Gedankenversunken saß Fidelma in ihrer Kammer. Was für eine Närrin war sie doch gewesen! Oder war es vielleicht noch immer. Warum reiste sie nicht einfach zurück nach Genua und fand ein Schiff nach Massilia, bevor in dem Tal ein Krieg tobte, der unweigerlich bevorstand? Mit den Ambitionen des ins Exil getriebenen Königs Perctarit oder denen von Grimoald hatte sie nicht das Geringste zu tun. Was aus denen wurde, interessierte sie überhaupt nicht. Sie sehnte sich danach, wieder daheim zu sein, unter Menschen ihres Landes. Sie war nur hierhergekommen, um ihren alten Lehrer, Bruder Ruadán, zu sehen, und als sie jetzt an ihn dachte, wusste sie, warum sie blieb. Sie schuldete es ihm, seinen Mörder ausfindig zu machen.
Und Bruder Eolann? Wie hieß doch das Sprichwort? Superbum sequitur humilitas – Hochmut kommt vor dem Fall. Nur durch ihren Hochmut und Stolz war sie auf die falsche Fährte nach dem Aurum Tolosanumnum geraten – Narretei das Ganze! Sie gab einen Stoßseufzer von sich und fragte sich ein weiteres Mal, ob es nicht dumm war, länger hierzubleiben, ob es nicht Hochmut und Eitelkeit waren, die sie glauben machten, sie könne das Rätsel lösen. Hatte Paulus nicht die Philipper ermahnt, nie etwas aus Eigenliebe oder Eitelkeit zu tun, sondern stets Bescheidenheit an den Tag zu legen?
Bescheidenheit. Was hatte sie tatsächlich an Fakten an der Hand? Bruder Ruadán hatte dem kleinen Wamba zwei alte Münzen gegeben. Aus welchem Beweggrund? Der Junge hatte eine davon zur Abtei gebracht und war am nächsten Tag tot, angeblich von einer Felswand gestürzt. Kurz darauf wurde Bruder Ruadán zusammengeschlagen vor den Toren der Abtei gefunden. Bruder Ruadán, bereits auf dem Totenlager, war überzeugt, man habe Wamba wegen der Münzen umgebracht. Ihr alter Mentor drohte ohnehin seinen Verwundungen zu erliegen, doch es gab jemanden, der sichergehen wollte, dass er nicht noch vor seinem Tode mit ihr sprach. Hätte sie sich nicht zu einer Zeit, da alles noch schlief, heimlich in seine Kammer zu ihm gestohlen, hätte sie nie etwas von den Münzen oder Wamba, dem Jungen, erfahren. Ihr Wissen hatte sie dann Bruder Eolann anvertraut.
Von dem Moment an, da sie die Sache mit den Münzen und Wamba Bruder Eolann erzählt hatte, wurde sie in die Wahnvorstellung von einem alten Schatz hineingezogen. Aurum Tolosanum. War es wirklich eine Wahnvorstellung? Der Name Servilius hatte sie in eine falsche Richtung gelenkt. Und jetzt war Bruder Eolann tot. Sie hatte ihn für den Täter gehalten. Aber irgendetwas übersah sie, wenn sie nur wüsste, was. Sie kam nicht weiter, war jetzt einfach zu müde. Sie hatte einen langen Tag hinter sich, auch wollte das Leichenbegängnis noch durchgestanden werden.
Sie gab es auf, die Gedanken sortieren zu wollen, und machte sich für die mitternächtliche Zeremonie fertig. In der Kapelle fand sie die Brüder bereits versammelt vor, die dem Abt und dem scriptor ihre letzte Ehre erweisen wollten.
Bruder Faro schien sie erwartet zu haben und überfiel sie mit den Worten: »Ich habe Schwester Gisa nicht finden können. Hast du vielleicht eine Ahnung, wo sie sein könnte?«
»Nicht im Geringsten.« Seine Frage und auch die Dringlichkeit in seiner Stimme überraschten sie. »Mir hatte man gesagt, du wärest losgegangen, um sie zu suchen.«
»Ich glaubte eine ungefähre Vorstellung zu haben, wo die Höhlen liegen, in denen sich Aistulf, der Eremit, aufhält.«
»Und hast sie nicht entdeckt?«
»Weder sie noch den Eremiten. Auf dem Rückweg traf ich unterwegs Magister Ado. Und hier ein Toter nach dem anderen. Der Ehrwürdige Ionas meint, du würdest die Morde aufklären können. Dabei sprichst du doch nicht einmal die Sprache der Langobarden. Bei aller Hochachtung – und ich weiß, dass der Ehrwürdige Ionas und mein eigener Meister Magister Ado große Stücke auf dich halten –, ich würde dir raten, noch morgen deine Rückreise anzutreten und nach Genua aufzubrechen. Hier droht überall Gefahr.«
Fidelma sah den sich ereifernden jungen Mann nachdenklich an.
