Ihr Gesicht strahlte. »Selbstverständlich.«
Kein Wunder, daß der Erbe der Stimme in letzter Zeit ausgesprochen frostig gewesen war. Er wollte nicht, daß die Tochter der Stimme allen Leuten erzählte, daß sie den Halbelfenbastard aus dem Palast heiraten würde, dachte Tanis bitter. Ohne nachzudenken, ließ er den Pfeil lossausen und traf in das Leinentuch über den Ballen, nur wenige Fingerbreit vom Drachenauge entfernt. Ein weiterer Pfeil traf das Tuch zwischen dem ersten Pfeil und dem Auge.
Laurana hatte genau zugeschaut. »Ganz gut, Tanis. Wirst du mich also heiraten? Eines Tages?«
Tanis ging vor, um seine Pfeile einzusammeln. Als er zurückkam, hatte er es sich überlegt. »Klar, Laurana«, sagte er. »Eines Tages heirate ich dich.«
Sie klatschte in die Hände. »Oh, hurra!« jubelte sie. »Ich will es gleich allen sagen.« Sie rannte aus dem Hof.
Der Halbelf sah ihr nach. So ist es recht, Lauralanthalasa, dachte er, sag es nur allen. Besonders Porthios.
Später am selben Morgen – es sah immer noch nach Regen aus – traf Tanis seine »Zukünftige« wieder, als er zum Himmelssaal ging, wo er nach vier Stunden Schießübungen einen klaren Kopf gewinnen wollte. »Da bist du ja!« rief ihre dünne, atemlose Stimme und riß ihn aus seiner Konzentration. Der Halbelf sah sich überrascht um. Laurana lief quer über den Platz auf ihn zu und hatte ihr grün-goldenes Kleid bis über die Knie hochgezogen, um besser rennen zu können. Der leuchtende Stoff hob sich bunt vom grauen Mittagslicht ab.
Laurana zog sich in letzter Zeit lieber wie eine Elfenfrau an als wie ein Kind. Die weichen, gerafften Spielanzüge der Elfenkinder hatte sie abgelegt. Vielleicht entsprach ihr neuer Kleidungsstil den Vorschriften des höfischen Protokolls, doch Laurana schien sich, ehrlich gesagt, weniger um die komplizierte Etikette und das Protokoll zu kümmern als Elfen von geringerem Rang. Wahrscheinlich verliert sie ihre Natürlichkeit, wenn sie älter wird, dachte er seufzend und fühlte sich plötzlich schrecklich alt.
»Wir müssen los«, flötete sie. »Gilthanas hat gesagt, daß er ihn auf dem Weg zum Platz gesehen hat!«
»Wen?« fragte Tanis.
»Meister Feuerschmied!« erklärte Laurana, als ob das nicht klar gewesen wäre.
Tanis wand sich innerlich. Er hatte eigentlich nicht vorgehabt, den Kindern und dem Spielzeugmacher wieder einmal zuzusehen, aber Laurana zog kräftig an seiner Hand, und er hatte kaum eine andere Wahl, als neben ihr herzustolpern.
Tatsächlich war der Zwergenschmied da, als sie den Platz erreichten. Er war von lachenden Kindern umgeben, und Laurana verschwand sofort zwischen ihnen. Tanis seufzte und zog sich wie üblich zu den Bäumen zurück. Bald liefen die Kinder auseinander und probierten ihre neuen Spielsachen aus. Laurana war mit einem kleinen Vogel mit Papierflügeln beschäftigt, der richtig durch die Luft segeln konnte. Tanis schob die Hände in die Taschen und wollte gehen.
»Halt, Junge, stehengeblieben!« sagte eine rauhe Stimme hinter Tanis, und er zuckte erschrocken zusammen, als sich eine schwere Hand auf seine Schulter legte. »Diesmal kommst du mir nicht so einfach davon.«
Tanis fuhr herum und sah sich dem Zwerg gegenüber. Meister Feuerschmieds Augen glänzten wie polierter Stahl. Tanis wußte nicht, was er sagen sollte, deshalb schwieg er, obwohl sein Herz heftig klopfte.
»Also«, begann der Zwerg vorsichtig, »ich weiß, daß – jedenfalls für manche Leute – ein einfaches Spielzeug nicht reicht, um die Sorgen zu vergessen.« Er schaute nachdenklich zu den fröhlichen Kindern hinüber. »Ich wünschte, es wäre bei allen so einfach.« Seine Augen begegneten wieder denen von Tanis. »Aber sei es, wie es ist, ich möchte dir trotzdem das hier schenken.« Er hielt ihm ein kleines Päckchen hin, das Tanis mit unsicheren Händen annahm.
Weil er nicht wußte, was er sonst tun sollte, fummelte er an der Schnur herum. Schließlich ging der Knoten auf, und das Papier löste sich und fiel herunter. Er starrte das Ding in seiner Hand an, und seine Kehle schnürte sich zusammen. Es waren zwei perfekt geschnitzte, detailgetreue Holzfische. Jeder hing an einen dünnen Goldfaden von einem kleinen Querbalken, der über einem hölzernen Ständer schwebte, welcher wie ein steiniges Bachbett geschnitzt war.
