Wieder hielt er Umschau, blickte nervös durch seine dicken Gläser nach allen Seiten. Kein Mensch weit und breit. Es war sechs Uhr morgens.
Klausner stülpte den Kopfhörer über die Ohren und schaltete den Apparat ein. Er lauschte ein Weilchen dem vertrauten schwachen Summen; dann ergriff er die Axt, stellte sich breitbeinig hin und hieb sie mit aller Kraft dicht über dem Boden in den Baumstamm. Die Schneide drang tief in das Holz und blieb dort stecken. Im Augenblick des Aufpralls hörte er einen höchst merkwürdigen Laut. Es war ein unbekannter Laut, anders als alles, was er jemals gehört hatte, ein raues tonloses Dröhnen, ein brummendes, tiefes Ächzen, nicht schnell und kurz wie der Aufschrei der Rosen, sondern langgezogen wie ein Seufzen. Am lautesten war es, als die Axt aufschlug, dann wurde es nach und nach schwächer, bis es schließlich verstummte.
Entsetzt starrte Klausner auf die Stelle, wo die Axt in das hölzerne Fleisch des Baumes gedrungen war. Er umfasste mit beiden Händen den Griff der Axt, zog die Schneide behutsam aus dem Stamm und warf das Werkzeug auf die Erde. Seine Finger tasteten über den Riss, der im Holz klaffte; er versuchte, die Ränder zusammenzupressen, um die Wunde zu schließen, und dabei murmelte er immer wieder: «Baum … ach, Baum … Es tut mir leid … Es tut mir so leid … Aber es wird heilen … O ja, es wird heilen …»
So stand er eine Zeitlang vor dem großen Baum, die Hände auf dem Stamm; dann drehte er sich plötzlich um und lief zurück – über die Straße, durch die Pforte, ins Haus. Er ging zum Telefon, sah im Buch nach, wählte eine Nummer und wartete. Seine linke Hand hielt den Hörer umklammert, während er mit der rechten ungeduldig auf den Tisch klopfte. Er hörte das Klingelzeichen am anderen Ende der Leitung, dann ein Klicken. Eine verschlafene männliche Stimme sagte: «Hallo, ja.»
«Dr. Scott?», fragte er.
«Ja. Am Apparat.»
«Dr. Scott, Sie müssen sofort kommen – bitte, schnell.»
«Wer spricht denn da?»
«Klausner. Sie erinnern sich doch, ich habe Ihnen gestern Abend von den Lauten erzählt, die ich hören möchte, und davon, dass ich hoffte …»
«Ja, ja, natürlich, aber was ist los? Sind Sie krank?»
«Nein, krank bin ich nicht, aber …»
«Was denn», sagte der Arzt, «und da reißen Sie mich morgens um halb sieben aus dem Schlaf?»
«Bitte, kommen Sie. Kommen Sie schnell. Ich möchte, dass jemand es hört. Es macht mich verrückt! Ich kann es nicht glauben …»
Der Arzt kannte diesen verzweifelten, fast hysterischen Tön – es war der gleiche Ton, in dem man ihm schon oft durchs Telefon zugerufen hatte: «Hier ist ein Unfall passiert. Kommen Sie schnell.» Er sagte langsam: «Sie wollen also wirklich, dass ich aufstehe und zu Ihnen komme?»
«Ja, jetzt gleich. Sofort, bitte.»
«Also gut – in ein paar Minuten bin ich da.»
