht. Woher wusste sie eigentlich, was Hawisa erzählt hatte? Nur über die Übersetzung hatte sie erfahren, was die Alte sagte. Fidelma hatte sich voll und ganz auf ihren Dolmetscher verlassen, und das war Bruder Eolann. Aber warum sollte der junge Mönch falsch wiedergegeben haben, was er gehört hatte? Falls Hawisa nicht gelogen hatte, warum sollte der scriptor ihre Worte vorsätzlich verdreht haben? Auch andere Fragen standen im Raum. Warum war Abt Servillius den ganzen beschwerlichen Weg bis zu Hawisas Hütte hinaufgestiegen, um sie für eine Münze zu entschädigen, die nicht einmal viel wert war? Und warum hatte Bruder Ruadán behauptet, Wamba sei getötet worden, nur weil er die Münzen hatte?

Fidelma stand auf, wendete die Antworten hin und her, die ebenso viele neue Fragen aufwarfen. Dabei kam ihr ein nächster Gedanke.

»Odo, du hast vorhin gesagt, Abt Servillius hätte an jenem Tag Hawisa in ihrer Hütte aufgesucht, um Wamba für irgendwelche Münzen zu entschädigen, die er zur Abtei gebracht hatte.«

»Ja, das stimmt.«

»Überleg noch mal genau, hatte Wamba die Münzen gefunden, oder hatte er sie von jemandem bekommen?«

»Wamba hat mir erzählt, dass man ihm zwei Münzen gegeben hat, einfach gefunden hat er sie nicht. Er war der Meinung, sie waren aus Gold und richtig alt. Gezeigt hat er mir sie nicht. Seiner Mutter hat er aber nur von einer Münze erzählt.«

»Ich wiederhole, um sicherzugehen, dass ich keinen Fehler mache: Wamba hat die Münzen von jemandem erhalten.«

»Jedenfalls hat er es mir so erzählt, und seiner Mutter ebenso.«

»Wer kann ihm die Münzen gegeben haben?«

»Ein alter Mönch, einer von den Männern aus Hibernia unten in der Abtei.«

»An den Namen kannst du dich wohl nicht erinnern?«

»Genau nicht. Der Name klang so wie das Wort für ein dickes Tau.«

Das lateinische Wort, das er benutzte, war rudens. Über Fidelma Gesicht glitt ein befriedigtes Lächeln.

»Bruder Ruadán?«, fragte sie.

Odo zögerte nicht einen Moment. »Ja, das war der Name.«

Bruder Ruadán also war es gewesen, der Wamba die Münzen gegeben hatte, Münzen, deretwegen, wie der Alte vermutete, Wamba hatte sterben müssen.

»Pass gut auf dich auf, Odo«, riet sie ihm. »Auf diesem Berg geschehen merkwürdige Dinge. Wenn wir losgeritten sind, solltest du besser deine Ziegen auf einen anderen Weidegrund treiben, wo du dich wenigstens für die nächste Zeit sicher fühlen kannst.«

Wulfoald richtete bereits Zügel und Geschirr der Pferde und murmelte missmutig: »Ich hatte gehofft, wir könnten das Maultier von unserem Händler nutzen, um die Leiche der alten Frau zur Abtei zu schaffen. Wäre doch nur recht und billig, wenn sie neben ihrem Sohn bestattet wird.«

Fidelma war beeindruckt. »Nimm einfach mein Pferd. Ich sitze hinter dir auf.«

»Vielen Dank, Schwester, sagte Odo. »Ich helfe euch mit der Leiche.«

Sie machten sich an ihre grausige Aufgabe. Es dauerte nicht lange, bis sie den Leichnam in Odos Decke eingeschlagen hatten. Der junge Mann versicherte, er wolle seiner Tante die letzte Ehre erweisen und werde noch vor Mitternacht zur Abtei kommen, wo um die Zeit die Beisetzung stattfinden würde.

»Hier können wir nichts weiter ausrichten«, stellte Wulfoald abschließend fest. »Ich verstehe das alles nicht. Wenn das Feuer vorsätzlich gelegt wurde, wovon wir ja ausgehen, müssen wir dann in Grasulf und seinen Leuten die Schuldigen sehen?«

»Wulfoald, nach allem was wir gesehen und gehört haben, bin ich genauso ratlos wie du.«

Beinahe belustigt verzog der Krieger das Gesicht. »Die Sache ist wohl nicht so ausgegangen, wie du es dir vorgestellt hast? Jedenfalls müssen wir so schnell wie möglich zur Abtei zurück und mit dem Bibliothekar, mit Bruder Eolann, ein Wörtchen reden. Der müsste uns reinen Wein einschenken können, was Hawisa dir wirklich gesagt hat und warum das alles so und nicht anders geschehen ist.«

»Du hast völlig recht, Wulfoald, tut mir leid. Ich hätte längst begreifen müssen, dass du die Wahrheit gesagt hast.«

»Wie kommst du erst jetzt darauf?«, fragte Wulfoald sichtlich amüsiert.

»Als Bruder Waldipert, der Koch, mir erzählte, dass du Wambas Leichnam zur Abtei gebracht hast, hat er ganz deutlich gesagt, dass du den Leichnam mit dem Abt gebracht hast und nicht zum Abt. Das hieß doch, ihr beide, du und der Abt, habt den Leichnam zur Abtei begleitet. Ich war dumm, nicht darauf geachtet zu haben.«

Wulfoald wurde nachdenklich. »Ein Wörtchen nur, ein kleines Verhältniswort. Leicht zu überhören. Grammatici certant, et adhuc sub iudice lis est.«

Fidelma konnte nur müde lächeln. »Die Grammatiker streiten sich, und der Fall liegt immer noch vor Gericht«, wiederholte sie. »Doch eins dürfen wir nicht vergessen, aus einem bloßen sprachlichen Missverständnis entstehen selbst Kriege.«

»Wollen hoffen, dass aus dem rätselhaften Geschehen hier kein Krieg erwächst«, erwiderte er, band die Rosse los und schwang sich in den Sattel. Er streckte einen Arm aus und war Fidelma behilflich, hinter ihm aufzusteigen. Dann ergriff er die Zügel des Pferds, das mit dem Leichnam von Hawisa beladen war, und ritt mit aller Vorsicht auf dem Bergpfad hinunter zur Abtei.

Fidelma war reichlich durcheinander, als sie so hinter dem Krieger saß und sich an ihn klammerte. Etwas stimmte nicht, und sie beschlich die bange Ahnung, dass die Antworten auf all die mysteriösen Vorgänge in der Abtei selbst lagen.

KAPITEL 16

Fidelma und Wulfoald ließen ihre grässliche Last am Eingang zur Nekropole bei einem der Brüder. Er würde Weisungen für das Begräbnis erhalten. Bruder Wulfila stieß die Torflügel auf, um sie hereinzulassen, und schien ziemlich erregt. Gleich beim Absteigen hatte Fidelma den Eindruck einer gespannten Atmosphäre. Einer der Brüder führte die Pferde in die Stallungen.

»Ist alles so verlaufen, wie ihr gehofft hattet?«, fragte sie der Verwalter. »Habt ihr herausgefunden, wie das Feuer entstanden ist?«

»Es wurde absichtlich gelegt«, erwiderte Wulfoald. »Hawisas Hütte ist niedergebrannt, sie selbst ist in den Flammen umgekommen.«