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Das allein war wenig überraschend in einem hohlen Baum, doch seine Finger fühlten auch, daß etwas in das Holz eingeritzt war.

Nachdem er Windsbraut erneut beiseite geschoben hatte, fegte Flint die Erde weg, bis das Eingeritzte zu sehen war.

»Bei Reorx’ Hammer!« flüsterte er. »Eine Rune!« Er beugte sich weiter vor, ohne auf die Fackel zu achten, von der plötzlich ein Funke in die trockenen Piniennadeln flog. Die Nadeln flammten auf der Stelle hell auf und schlossen einen Kreis um den Holzboden des Stammes. Das Maultier stand bebend in dem Flammenzylinder, ohne auf Flints Versuche zu achten, es aus dem Feuer zu zerren.

Flint erfuhr nie genau, was als nächstes geschehen war. Einen Augenblick zog er noch am Halfter eines störrischen Maultiers, im nächsten Augenblick stand er in einer geräumigen Eichenkammer, und zwar offenbar tiefer als dort, wo er gerade noch gewesen war.

Die Kammer war völlig still bis auf das Keuchen eines hysterischen Packtiers und eines kaum gelasseneren Zwergs. Er hielt seine behelfsmäßige Fackel in die Höhe. In der halbkugelförmigen Kammer hätte ein ganzes Regiment bequem Platz gefunden.

»Bei den Göttern, wir sind im Herzen der Eiche!« erläuterte er dem Maultier, das wenig beeindruckt war. Der Zwerg bückte sich und stocherte mit seinem Kurzschwert am Boden herum. »Dieser Baum lebt noch.« Er richtete sich wieder auf, um sich umzusehen.

Feuerschein flackerte an den kupferbraunen Wänden aus lebendem Holz, tauchte die Knoten und Auswüchse in Schatten, beleuchtete aber die glatteren, abgerundeten Teile des Bauminneren. Mehrere Gänge schienen wie enorme, hohle Wurzeln in die Kammer zu münden.

Zur Linken schnaubte und wieherte Windsbraut, die endlich langsam ihre Angst zu verlieren schien. Das Maultier schaute sich um. Ein Ausdruck träger Neugier erwachte in seinen Augen. Dann entdeckte das Tier genau in der Mitte des Eichenraums etwas, das wie ein riesiger Wassertrog aussah, und als echtes Maultier folgte es sogleich seinem ersten Impuls. Es trottete zu dem Holztrog und schnüffelte mit bebenden Nüstern am Rand.

Das Becken war etwa fünf Fuß breit und enthielt klares Wasser. Auf der Oberfläche trieb eine Lilie – eine goldene Lilie mit den Blättern einer normalen Wasserblume, aber einer Blüte aus reinem Gold. Flint streckte die Hand aus und berührte die Blüte ehrfürchtig mit einem Finger. Etwas so Schönes konnte nicht gefährlich sein, dachte er.

»Herbei, herbei, das Portal ist frei, der Stern ist Silber, die Sonne ist Gold, wirf die Münze zum Ziel, dann greif zu und berühre das Gold.«

Flint wich zurück und sah sich mißtrauisch im Raum um, als würde er erwarten, daß eine schöne Elfenfrau mit glockenheller Stimme aus einer der wurzelartigen Höhlen trat. »Was sollte ich machen?« flüsterte er und drehte sich, als erwartete er die Antwort von ihr, zu Windsbraut um, die ihn stumpfsinnig anschaute. »Oh, daß ich ausgerechnet mit so was in einem Zauberbaum stecken muß«, sagte der Zwerg angewidert. »Also, es hieß, man soll eine Münze werfen, und das Portal ist frei. Ein Portal ist eine Tür«, erklärte er Windsbraut. »Und mir scheint, daß ich hier keine richtige Tür sehe, also wird uns vielleicht die Blume helfen. Wie meine Mutter sagen würde: ›Der Spatz in der Hand erleichtert die Sache.‹«

Flint wühlte in einer Tasche und zog die Gesamtsumme seiner winterlichen Einkünfte in Solace heraus: ein Goldstück. »Nun, wenn ich hier verhungere, ist es egal, ob ich abgebrannt bin oder nicht«, überlegte er und warf die Münze in die honigartige Flüssigkeit.