Klausner setzte sich neben das Telefon und wartete. Er suchte sich zu erinnern, wie der Schrei des Baumes geklungen hatte, aber es gelang ihm nicht. Er wusste nur, dass es furchtbar gewesen war und dass sich ihm vor Entsetzen der Magen umgedreht hatte. Was für einen Schrei würde wohl ein Mensch ausstoßen, der fest in der Erde verankert dastehen musste, während ihm jemand eine scharfe Axt ins Bein hieb, sodass die Schneide tief eindrang und sich in der Wunde einkeilte? Vielleicht den gleichen Schrei? Nein. Ganz bestimmt nicht. Der Schrei des Baumes war schrecklicher gewesen als irgendein Laut, den Menschen hervorbringen konnten, weil er etwas so grauenhaft Tonloses, Kehlloses gehabt hatte. Und wie würden wohl andere Lebewesen schreien? Klausner sah sofort ein Weizenfeld vor sich, ein Feld voll lebender, aufrecht stehender gelber Weizenhalme, über das eine Mähmaschine fuhr, die mit ihren scharfen Messern die Halme durchschnitt, fünfhundert Halme in der Sekunde, in jeder Sekunde. O Gott, was musste das für ein Laut sein? Fünfhundert Weizenpflanzen, die gleichzeitig aufschrien, und in jeder Sekunde wurden fünfhundert weitere geschnitten und schrien – nein, dachte er, ich will nicht mit meinem Apparat auf ein Weizenfeld gehen. Ich würde danach nie wieder Brot essen können. Und wie ist es mit Kartoffeln, fragte er sich, mit Kohlköpfen, Karotten und Zwiebeln? Und mit Äpfeln? Ach nein, bei Äpfeln ist nichts zu befürchten. Sie fallen auf natürliche Weise ab, wenn sie reif sind. Mit Äpfeln ist es etwas anderes, sofern man sie abfallen lässt und sie nicht von den Zweigen reißt. Aber Gemüse … Kartoffeln zum Beispiel. Eine Kartoffel würde bestimmt schreien, ebenso eine Karotte, eine Zwiebel, ein Kohlkopf …
Er hörte das Knarren der Gartenpforte, sprang auf, lief hinaus und sah den hochgewachsenen Arzt, der sich mit seiner schwarzen Tasche in der Hand dem Haus näherte.
«Na», sagte Dr. Scott, «wo brennt’s denn?»
«Kommen Sie mit, Doktor. Ich möchte, dass Sie es hören. Ich habe Sie gerufen, weil Sie der Einzige sind, dem ich’s erzählt habe. Es ist drüben im Park. Kommen Sie mit.»
Der Arzt sah ihn an. Klausner schien sich beruhigt zu haben. Nichts deutete auf Geistesgestörtheit oder Hysterie hin; er war nur nervös und erregt.
Sie gingen über die Straße in den Park. Klausner führte den Arzt zu der großen Buche, an deren Fuß der sargähnliche schwarze Kasten stand. Daneben lag die Axt.
«Warum haben Sie den Apparat hierhergebracht?», fragte Dr. Scott.
«Ich brauchte einen Baum. In meinem Garten gibt es keine großen Bäume.»
«Und was soll die Axt?»
«Das werden Sie gleich sehen. Aber jetzt setzen Sie bitte den Kopfhörer auf und geben Sie acht. Geben Sie sehr gut acht, und sagen Sie mir nachher genau, was Sie gehört haben. Ich möchte ganz sichergehen …»
Der Arzt lächelte, nahm den Kopfhörer und stülpte ihn über die Ohren.
Klausner bückte sich und schaltete den Apparat ein. Dann ergriff er die Axt, stellte sich breitbeinig hin, um den Schlag zu führen. Einen Augenblick zögerte er noch. «Können Sie etwas hören?», fragte er den Arzt.
«Kann ich was?»
«Können Sie etwas hören?»
«Nur ein Summen.»
Klausner stand mit der erhobenen Axt da. Aber er brachte es einfach nicht fertig zuzuschlagen. Der Gedanke an den Laut, den der Baum von sich geben würde, ließ ihn abermals zögern.
«Worauf warten Sie noch?», fragte der Arzt.
«Auf nichts», antwortete Klausner. Er holte weit aus und schwang die Axt gegen den Baum. Und während er sie schwang, glaubte er zu fühlen, ja mehr noch, war er sicher zu fühlen, dass sich die Erde unter ihm bewegte. Ein leichtes Beben lief durch den Boden, auf dem er stand, als wären die Wurzeln des Baumes in der Tiefe erzittert. Aber es war zu spät, den Schlag zu bremsen. Die Axt traf den Stamm und drang in ihn ein. In diesem Augenblick erklang über den Männern das Krachen berstenden Holzes und das Rauschen von Blättern, die andere Blätter streiften. Sie sahen beide hoch, und der Arzt schrie: «Passen Sie auf! Laufen Sie, Mann! Schnell, laufen Sie!»
Er hatte den Kopfhörer abgerissen und rannte davon. Klausner aber stand wie erstarrt und blickte auf den großen, viele Meter langen Ast, der sich langsam nach unten neigte. An der dicksten Stelle des Astes, dort, wo er in den Stamm überging, barst, knackte und splitterte das Holz. Klausner konnte gerade noch rechtzeitig beiseitespringen. Der Ast fiel auf den Apparat und zertrümmerte ihn.
«Mein Gott!», rief der Arzt, als er zurückgelaufen kam. «Das ging nahe vorbei! Ich dachte schon, es hätte Sie erwischt!»