Offenbar gab es keine Ausrede. Tanis seufzte. Als erstes mußte er sich entscheiden, was er herstellen wollte, aber das war noch das Leichteste. Er wünschte sich schon lange ein Jagdmesser wie das von Porthios.
Der Zwerg führte seine Hände und zeigte Tanis, wie er den Stahl erhitzen mußte und wie er mit dem Hammer zuschlagen sollte, damit keiner der heißen, wegspringenden Funken seine Hand traf.
»Du sollst nicht einfach darauf eindreschen, Junge«, mahnte Flint. »Es sind gleichermaßen dein Wille und dein Arm, die den Stahl in Form bringen. Stell dir das fertige Stück vor. Und dann schlag zu und sieh, was passiert.«
Tanis befolgte die Anweisungen, wobei er darüber nachdachte, wieviel leichter es doch war, von Flint und Miral zu lernen als von Tyresian. Das Messer begann, Gestalt anzunehmen.
Tanis fühlte Wärme in seinem Arm und in seiner Brust aufsteigen. Das ist nur die Hitze der Esse, sagte er sich, aber irgendwie wußte er, daß das nicht stimmte. Vielleicht verstand er jetzt ein wenig von dem, was Flint empfand, wenn er hier am Amboß stand, eine Klinge in einem leblosen Klumpen Metall erahnte und sie mit Feuer und Hammer, mit Herz und Verstand, herausholte.
»Jetzt lösch es, solange es noch rotglühend ist«, sagte Flint, und Tanis tauchte den dünnen, spitzen Stahlstreifen in das halbe Faß Wasser, das am Amboß stand. Dampf stieg zischend auf und leuchtete rot im Licht des Schmelzofens. »Löschen härtet das Metall«, erläuterte Flint.
Tanis zog den rauhen, schwarzen Stahl aus dem Wasser und betrachtete ihn kritisch. »Das sieht aber nicht so ganz aus wie ein Messer.«
»Unsinn«, knurrte Flint. »Dein Messer ist da drin, ganz sicher. Es muß nur noch poliert und am Wetzstein geschärft werden. Mach das und binde ein Heft daran, dann wirst du schon sehen.«
Da grinste Tanis. Das Stück Stahl sah etwas schief aus und war nicht ganz flach, aber es würde sein Messer sein. »Danke, Flint«, sagte er, doch der Zwerg schüttelte den Kopf.
»Du hast es gemacht, nicht ich«, erwiderte Flint.
Flint dachte nach. Die Herbsttage wurden kürzer. Das Laub der Espen glänzten in der Sonne wie Gold, das der Eichen wie gehämmertes Kupfer. Mehr als einmal hatte die Sonne morgens schon Reif auf Gras und Bäumen zum Funkeln gebracht. Aber später schmolz der Reif, die Sonne löste den feuchten Nebel auf, und am Nachmittag war die Luft trotz des warmen Lichtes kühl.
Hinter Flints Laden stand ein moosbewachsenes Mäuerchen, und dahinter erstreckte sich eine kleine Wiese, die an einem Wäldchen aus Espen und Pinien endete. Im Gegensatz zu den zahllosen Gärten und Höfen von Qualinost kümmerte sich niemand um die Wiese und den Hain. Scheinbar war es ein Rest des Waldes, noch aus der Zeit, als Kith-Kanan sein Volk nach Qualinesti geführt hatte. Sie erinnerten daran, daß es einst keine Stadt und keine Elfen gegeben hatte, sondern nur den tiefen, dunklen Wald und die Musik des Windes.
Manchmal machte Flint eine Pause, trat aus der verrauchten Hitze der Schmiede und setzte sich hier auf die Mauer, um die klare Luft einzuatmen, während seine stämmigen Beine über den Rand baumelten. Der Hain hinter der Wiese ließ ihn oft an seine Reise von Solace hierher denken, quer durch den Wald von Qualinesti, und wieder einmal fragte er sich, ob er nicht bald aufbrechen sollte. Noch ist es hell und warm, Flint, sagte er zu sich, aber der Winter steht vor der Tür, so sicher, wie Stahl hart ist. Und auch wenn er hier in den Wäldern bestimmt nicht so rauh ist, wird das woanders nicht so sein, und wenn du verrückt genug bist, es dann zu versuchen, könntest du erfrieren, lange bevor du Solace erreichst.