Die Flüssigkeit leuchtete auf, als würde tief unten im holzigen Fleisch der Eiche eine Lampe angehen. »Reorx!« murmelte Flint und griff hilfesuchend nach Windsbrauts Mähne. Das schweißnasse Tier stupste ihn an, als wollte es ihn ermutigen. »Also schön«, fauchte er, um dann nachdenklicher fortzufahren. »Vielleicht hätte ich das Goldstück in die Blume werfen sollen; es scheint die Lilie zu sein, die spricht.« Er berührte ein goldenes Blütenblatt und…

… plötzlich durchströmte Wärme den Körper des Zwergs, und als er sich zu seinem Maultier umdrehte (und erkannte, daß er nie bemerkt hatte, was für ein liebes, treues Tier es doch war), sah er einen ähnlich warmen Schein in Windsbrauts feuchten Augen glänzen. Später würde Flint schwören, daß in diesem Moment Musik von hundert Lauten in der Höhle erklang. Der Raum um sie herum verblaßte. Flint sah, wie sich die schweren Augenlider des Maultiers allmählich senkten, und ließ zu, daß auch seine eigenen zufielen.

Plötzlich wurde es laut, und Flint fühlte Stein anstatt Holz unter seinen Füßen. Er riß die Augen auf.

Dreckverschmiert, voller Piniennadeln und Maultierschweiß stand er da und umarmte die stinkende Windsbraut. Um ihn herum, und zwar etwas tiefer, standen mit aufgesperrtem Mund Tanis, Miral und zahlreiche Elfenhöflinge. Flint schaute sich um.

Er stand auf dem Podium des Sonnenturms. Mit Solostaran, der Stimme der Sonne. Und einem Maultier.

Windsbraut riß das Maul auf und wieherte. Flint sah das als Aufforderung zum Sprechen an.

»Nun«, sagte er, »da bin ich wieder.«

8

Ein Wiedersehen

In einem Gästezimmer des Palasts ruhte der Zwerg in einer riesigen Badewanne unter Seifenschaum, der nach Blüten duftete, und verdaute glücklich das reichhaltige Mahl, das die Stimme ihm geschickt hatte – wilder Truthahn in Aprikosensauce und echtes Bier aus Solace aus Flints eigenen Satteltaschen. Alle Flaschen bis auf eine waren zerbrochen, und der wilde Ritt hatte den letzten Rest Bier sicher nicht verbessert, aber es war trinkbar, zumindest nach Flints Maßstäben.

Unten im Stall des Palastes wurde Windsbraut ebenfalls mit bestem Futter verwöhnt, wie Flint wußte. Das Tier, das anscheinend immer noch von den warmen Gefühlen während des Teleports mit Flint überwältigt war, hatte sich anfangs geweigert, sich von dem Zwerg zu trennen. Während Flint Solostaran und dem Rest des Hofstaats seine Geschichte erzählte und Xenoths Bericht hörte, daß andere Elfen in den letzten paar Wochen einen einzelnen, zauberkundigen Tylor westlich der Schlucht bemerkt hatten, folgte das graue Maultier dem Zwerg durch den Sonnenturm, stubste ihn zutraulich mit der Schnauze an und legte ihm das Kinn auf die Schulter, wobei es eigensinnig nach jedem austrat, der ihm zu nahe kam. Schließlich war es einverstanden, sich von Flint zu trennen, nachdem er es persönlich in den Stall geführt hatte, ihm eine Möhre und einen halben Pfirsich gegeben und es dem Stallknecht überlassen hatte, der es striegeln und füttern sollte.

Flint hatte seine Geschichte nur unterbrochen, als die Stimme einen Trupp Palastwachen zur Jagd nach dem Tylor abkommandierte. Die Suche war um so schwieriger, als der Zwerg nicht genau wußte, wo er angegriffen worden war. Er wußte nur, daß es auf einem Pfad mehrere Meilen vor Qualinost gewesen war, und daß er aufgrund seiner überstürzten Flucht durch das Unterholz nicht sagen konnte, wo er die Eiche gefunden hatte.

Die Stimme, die Flint nach einem solchen lebensgefährlichen Angriff nicht allein wissen wollte, bestand darauf, daß Flint sich ein paar Stunden unter Mirals Pflege im Palast ausruhen sollte. Der Zauberer sollte dem Zwerg im Zweifelsfall beistehen. Flint meuterte und bestand darauf, daß er so fit sei wie jeder nur halb so alte Zwerg, doch Solostaran blieb unnachgiebig.

Jetzt lag Miral auf einer Bank neben der Badewanne, während Flint im Badewasser aufweichte, seinen graumelierten langen Bart unter Wasser hielt und zusah, wie kleine Bläschen daraus zur Oberfläche aufstiegen. Er fragte sich, ob er die Privaträume seines Ladens mit so einer erstaunlichen Erfindung ausstatten sollte. Normalerweise hassen Zwerge Wasser – allerdings kaltes, fließendes Wasser, in dem Fische und Frösche und schlimmere Wesen leben, und das tief genug ist, um einen unvorsichtigen Zwerg in Reorx’ Schmiede zu befördern –, doch das hier war etwas völlig anderes.

»Du bist auf einen Sla-Mori gestoßen«, erklärte Miral Flint.