»Was hat es mit dieser Gefahr auf sich, Bruder Faro? Weshalb bist du so besorgt, ich könnte länger bleiben?«
»Ich weiß nicht, worauf du hinauswillst.«
»Ich bin fremd hier, richtig. Aber im Grunde genommen bist du es nicht weniger. Du hast mir selbst erzählt, du wärest erst vor zwei Jahren auf der Suche nach einem friedlichen Zufluchtsort hier gelandet. Weshalb drängst du mich zur Abreise, bleibst aber selbst hier?«
Er schien peinlich berührt. »Ich glaube, du weißt, was mich hier hält.«
»Dann wirst du morgen deine Suche nach Schwester Gisa fortsetzen?«
Er nickte rasch. »Sowie es hell wird. Solltest du sie aber schon vorher zu Gesicht bekommen, bitte ich euch beide inständig, das Tal zu verlassen, denn ich fürchte, ein Sturm zieht herauf.«
»Sag mir ein paar Worte über Gisa. Kennt sie sich in dem Gebiet hier gut aus? Oder könnte sie in dem Tal leicht die Orientierung verlieren?«
»Sie ist hier groß geworden und für viele ein vertrautes Gesicht.«
»Hat sie dich mit ihren Familienangehörigen bekannt gemacht?«
»Über ihre Familie hat sie nie gesprochen. Manche sagen, sie sei mit Aistulf, dem Eremiten, verwandt. Ihr Vater, hat sie mal gesagt, wäre Arzt gewesen, und sie selbst kennt sich bestens mit Kräutern und Heilpflanzen aus. Das ist aber auch alles, was ich weiß.«
»Dein Rat war nicht umsonst, Bruder Faro, ich werde ihn überdenken. Wenn du dich morgen früh erneut auf die Suche begibst, schließt sich dir gewiss noch der eine oder andere an.«
Er sah sie grübelnd an. »Du bleibst?«
»Ich bleibe. Ich täte meinem alten Mentor Bruder Ruadán und auch den anderen Unrecht, wenn ich dem Tal einfach den Rücken kehren würde, ohne die Vorkommnisse aufzuklären.«
»Hoffentlich wirst du deine Entscheidung nicht bereuen. Wenn du mich fragst, ist der Sturm nicht mehr aufzuhalten.«
Gegen Mitternacht zog eine Fackeln tragende Prozession von den Toren der Abtei hinauf zur Totenstätte. Sie war nicht mit der von vor einigen Tagen zu vergleichen, die Bruder Ruadán zu Grabe getragen hatte. Den Brüdern waren die Furcht und die Anspannung, die sich ihrer bemächtigt hatten, anzusehen. Nur wenige waren dem Ruf des Ehrwürdigen Ionas gefolgt, und das waren vor allem die Sargträger. Der Einzige, der nicht zur Gemeinschaft der Brüder gehörte, war der junge Bursche Odo. Hawisa hatte man bereits, in Laken gehüllt, neben das geöffnete Grab von Wamba gelegt, das andere zuvor ausgehoben hatten. Angst und Schrecken schwebte über dem Trauerzug, gepaart mit Nervosität; bei dem geringsten harmlosen Geräusch fuhr ein jeder zusammen.
Unmittelbar hinter den Bahren mit dem Abt und dem scriptor schritten der Ehrwürdige Ionas und Magister Ado, gefolgt von dem Verwalter und dem Apotheker, hinter ihnen Fidelma und Bruder Faro. Zuerst senkte man Hawisas Leichnam mit einem kurzen Segensspruch in das Grab ihres Sohnes. Dann begrub man Bruder Eolann, und Fidelma wurde gebeten, vorzutreten und ein paar Worte über ihren Landsmann zu sagen. Sie hatte ihre Schwierigkeiten damit, wusste sie doch, dass er dabei mitgewirkt hatte, sie auf eine falsche Fährte zu locken. Sie brachte nur wenige Worte zustande.
»Bruder Eolann kam aus meines Vaters Königreich Muman«, begann sie. Sie benutzte die Formulierung, obwohl ihr Vater schon gestorben war, als sie noch Kind war. Es wäre zu umständlich gewesen, jetzt zu erklären, dass es in ihrem Land keine erbliche Folge auf dem Königsthron gab, die Könige aber dennoch aus dem Verwandtenkreis gewählt wurden. So war ihr Vetter Cathal der gegenwärtige König von Muman und ihr Bruder Colgú der Thronanwärter. »Man hatte ihn in die Abtei auf Inis Faithleann, der Insel des heiligen Faithleann, aufgenommen, der einer der großen Verkünder des Neuen Glaubens in unserem Land war.