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»Da.« Die Stimme des Elfenlords klang etwas heiser.

Scheinbar anstrengungslos schwang Porthios den Langbogen hoch und traf mit seinem Pfeil das Ziel. Dabei spaltete er Tanis’ Pfeil mit der stählernen Pfeilspitze, die laut zwischen Holz und Leinen aufkam. Wortlos gab er dem Halbelfen den Bogen zurück und wollte zu der Flügeltür gehen. Wieder sah Tanis einen Moment lang das Unbehagen in Porthios’ tiefliegenden Augen.

»Aber du hast auch nicht besser getroffen als ich!« erhob Tanis Einspruch, woraufhin Porthios sich umdrehte. Die beiden wurden von mehreren Regentropfen getroffen. Tanis hörte, wie Selena Litanas hineinschickte, um ihr Ölzeug zu holen. Auf der anderen Seite nieste Tyresian.

Mit dem Rücken zu den Zuschauern griff Porthios Tanis an den Oberarm. »Ich habe auf deinen Pfeil gezielt, kleiner Vetter, nicht auf das Drachenauge«, sagte er leise. Aus seinen grünen Augen, die so sehr denen der Stimme ähnelten, blitzte eine Warnung.

»Das sagst du jetzt!« schimpfte Tanis laut und wütend. Er merkte, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten. Ein Regentropfen traf Porthios auf den Kopf und glättete eine Locke des dunkelblonden Haars. »Ich sage, du hast das Drachenauge verfehlt!«

Er spürte mehr, als daß er es sah, wie Tyresian neben ihm auftauchte, und hörte den Elfenlord mit glatter Stimme sagen: »Das klingt nach einer Herausforderung, Mylord. Wollen wir doch mal sehen, wie unser hitzköpfiger Freund Halbmensch sich gegen Euch hält, Porthios.«

Das Mitgefühl auf Porthios’ Gesicht verflog. »Du forderst mich heraus?« fragte er leise.

Alle Augen ruhten auf ihm. Tanis entschied sich schnell. »Das tue ich!«

»Das ist aber nicht fair, Lord Porthios!« rief Ulthen von der Bank herüber. »Der Halbelf hat gerade erst mit dem Unterricht angefangen. Ihr habt schon einen gewissen Vorteil.«

»Ich kann besser schießen als du, Porthios!« schrie Tanis leichtsinnig.

Porthios musterte Tanis genau. Dann kam er näher. »Mach das nicht, Tanis«, murmelte er. »Zwing mich nicht dazu.«

Aber der Halbelf kochte bereits vor Wut. »Ich kann dich unter allen Umständen schlagen, Porthios!« erklärte er. Ein stetiger Nieselregen machte jetzt das Pflaster des Hofs naß. »Sag du die Bedingungen.«

Porthios seufzte und betrachtete das Moos zu seinen Füßen.

»Vier Pfeile nacheinander«, sagte er schließlich. »Wir nehmen deinen Bogen, Tanis.«

Diener eilten herbei und brachten kleine Pavillons, deren gestreiftes Tuch die jungen Adligen in ihren Seidenkleidern vor der Nässe schützten. Lord Xenoth verschwand und kehrte mit einem Umhang mit Kapuze zurück.

Tyresian ernannte sich selbst zum Schiedsrichter, und da seine Haare inzwischen sowieso an seinem kantigen Schädel klebten und es ihm in dem stetigen Regen schon von den spitzen Ohren tropfte, stellte er sich zwischen Porthios und Tanis auf. »Porthios Kanan nennt folgende Bedingungen: Tanis, der Halbelf, schießt viermal zuerst.« Seine militärische Stimme hallte von den nassen Steinwänden zurück. »Ein Drachenauge bringt zehn Punkte. Jeder andere Treffer auf die runde Zielscheibe fünf Punkte. Ein Treffer auf die Heuballen außerhalb der Zielscheibe bringt zwei Punkte. Das Heu völlig zu verfehlen«, er grinste gemein, »kostet den Schützen zehn Punkte.« Er hustete. »Wenn sich einer der beiden Schützen in diesem verwünschten Wetter eine Lungenentzündung holt, kostet das fünfzig Punkte, aber wir hoffen alle, daß es nicht dazu kommt.« Litanas, der inzwischen mit zwei Mänteln zurück war, applaudierte dem Scherz. »Rote Pfeile für Porthios, blaue für Tanis. Laßt die Kämpfer beginnen.«

Der Regen wurde stärker. Hin und wieder fiel ein Büschel Lorbeerblätter auf den Boden und blieb dann liegen, als hätte ein wütender Himmelsgott mit einem Stück Wald um sich geworfen. Tanis stellte sich auf und zielte durch die Regenfäden. Die Zuschauer hinter ihm wurden still, auch wenn ihr Schweigen wohl mehr mit dem Wetter zu tun hatte als mit Höflichkeit. Ulthen und Litanas sahen aus wie Meerelfen. Ihre Hosen waren bis zu den Knien naß. Selena, die den besten Platz in dem gelb-weißen Zelt gewählt hatte, war es besser ergangen.

