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Der Zwerg hielt den plattgehämmerten Stab an jedem Ende mit einer Zange fest und legte seine beträchtliche Kraft in die Aufgabe, den Riegel einmal komplett zu drehen. Die vier Kanten des Stabes drehten sich schmückend in der Mitte des Riegels. Flint warf ihn in das Faß mit kaltem Wasser und hielt ihn dann Tanis hin.

Der Halbelf zog die Augenbrauen hoch, pumpte jedoch weiter und fuhr fort. »Der Prinz weigerte sich, den Stein herauszugeben, und die beiden Gruppen erklärten ihm den Krieg. Als sie die Festung endlich erstürmt hatten, strahlte das Licht des Steins über die ganze Gegend. Und als die Gnomen wieder etwas sehen konnten, hatten sich die beiden Parteien verändert.«

Flint betrachtete stolz seinen Riegel. »Den könnte ich in Solace teuer verkaufen«, sagte er zu dem Halbelfen.

»Die neugierigen Gnomen«, sagte Tanis, »wurden Kender. Diejenigen, die auf Reichtümer aus waren, wurden… äh… wurden…« Tanis brach ab und wurde rot.

»Wurden…?« fragte Flint nach, der immer noch den Riegel hochhielt.

»… Zwerge«, schloß Tanis etwas schamrot.

»Aha«, meinte der Zwerg. »Du kannst jetzt aufhören zu pumpen.«

Tanis nagte an seiner Unterlippe und musterte den Zwerg. »Ist das dieselbe Geschichte, die du kennst?« fragte er.

Flint nickte lächelnd. »Dieselbe alte Geschichte«, sagte er.

In dieser Nacht warf sich Miral unruhig auf seiner Schlafstatt herum und versank immer wieder in demselben Traum, der ihn fast jede Nacht quälte, seit die Berichte von dem Tylor aus dem Land eintrafen.

Er war sehr klein, nur ein Kind, das in einer gigantischen Höhle in einem Spalt kauerte. Er wußte, daß er tief unter der Erde war, obwohl Licht von irgendwoher für Beleuchtung sorgte.

Die Dämmerung in der Höhle war gerade hell genug, um den kleinen Miral das schnabelartige, offene Maul des Tylors sehen zu lassen, der nach ihm zu schnüffeln schien.

»Komm raus«, dröhnte das Wesen. »Ich tu dir nichts.«

Miral erschauerte und zog sich noch tiefer in die Öffnung zurück. Er wußte, daß er träumte, aber er wußte auch, daß er das, was in diesem Alptraum jetzt folgte, nicht aufhalten konnte.

Das drachenartige Untier steckte sein klauenbewehrtes Vorderbein in die Spalte. Das Kind, Miral, zog sich so weit wie möglich zurück und schrie zu seiner Schande nach der Mutter. Es rutschte zur Seite und drückte sich noch tiefer an die gekrümmten Wände der Spalte.

Wieder einmal, wie immer in diesem Traum, fühlte er kalte Luft an seinem rechten Arm – wo doch nichts als tote, unbewegte Luft sein sollte. Miral wußte, daß der schlimmste Teil des Alptraums noch kam, der Teil, bei dem er wach wurde und merkte, daß er nicht mehr schlief.

Als Miral sich noch tiefer in die Ecke zurückzog, packte eine Hand seinen rechten Arm.

9

Abenteuer

Der nächste Tag ließ sich mit einer klaren, schönen Dämmerung gut an. Im ersten Morgenlicht glitzerte zwar noch Frost auf den grünen Blättern, doch der war innerhalb einer Stunde verschwunden, und der Tag sollte warm und schön werden.

Tanis hatte vorgeschlagen, nach dem Sla-Mori zu suchen, denn der Halbelf sehnte sich nach einem Abenteuer. Nachdem Flint seine Schmiede angesehen und überlegt hatte, welche Arbeiten er aufschieben konnte, willigte er schließlich ein. Weitere Gruppen bewaffneter Elfen waren unterwegs, und suchten nach dem Tylor, besonders seit die Stimme der Sonne eine ansehnliche Belohnung für den Jäger ausgesetzt hatte, der das seltene Tier erlegte.

Tanis plünderte die Vorratskammer der Palastküche und tauchte kurz nach Tagesanbruch mit einem Laib braunem Brot, einem gelben Käse, einer Flasche Wein für sich und einem Tonkrug mit Bier für den Zwerg – das alles in einem kleinen Sack verstaut – bei Flint auf.

