Doch der Knoten in der Schnur, die die Satteltaschen verschloß, widerstand seinen Bemühungen und war nicht zu öffnen. Der Tylor kam noch einen Schritt näher; der Gestank wurde immer schlimmer. Han-Telio kannte ihn.
Es war der Gestank von verfaultem Fleisch.
»Wo willst du denn hin, Elf? Es sieht nicht so aus, als wenn dein Pferd dich noch weiter tragen will.«
Han-Telio wußte nicht, weshalb er antwortete. »Zu Ginevra«, erwiderte er, während er mit der einen Hand an den Zügeln riß, mit der anderen an den Satteltaschen. Er atmete stoßweise. »Ich muß nach Hause zu Ginevra.«
Schließlich zerriß der Händler mit der Kraft der Verzweiflung die Schnur und zog sein Kurzschwert.
Als Han-Telio wieder aufblickte, stand der Tylor nur noch wenige Schritte entfernt. Er wiegte seinen Kopf, um sein Opfer zu hypnotisieren. Der Händler sah mit fasziniertem Entsetzen zu, wie das Tier erst an einem Strauch, dann an einem Quarzfelsen vorbeikam und sich dabei erst grün, dann rosarot verfärbte, um schließlich wieder die Schlammfarbe des graubraunen Pfades anzunehmen. Tarnung, dachte der Elf überflüssigerweise.
»Ein kleiner Zahnstocher wie dieses Kurzschwert wird dir gegen meinesgleichen wenig helfen, Elf!« brüllte das Monster, dessen gepanzertes Gesicht nur noch zwei Armlängen entfernt war. Dann erfüllte der Tylor die Lichtung mit einem Schrei, der Han-Telio das Mark in den Knochen gefrieren ließ.
Das Pferd des Händlers bäumte sich außer sich vor Schrecken endlich auf und wandte sich zur Flucht. Doch der Tylor sprang vor und erwischte das Pferd mit seinen Pranken am Hals, während Han-Telio schreiend absprang. Der Händler schrie noch einmal, als der Schwanz des Tylors mit kobragleicher Schnelligkeit zuschlug.
Der Elfenkörper, der auf dem felsigen Boden des Wegs aufschlug, war praktisch in zwei Teile geteilt.
Drei Opale rollten ein Stück davon und blieben in einer Blutpfütze liegen.
Das Brüllen kam aus einiger Entfernung, als Flint hilflos an den Zügeln seines Maultiers zerrte und vergeblich versuchte, das Tier dazu zu bringen, die Reise nach Qualinost fortzusetzen. Einen Augenblick stand er wie angewurzelt da, seine hellwachen, blauen Augen direkt vor den blöden, braunen von Windsbraut. Dann wehte ein dünner Schrei durch den Wald, und Flints Hand fuhr zu seiner Streitaxt, als er sich auf dem Pfad drehte, um festzustellen, aus welcher Richtung die Geräusche kamen. Windsbraut scharrte hinter ihm nervös in der Erde.
Der Schrei ertönte noch einmal, diesmal lauter, endete jedoch abrupt. Er kam direkt von vorne.
»Bei Reorx’ Donnerschlag!« rief der Zwerg aus, während er sich auf Windsbrauts Rücken schwang. »Beweg dich, du verdammtes Maultier, sonst verfüttere ich dich an einen Minotaurus und sehe zu, wie er dich verputzt!«
Windsbraut reagierte plötzlich und galoppierte den Pfad hinunter, so schnell die Riesenhufe sie trugen. Flint zog beim Reiten das Kurzschwert. Zehn Minuten später – eine Ewigkeit für den besorgten Zwerg – kam Windsbraut schnaufend zum Stehen. An einer Stelle, an der sich eindeutig ein Kampf zugetragen hatte.
Der Zwerg stieg zunächst nicht ab, sondern saß da und versuchte abzuschätzen, ob das Wesen, daß dieses Gemetzel angerichtet hatte, noch in der Nähe lauerte. Die harten Eichenstämme zeigten Kerben von gewaltigen Schlägen. Schlanke Espen lagen zu Dutzenden zersplittert zu beiden Seiten des Pfades. Die festgetretene Erde unter seinen Füßen wies eindeutig einen Blutfleck auf, der bereits braun wurde. Ein Rosenquarzfelsen weiter oben war blutverschmiert. Das Blut trocknete bereits am Rand des dichten Unterholzes. Windsbraut war unruhig, als wolle sie davonrennen. Flint beruhigte das Maultier und rutschte leise aus dem Sattel.
Der Wald um sie herum war still bis auf die typischen Waldgeräusche, so als wäre alles auf Krynn ganz normal. In der feuchten Erde rechts von Flint blühten winzige Blutwurzelblümchen, doch dahinter konnte er höchstens zehn Fuß weit in das Unterholz blicken, weil alles voll junger Blätter war. Mit der Streitaxt in der rechten Hand und dem Kurzschwert in der linken wartete er. Ein leichter Wind, der nach altem Schnee, frischer Erde und salzigem Blut roch, bewegte ein paar schwarze und graue Haare an Flints Bart.