Fast ohne nachzudenken, ließ Tanis den Pfeil losschnellen. Er vibrierte etwas, traf eine Leinenfalte rechts vom Ziel und blieb dort stecken. Ein heller, blauer Fleck vor dem graubraunen Hintergrund.

»Zwei Punkte für den Halbelfen!« rief Tyresian. »Als nächster kommt Porthios.«

Der Erbe der Stimme nahm den Langbogen von Tanis mit resignierter Miene entgegen. »Denk dran, Tanis. Ich habe das nicht gewollt.« Tanis begegnete seinem Blick unbewegt, als hätten sie sich nie gekannt.

Porthios legte einen Pfeil auf, zog den Arm zurück – und Tanis gefror vor Demütigung.

Porthios war Rechtshänder. Aber in diesem Kampf hielt er den Bogen auf der anderen Seite und spannte ihn mit dem schwächeren Arm. Tanis merkte, wie sein Gesicht erst blaß, dann rot wurde. Mit dem schwächeren Arm zu schießen, das war, als würde Porthios sagen, er könnte den Halbelfen mühelos besiegen. Er schien kaum zu zielen, bevor der rot gefiederte Pfeil fest im Drachenauge steckte.

»Zehn Punkte für den reinblütigen Elfen!« verkündete Tyresian.

Die nächste Runde erbrachte das gleiche Ergebnis, so daß es für Porthios und Tanis zwanzig zu vier stand.

»Es ist noch nicht zu spät zum Aufgeben«, sagte Porthios leise, als er Tanis nach dem zweiten Drachenauge den Bogen zurückgab. Inzwischen waren Porthios’ Freunde still. »Wir könnten die ganze Farce wegen des Regens abbrechen.«

Seine Worte trafen ebenso wie der Regenguß, der auf das Moos um die beiden Gegner prasselte. Selbst Tyresian war zu einem Pavillon gegangen. Nur die beiden Widersacher waren in dem Unwetter geblieben. Der Halbelf trat wieder an die Linie.

In der dritten Runde zischte Tanis’ Pfeil durch den Regen auf die Zielscheibe zu – und daran vorbei, wobei er ein Stück Stein aus der Mauer dahinter schlug.

»Minus zehn!« verkündete Tyresian. »Der Punktestand lautet: Tanthalas Halbelf, minus sechs auf drei. Porthios, zwanzig auf zwei.«

Porthios seufzte, und seine Handbewegung signalisierte, daß er den Wettkampf viel lieber abbrechen würde. »Na los«, sagte Tanis. »Schieß.«

Porthios schoß immer noch mit der linken Hand und nahm sich diesmal noch weniger Zeit. Sein Pfeil beschrieb einen hohen Bogen und traf das Ziel eine Handbreit von der Mitte entfernt. Er schien Tyresians Ruf kaum zu hören: »Fünf Punkte. Jetzt steht es minus sechs für den Halbelfen zu fünfundzwanzig für Porthios.«

»Du kannst überhaupt nicht mehr gewinnen«, drängte Porthios. »Laß uns doch aufhören.«

Tanis merkte, wie sein Kiefer hart wurde, und Porthios sah beiseite, als der Halbelf noch exakter zielte als bisher, sich genau auf das konzentrierte, was er tat und sich einen erfolgreichen Treffer ins Drachenauge vorstellte. Tanis schloß die Augen und forderte die Götter auf, ihm diesmal beizustehen. Er dachte an die verächtlichen Blicke von Xenoth, Selena und dem Rest und fühlte den Ärger in sich aufbrodeln. Da kniff er die Augen gegen den Regen zusammen, zielte genau und ließ den Pfeil lossausen.

Das Geschoß mit den kobaltblauen Federn beschrieb einen leichten Bogen, und Tanis sank das Herz.

Dann senkte er sich wieder und traf sauber ins Drachenauge.

»Zehn Punkte! Damit steht es bei plus vier für Tanis gegen fünfundzwanzig für Porthios.«

Porthios lehnte ab, als Tanis ihm den Bogen hinhielt. »Laß es gut sein, Halbelf. Es ist ein neuer Sport für dich. Laß es gut sein.«

Einen Augenblick lang hatte Tanis fast dem Mitgefühl nachgegeben, das wieder in Porthios’ grünen Augen aufkeimte. Plötzlich war er sich schmerzhaft seiner Umgebung bewußt – der nasse Pflanzengeruch des feuchten Mooses, der Duft der Äpfel, die unter einem nahen Baum lagen, das leise Tschilpen eines Sperlings, der sich in einem Busch vor dem Sturm versteckt hatte.

Dann meldete sich Tyresian zu Wort. »Vielleicht hätten wir eine ›menschlichere‹ Sportart als den Bogen wählen sollen, Halbelf.« Tanis merkte, wie der Zorn wieder in ihm hochstieg.