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»Schieß, Porthios«, fauchte er. »Oder gib dich geschlagen.«

Porthios war die Scharade offensichtlich leid. Er erhob die Arme und sah nur mit halbem Auge zum Ziel, als er tat, was Tanis verlangte. Der Pfeil ging mehr als zehn Schritte am Ziel vorbei.

»Endstand: Porthios ist Sieger mit fünfzehn Punkten. Vier Punkte insgesamt für den Halbmenschen, der sein Können in einem Elfensport beweisen wollte«, konstatierte Tyresian. Damit drehte er sich auf dem Absatz um und ging in Richtung Palast.

Selbst Selena und Litanas verschlug es bei dem Gift in Tyresians Worten die Sprache, aber sie folgten Tyresian zu den Stahltüren, die matt durch den grauen Regenguß schimmerten. Nur Ulthen erhob Einspruch. »Unfair, Lord Tyresian«, beschwerte er sich. »Er hat sein Bestes gegeben.«

Tyresians Antwort kam prompt. »Und das hat nicht gereicht, oder?«

Während der Hof sich leerte, stand Porthios unsicher vor Tanis, anscheinend ohne das Unwetter wahrzunehmen, das die Zweige der Bäume wie Schilfgras bog. So etwas wie Scham zeichnete sich auf dem Raubvogelgesicht des Elfenlords ab. »Tanis, ich…«, sagte er, ohne weiterzureden.

Tanis sagte kein Wort, sondern bückte sich bloß betont nach seinem weggeworfenen Bogen. Dann lief er zur Mauer, um die blauen und roten Pfeile wiederzuholen, deren Federn von dem Schlamm verschmutzt waren, der sich zwischen den Moospolstern bildete.

»Tanis«, wiederholte Porthios, und sein Gesicht verriet auf einmal die Charakterstärke, die er als Stimme besitzen würde, wenn er sie nur wachsen ließ.

»Ich fordere Revanche«, unterbrach ihn Tanis.

Porthios klappte der Unterkiefer herunter, und seine Oberlippe verzog sich, als würde er seinen Ohren nicht trauen. »Bist du verrückt, Tanthalas? Du bist erst dreißig, und ich achtzig. Diese Farce war mir jetzt schon peinlich genug. Um Himmels willen, würdest du dich denn mit Laurana messen wollen? Und dieser Witz hier ist für mich nichts anderes.«

Tanis verstand Porthios absichtlich falsch. »Für dich ist es vielleicht witzig, Porthios. Mir ist es todernst. Ich fordere Revanche.«

Porthios ließ resignierend die Schultern hängen. »Es regnet, Tanis. Ich will nicht noch einmal mit dir um die Wette schießen…«

»Keine Bogen«, beharrte der Halbelf. »Fäuste.«

»Wie?« fauchte der Elfenlord. Tanis konnte die Gedanken seines Vetters fast hören: Was für eine menschliche Methode, einen Streit zu entscheiden.

Alle Zuschauer bis auf Lord Xenoth waren reingelaufen, um sich trockene Kleider und Glühwein zu holen. Xenoth jedoch hing bei der Tür herum. Möglicherweise interessierte ihn der scharfe Tonfall ihrer Stimmen. Mit seinem widerspenstigen, weißen Haar, den geschürzten Lippen und der Silberrobe wirkte der alte Berater, wenn er so die Hände vor der Brust faltete, wie eine alte Angorakatze, der schon ein paar Zähne fehlen, die aber immer noch neugierig ist.

Schön, dachte Tanis. Du willst der Stimme etwas erzählen? Das sollte reichen.

Und er schlug Porthios ins Gesicht.

Eine Sekunde später lag der Erbe der Stimme lang auf dem Rücken im Matsch. Auf Porthios Gesicht erschien ein verblüffter und entsetzter Ausdruck, der unter anderen Umständen komisch gewesen wäre. Der Regen wusch die Farben seiner langen Seidentunika aus, so daß kleine gelbe, grüne und blaue Bäche über die Arme des Elfenlords rannen. Er sah aus, als wäre er wirklich gelb vor Überraschung, und Tanis fing schallend an zu lachen.

… und fand sich selbst an einem kleinen Pfirsichbaum wieder. Es war, als hätte man ihn kopfüber in ein gewaltiges Stachelschwein aus dem Düsterwald geworfen. Die Zweige zerkratzten ihm das Gesicht, er hörte kleine Äste brechen und fühlte, wie Früchte auf ihn plumpsten, weil er sie losschlug. Der Geruch zermanschter Pfirsiche stieg ihm in die Nase.

Der Kampf hatte begonnen. Porthios verteidigte sich nur, während Tanis die reine Wut vorantrieb. Der ältere, schnellere Porthios konnte Tanis austricksen. Aber das Menschenblut des Halbelfen verlieh Tanis eine Kraft, die dem schlanken Elfenlord fehlte. Obwohl Porthios den Halbelfen anfangs im Griff hatte, merkte Tanis daher bald, daß sich das Kampfglück ihm zuwandte.