Nichts geschah.
Er entspannte sich nur ein wenig und ergriff die Zügel des Maultiers mit derselben Hand, die das Kurzschwert hielt. So lief der dicke Zwerg vorsichtig um die Lichtung und blieb zwischendurch stehen, um die Abdrücke der Klauen und der peitschenartigen Hiebe zu untersuchen, die den Wald verwüstet hatten.
»Eindeutig ein Wesen mit einem langen Schwanz«, überlegte Flint, der keinen Augenblick seine Streitaxt losließ und ununterbrochen mit scharfen Augen das Unterholz absuchte. »Wie eine Echse. Aber im Wald?«
Er merkte, wie seine Augen abschweiften, als er langsam im Kreis ging. Die Eiche, der Felsen, noch eine Eiche und ein Dutzend Espen verschwammen einfach.
»Eine Waldechse, das ist doch Unsinn«, fand er, als sein Blick an einer knubbeligen Eiche in etwa zwanzig Fuß Entfernung hängenblieb.
An einem Stück Holz, das auf halber Höhe aus dem Baumstamm ragte, klebte wieder Blut. Der Stamm darüber…
… sah ihn an.
Und die Augen verrieten Intelligenz.
Flint fühlte, wie die rasiermesserscharfen Zähne des Tylors an seinem Kopf vorbeischnappten, während der Zwerg über die Lichtung ins Unterholz stürzte. Er warf sich auf die nasse Erde und hörte mehr, als daß er es sah, wie Windsbraut vorbeipreschte. Als er sich aufrichtete, war sein Bart voller Lehm. Hastig blickte er sich nach dem Monster um. Bei Reorx’ Schmiede, was war das bloß? dachte er.
Das Wesen, das kurzfristig zwischen einer Eiche und einer Fichte hängengeblieben war, brach den Nadelbaum um und raste über die Lichtung.
Es kam genau auf Flint zu, der mit einer Geschwindigkeit davonrannte, die seine langsameren Zwergenverwandten schlichtweg erstaunt hätte. Nach etwa fünfzig Schritten hatte er Windsbraut eingeholt, die aufgrund ihrer Größe nicht so schnell durch die Bäume schlüpfen konnte wie Flint. Da das Maultier jedoch stärker war als der Zwerg, schienen die beiden Rassen etwa gleichauf zu liegen. Der blutrünstige Tylor hinter ihnen stieß die Bäume um und brüllte. Zwerg und Maultier brachen durch das Unterholz, bis Flint überhaupt keine Ahnung mehr hatte, wo sie waren.
»Reorx!« keuchte er, als er auf eine neue Lichtung rannte, das Maultier einen halben Schritt hinter sich. In der Mitte der Lichtung stand eine gewaltige, abgestorbene Eiche – so groß, daß man sechs oder sieben Mann gebraucht hätte, um sie mit den Armen zu umfassen. Auf einer Seite lag ein Schatten – nein, eine Vertiefung im Stamm.
Nein, eine Öffnung. Der Baum war hohl.
Als der Tylor hinter Flint aus dem Wald brach, schoß der Zwerg in die Öffnung im Baum. Das Maultier folgte ihm dicht auf den Fersen.
»Windsbraut!« protestierte der Zwerg, als sich das stinkende, schweißüberströmte Maultier mit ihm in das dunkle Innere der Eiche zwängte. Flint drehte sich zu dem Loch im Stamm um, weil er eigentlich vorhatte, das Maultier wieder rauszuschieben.
Aber die Öffnung war verschwunden. Der Tylor draußen brüllte und schrie vor Wut und donnerte immer wieder gegen den Baum. Dann begann er, magische Worte zu singen.
Flint fand sich in absoluter Finsternis wieder. Seine kurzen Arme hatte er um den Hals seines zitternden Maultiers geschlungen.
»Donnerwetter«, stammelte er. »Was jetzt?«
Er tastete sich an Windsbrauts Rücken zum Gepäck vor und zog Feuerstein und Stahl heraus. Kurz danach fand Flint beim Herumtasten einen Stock auf dem nadelübersäten Boden des Baums, den er anzündete. Der Stamm zitterte unterdessen vom Klang des magischen Gesangs und der Gewalt der Schläge des Tylors. Windsbraut drängte sich noch näher an den Zwerg, der sie ungnädig zur Seite schubste.
»Da rüber, Dummchen«, zischte er. Der Zwerg hielt das brennende Holzstück hoch und untersuchte den Boden des Stammes. Da war eine dünne Erdschicht, in die er seinen kurzen Finger bohrte – und dahinter Holz.