Aber jedesmal schien es noch eine einzige Sache zu geben, die er erledigen mußte, bevor überhaupt nur an die Abreise zu denken war. Er hatte Lady Selena einen Satz Trinkkelche versprochen, die wie vergoldete Tulpenblüten aussehen sollten. Allein daran hatte er vierzehn Tage gearbeitet, doch als er damit fertig war, mußte er gleich eiligst zwei ausgefallene Hochzeitsketten anfertigen, die er einem jungen Adligen versprochen hatte, der unbedingt einem Elfenmädchen den Hof machen wollte. Und dann betrat der Hauptmann der Wache der Stimme den Laden, dessen Langschwert einfach kein Gleichgewicht hatte, und die Elfenschmiede konnten es angeblich nicht reparieren. Für Flint war das Problem so offenkundig – der dekorative Handschutz am Heft hatte das Gleichgewicht völlig verändert –, daß er seine Selbstachtung verloren hätte, wenn er sich geweigert hätte zu helfen. So sicher, wie sein Bart wuchs, kamen die Aufträge.
Bis auf ein paar neue Kleider, Geschenk der Stimme, sah Flint praktisch noch genauso aus wie an dem Tag, als er Qualinost zum ersten Mal betreten hatte. Seine schweren Stiefel mit den Eisensohlen hatte er allerdings gegen ein paar aus weichem, grauem Leder eingetauscht, und obwohl seine Füße immer noch doppelt so groß waren wie die der Elfen, donnerten jetzt wenigstens seine Schritte nicht mehr so laut.
Und seine Kleider… Grün war eigentlich nicht Flints Farbe, doch der Schneider, den die Stimme ihm vor vier Tagen geschickt hatte, hatte mit der Zunge geschnalzt und den Kopf geschüttelt, als Flint rostrote Wolle für seine neue Herbstgarderobe wählte. Der alte Elf bestand auf Smaragdgrün, obwohl Flint protestierte, weil ihm das zu grell war. Bei der Anprobe schließlich hatte der alte Schneider in die Hände geklatscht.
»Das steht Euch hervorragend, Meister Feuerschmied!« hatte er ausgerufen.
»Findet Ihr?« hatte Flint gefragt, der sich stirnrunzelnd in dem polierten Silberspiegel betrachtete.
»Aber ja«, antwortete der Schneider mit fester Stimme. »Ihr seht wirklich umwerfend aus.«
»Das stimmt, Flint«, hatte Tanis aus der Ecke zugestimmt.
Umwerfend? hatte Flint gedacht, als er sein Spiegelbild kritisch begutachtete und dann über sich selber grinsen mußte. »Na ja, dann leg ich doch gleich mal los«, hatte er gesagt. Tanis hatte gelacht.
Jetzt rannte der Halbelf mit seinem wehenden rotbraunen Haar um die Ecke von Flints dunklem Geschäft – das im Vergleich mit den benachbarten Elfenhäusern eher einer Hütte glich.
»Ich Glücklicher. Gesellschaft«, schnaubte Flint, auch wenn er lächeln mußte. »Wo ist denn der Frechdachs Laurana? Ich bin überrascht, daß sie dich nicht zu irgendwelchen Tobereien oder so entführt hat.«
»Hat sie versucht«, meinte Tanis. Er pflückte zwei Äpfel von einem überladenen Baum, warf den besseren Flint zu, suchte sich ein bequemes Plätzchen auf der Mauer und schloß die Augen, damit das Sonnenlicht seine Lider wärmte. Überrascht bemerkte Flint, daß Tanis trotz der etwas spitz zulaufenden Ohren und der leichten Schlitzaugen so, wie er da saß, einem menschlichen Kind sehr ähnlich sah. Das ließ den Zwerg wieder an Solace denken, und er fühlte so etwas wie Heimweh.
»Mir war heute nicht nach Spielen«, fuhr Tanis fort. »Außerdem war Gilthanas auch da, und ich glaube nicht, daß er mich dabeihaben wollte.«
»Pah«, sagte Flint, schmiß den Apfelrest über die Schulter und wischte sich die Hände am Bart ab. »Ich bin sicher, daß Lauranas Bruder nicht so denkt.«
Tanis schaute den Zwerg an und sagte ernst: »Er will nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich dachte immer, er wäre wie mein eigener Bruder, aber jetzt will er anscheinend nur noch Porthios nacheifern. Und Porthios hat sich mir gegenüber nie wie ein Bruder verhalten.«
Die schroffen Züge des Halbelfen verdüsterten sich. Flint seufzte und legte Tanis seine Hand auf die Schulter. »Hör mal, Junge«, sagte er leise, »manchmal weiß man nicht, warum Leute so sind, wie sie sind. Aber nimm ihnen das nicht übel. Ich bin sicher, es wird sich alles klären.«
»Ich habe eine Vermutung, warum er sich so verhält«, sagte Tanis, führte das aber nicht näher aus. Und Flint spürte, daß es Dinge im Leben des Halbelfen gab, die er mit niemanden teilen wollte, und sagte nichts weiter. Natürlich hatte Flint Laurana die Geschichte mit dem Kampf von Porthios und Tanis aus der Nase gezogen – nur die Götter wußten, wie sie das herausbekommen hatte –, aber der Zwerg hatte seinem neuen Freund nie offenbart, daß er darüber Bescheid wußte.