»Kinder! Kinder!« Die neue Stimme durchdrang den Nebel der Wut, der Tanis’ Gehirn durchzog. Das kochende Blut in Tanis’ Ohren beruhigte sich einen Moment lang, und der Halbelf sah hinüber zu Lord Xenoth. Der alte Ratgeber hüpfte hysterisch zwischen Porthios und Tanis herum. Keiner der drei achtete mehr auf den Regen, der sie weiterhin durchnäßte. Porthios’ Tunika hatte eine häßliche, grünlichgelbe Farbe angenommen und war vorne vom Schlüsselbein bis zum Bauch aufgerissen. Aus dem Mund des Elfenlords lief etwas Blut, und ein Auge begann zu schwellen. Xenoths Mantel war mit Matsch bespritzt. Tanis sah an seinen eigenen Kleidern hinunter. Ein matschverklumpter Mokassin lag an der einen Bank, die helle Farbe seiner Hose war unter einem Mantel aus Schlamm verschwunden, und der Bogen – die Waffe, mit der das alles angefangen hatte – lag zerbrochen zu seinen Füßen. Trotz der Blutflecken auf seinem Hemd hatte er jedoch offenbar nur kleinere Beulen und Kratzer davongetragen.

Dann stockte Tanis der Atem. Auf dem Granitweg entdeckte er Flints Spielzeug. Es war zerbrochen.

Während der keuchende Ratgeber Porthios in den Palast half – wobei er kreischte: »Du wirst noch davon hören, Halbelf!« –, fiel Tanis auf die Knie und sammelte zärtlich die Einzelteile des Spielzeugs auf. Ein Fisch war heil geblieben, aber die dünne Kette, die ihn an dem Querbalken befestigt hatte, war gerissen. Der Querbalken selbst fehlte. Und der Ständer – die Nachbildung eines steinigen Flußbetts – war mitten entzweigebrochen. Er sammelte die Stücke zusammen, fand dann noch den Querbalken in einer Pfütze fünf Schritte weiter und wickelte alles in den Vorderzipfel seines Hemds.

Tanis sah auf. Die Tür war hinter Xenoth und Porthios zugefallen, und er stand allein in dem grauen Hof.

Es schüttete immer noch vom Himmel.

Die Stimme der Sonne marschierte eilig den Korridor entlang, wobei sich der waldgrüne Mantel wie eine bizarre Sturmwolke hinter Solostaran aufblähte und der goldene Saum wie ein Blitz zuckte. Doch es war das Funkeln seiner Augen, bei dem die erschrockenen Diener und Höflinge rasch auswichen, wenn er auf seinem Weg zu den Gemächern der Familie im Palast an ihnen vorbeikam. Alle wußten aus Erfahrung, daß einiges dazu gehörte, die Stimme wütend zu machen, aber Gnade den Unglückseligen, die ihm im Weg standen, wenn er wirklich einmal zornig war.

»Tanis!« rief er streng, als er die Tür zum Schlafzimmer des Halbelfen aufstieß. »Tanthalas!«

Das Zimmer wurde nicht von einer Lampe erleuchtet, doch im roten Licht von Lunitari, das durch ein Fenster hereinströmte, sah er, wie sich eine Gestalt auf dem Bett regte.

»Tanthalas«, wiederholte Solostaran.

Die Gestalt setzte sich auf. »Ja«, ertönte es bleiern – flach, schwer, unbewegt.

Die Stimme schlug Feuer und zündete eine kleine Lampe an. Er sah zu der zusammengesunkenen Gestalt auf dem Bett und hielt die Luft an.

Auf der blassen Haut von Tanis’ Gesicht und Armen zeichneten sich Blutergüsse und Schorfkrusten ab. Tanis verlagerte sein Gewicht, atmete rasch ein, hielt sich die Seite und richtete sich dann mit einem Ruck auf.

Mit den Jahren hatte Solostaran es gelernt, seine Gefühle hinter der kühlen Maske zu verbergen, die er bei Hof präsentierte. Dieses Training kam ihm jetzt zugute, als er sah, wie sein adoptierter Neffe, den er so liebte, um einen gleichgültigen Ausdruck kämpfte – als würden Beulen und Schrammen zum Alltag gehören.

Die Stimme blieb stehen und sagte kalt: »Um fair zu sein, teile ich dir mit, daß Porthios jede Erklärung zu dem Vorfall verweigert. Und anscheinend hat er alle anderen da draußen – erstaunlicherweise selbst Lord Xenoth – so eingeschüchtert oder beschwatzt, daß auch sie Stillschweigen bewahren. Kannst du mir vielleicht verraten, was sich heute im Hof abgespielt hat?«

Die Gestalt auf dem Bett blieb stumm. Dann blickte Tanis auf seinen Schoß und schüttelte den Kopf.