»Hier«, sagte der Zwerg, »ich zeig dir was.« Er berührte den Querbalken sanft mit der Fingerspitze, woraufhin der sich zu drehen begann. Die Fische drehten sich rund um den Mittelständer und tanzten dabei leicht an den Fäden auf und ab. Es sah aus, als würden sie da auf Tanis’ Hand ganz frei und anmutig umherschwimmen.
»Wenn es dir peinlich ist, ein Spielzeug anzunehmen, kannst du ja ›Holzskulptur‹ dazu sagen«, schlug der Zwerg augenzwinkernd vor.
»Das ist wunderschön«, flüsterte Tanis, und über sein Gesicht huschte ein Lächeln.
Während Tanis im Hof wartete, hatte er die Fischskulptur auf eine Steinmauer an der Seite gestellt. Schließlich kam Tyresian, wieder mit Selena, Ulthen und Litanas im Schlepptau. Porthios trat etwas später durch die Tür. Genau in diesem Moment fiel der erste Regentropfen auf einen der Wege, die den Hof durchzogen, und Tyresian, der eine knielange Tunika von sturmgrauer Farbe trug, blickte irritiert zum bleiernen Himmel.
»Ich finde, wir sollten die heutige Stunde lieber absagen«, sagte der Elfenlord, doch seine Gefährten – außer Porthios – stöhnten. Der Erbe der Stimme musterte die Gruppe nur ungerührt. Er hatte die hellen Augenbrauen zu seinem typischen Stirnrunzeln zusammengezogen.
»Und womit sollen wir uns dann unterhalten?« hörte Tanis Litanas murmeln, und Selena schlug trillernd eine Hand vor den Mund. Tanis krümmte sich innerlich.
Aber er hatte nicht fast den ganzen Vormittag damit verbracht, Pfeile in Heuballen zu schießen, um sich jetzt abschieben zu lassen. Er legte einen Pfeil auf und visierte sein Ziel an. Sein Tonfall war absichtlich sanft. »Ich halte ein bißchen Wasser schon aus, Lord Tyresian. Wenn es Euch allerdings stört, dürft Ihr Euch gern nach drinnen zurückziehen. Vielleicht zündet Euch ein Diener ein Feuer an. Was mich betrifft, ich bleibe.«
Der kurzhaarige Elf errötete vom eckigen Kinn bis zum Haaransatz. »Wir machen weiter«, erklärte er ohne Umschweife.
Der Regen hielt sich zurück, während Tanis Pfeil um Pfeil auf das Ziel abschoß, wobei erst blaue, dann rote Federn aufschimmerten, während sie über den Hof flogen. Ein paar Pfeile prallten gegen die Mauer, aber er traf den Heustapel immer zuverlässiger. Alle vier oder fünf Male traf er sogar die runde Zielscheibe – aber nie das Drachenauge in der Mitte. Tyresian leierte seine übliche Kritik herunter. »Halt die Schulter still. Nimm den Ellbogen zurück! Du schießt wie ein Gossenzwerg, Halbelf. Laß beide Augen offen. Du willst doch feststellen können, wie weit das Ziel entfernt ist, oder?«
Tanis lief in der drückenden Luft der Schweiß über das Gesicht, doch schließlich traf ein Pfeil nur zwei Fingerbreit neben dem Drachenauge. Triumphierend drehte er sich zu Tyresian und der plappernden Zuschauerschar um. Selena, die dunkle Ringe unter ihren Veilchenaugen hatte, schmiegte sich eng an Ulthen an. Sie kicherte nur noch haltlos. Ulthens halblanges, hellbraunes Haar streifte ihre Schulter, als er versuchte, ihr die Hand vor den Mund zu legen, um ihr Lachen zu ersticken. Litanas kniff die Augen zusammen, als er höhnisch lachte. Lord Xenoth hingegen, der Berater der Stimme, stand mit unbewegtem Gesicht in der Tür. Porthios stand an der Seite, schien aber wenig beeindruckt. Er nahm Flints Spielzeug in die Hand und spielte gedankenverloren mit dem Querbalken, wodurch die Fische herumwirbelten.
»Da!« schrie Tanis verzweifelt. »Und was ist das? Das ist fast das Drachenauge!« Zu seinem Entsetzen merkte er, daß er gegen Tränen ankämpfte. Wenn ich jetzt heule, sagte er sich, kann ich gleich nach Kargod ziehen.
Porthios stellte die Fische auf eine leere Bank und kam her, um Tanis’ glatten Eschenbogen zu nehmen. In seinem Gesicht kämpfte der Stolz gegen Verlegenheit, und einen Augenblick lang dachte Tanis, sein Vetter wäre durch die Wendung der Dinge beschämt.