Ausgerüstet mit Streitaxt und Kurzschwert führte Flint Tanis, der seinen Langbogen trug, über die fünfhundert Fuß hohe Brücke über den Abgrund, der die Stadt im Westen schützte. Der Zwerg hatte gehört, daß eine alte Rasse von Luftelementaren, Wesen, die ganz aus Luft bestanden, die Regionen über den Flüssen hütete und nicht zuließ, daß irgend etwas auf anderem Wege als über die Brücke nach Qualinost gelangte. Das Wissen, daß ein reizbarer Elementar darauf wartete, daß der Zwerg einen Arm oder ein Bein über den Rand der Brücke streckte, und Flint dann fünfhundert Fuß tief in die Schlucht reißen könnte, erhöhte sein Wohlbefinden nicht im geringsten.

Tanis zeigte nach Norden. »Ich war noch nie am Kentommenai-Kath«, sagte Tanis. »Gehen wir.«

»Ich dachte, wir jagen den Tylor«, sagte Flint.

»Wir finden die Echse genauso wahrscheinlich am Kentommenai-Kath wie anderswo. Nach dem, was ich gehört habe, ist es wahrscheinlicher, daß die Echse uns findet, als andersrum.«

»Wie beruhigend«, knirschte Flint, der hinter Tanis langtrottete und sich sorgsam vom Rand der Schlucht fernhielt. »Und was ist ein Kentommenai-Kath?«

»Wenn ein Elf sein Kentommen hat, geht ein naher Verwandter, einer, der die Zeremonie noch nicht selbst erlebt hat, zu einem offenen Platz, von wo aus er über den Fluß der Hoffnung blicken kann, und hält dort die ganze Nacht Wache.«

»Mach’s mir nicht so schwer, Junge«, fuhr Flint ihn an. »Was ist ein Kentommen?«

»Das ist die Zeremonie der Elfen, wenn sie ihren neunundneunzigsten Geburtstag feiern – wenn sie erwachsen werden. Porthios hat in ein paar Monaten sein Kentommen. Ich nehme an, daß Gilthanas den Kentommenai-Kath übernimmt.«

Der Pfad schlängelte sich durch den dichten Espen- und Pinienwald, wobei er gelegentlich so nah am Abgrund verlief, daß Flints Handflächen zu schwitzen begannen, dann jedoch zu seiner Erleichterung wieder in den Wald zurückführte. Nach über einer Stunde erreichten sie schließlich den Kentommenai-Kath. Der Pfad führte auf einen sonnenbeschienenen Felsvorsprung aus tiefrotem Granit, der mit weißen, grünen und schwarzen Flechten bewachsen war und nach Osten zur Schlucht zeigte. Flint konnte in der Ferne den Sonnenturm leuchten sehen; die Elfenhäuser sahen aus wie rosafarbene Stämme von astlosen Bäumen. Der Hain in der Mitte von Qualinost war genau im Norden des offenen Bereichs zu sehen, das der Himmelssaal gewesen sein mußte.

Vogelschreie wurden schwach durch die Luft herangetragen. In der Mitte des Kentommenai-Kath war eine dicke, flache Felsplatte, die mit handgroßen Vertiefungen übersät war, in denen klares Wasser stand. Zum Rand der Schlucht hin neigte sich die Felsplatte leicht.

»Hier kniet der Verwandte des Kentommen-Elfen und bittet Habbakuk, den jungen Mann oder die Frau zu segnen, damit sie durch die Jahrhunderte im Einklang mit der Natur leben können«, erläuterte Tanis ehrfürchtig.

Flint wanderte um den Kentommenai-Kath, trat mit seinen Wanderstiefeln fest gegen den Fels und bewunderte die roten, grünen und weißen Schattierungen des Platzes, der von Espen, Eichen und Fichten umstanden war. Friedlich lag die Landschaft da. Er sah zu Tanis hinüber und spazierte weiter. »Flint, nicht!« brüllte Tanis mit entsetztem Gesicht. Flint schaute nach vorne… nach draußen… und nach unten. Der Felsen, der nach drei Seiten sanft abfiel, endete an dieser Seite mit einer scharfen Kante. Der Zwerg stand einen knappen Fuß vor einem mindestens sechshundert Fuß tiefen Abgrund.

Er merkte, wie ihm das Blut in den Adern gefror. Da packte ihn eine starke Hand am Kragen und riß ihn zurück. Tanis und der Zwerg verloren auf dem unebenen Stein das Gleichgewicht und landeten mit einem »Uff!« auf dem festen Granit. Der Halbelf war blaß, und Flint tätschelte den Felsen mit klammer Hand, während sich sein Kopf noch drehte.

»Ich…« Flint sprach nicht weiter.

»Du…« Tanis sprach nicht weiter.

Sie starrten einander lange an, bis Flint schaudernd Luft holte. »Der Rand kommt da drüben etwas plötzlich«, sagte er.